Rheinland-Pfalz
Experte im Interview: „Schlaf sollte der neue Sex sein“
Laut einer Studie leiden Beschäftigte in Rheinland-Pfalz besonders oft an Schlafstörungen, allen voran Menschen in Pirmasens und Kusel. Hans-Günter Weeß ist Schlafexperte am Pfalzklinikum und weiß, wie man gut durch die Nacht kommt.
Ja, ich weiß ja, wie es geht.
Und wie geht schlafen?
Rechtzeitig vor dem Zubettgehen abschalten. Die Probleme vor der Schlafzimmertür lassen. Mit schönen Gedanken selig ins Kissen kuscheln.
Hört sich gut an. Und wie lässt sich das umsetzen?
Dazu braucht es eine gute Schlaf-Hygiene. Das heißt nicht, gut geduscht ins Bett zu gehen, sondern: Nicht zu früh schlafen gehen und schon gar nicht vor dem Fernseher einschlafen. Denn danach wachen wir auf, sind eher gerädert. Tiefschlaf gibt es vor der Kiste nicht. Und eine Portion Egoismus gehört auch dazu. Wenn der Partner abends noch Probleme wälzen will, muss man sagen, Schatz, lass uns das morgen regeln. Entspannungsübungen helfen. Das kann Meditation sein, aber auch Yoga oder eine Fantasiereise. Und: Die Arbeit Arbeit sein lassen.
Was ist, wenn wir nicht genug schlafen?
Schlaf ist die beste Medizin, er ist das wichtigste Reparatur- und Regenerationssystem des Menschen. Wer nicht genug Ruhephasen hat, hat ein deutlich höheres Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes. Und die Gefahr, an Depressionen zu erkranken, verdoppelt sich.
Laut dem am Mittwoch vorgelegten Gesundheitsreport der Barmer Krankenkasse schlafen die erwerbstätigen Rheinland-Pfälzer und speziell die Pfälzer im bundesweiten Vergleich besonders schlecht ...
In Rheinland-Pfalz leiden geschätzt 240.000 Menschen an Ein- und Durchschlafstörungen, also rund sechs Prozent. Diese Quote gilt auch deutschlandweit. Betrachtet man die Daten des Barmer Gesundheitsreports, schlafen die Erwerbstätigen in Rheinland-Pfalz schlechter als anderswo. Unter den Erwerbstätigen im Land litten im Jahr 2017 4,2 Prozent unter Schlafstörungen, bundesweit 3,8 Prozent. Die Dunkelziffer dürfte aber höher liegen.
Pirmasens, Kusel, Landau und der Landkreis Kaiserslautern führen die Liste an mit Quoten von über fünf Prozent unter der arbeitenden Bevölkerung. In Bad Dürkheim dagegen schläft man besser. Warum?
Alle Unterschiede können wir nicht erklären, Einflüsse gibt es viele. Aber Geld ist auch ein gutes Ruhekissen. Bekanntlich gibt es in der Region Bad Dürkheim landesweit das höchste Pro-Kopf-Einkommen, in Pirmasens und Kusel eine hohe Arbeitslosenquote. Die Gefahr des Jobverlusts ist größer. Liegt das Familien-Netto-Einkommen unter 1500 Euro, ist die Tendenz zu Schlafstörungen groß, bei über 4500 Euro eher gering. Aber Topmanager liegen eher mal wach. In einem Land mit hoher Wirtschaftskraft ist der Druck hoch.
Was läuft falsch im Land?
Es gibt zu wenig spezialisierte Ärzte. Auch Schlaflabors – in Kandel oder eines in Speyer – wurden geschlossen.
Warum leiden so viele Menschen an Schlafstörungen?
Weil viele keine Anleitung haben oder vermittelt bekommen, wie es geht. Und weil wir Schlafstörungen bagatellisieren. Wir brauchen eine neue Schlafkultur. Schlaf sollte der neue Sex sein.
Ihr Schlafzentrum im Pfalzklinikum ist eines der größten im Land. Was machen Sie dort?
Wir sind das einzige Speziallabor dieser Art in Rheinland-Pfalz. Wir können 80 verschiedene schlafbezogene Erkrankungen untersuchen. Von unruhigen Beinen, Schlafwandeln über Albträume bis zu krankhaftem Schnarchen. Wir haben zwölf Plätze im Schlaflabor und behandeln jährlich rund 1000 Patienten stationär. Ansonsten bieten wir auch zweitägige verhaltenstherapeutische Seminare an. Die muss man aber zurzeit noch selbst bezahlen.
Was lernt man dort?
Man lernt mit kognitiv-verhaltenstherapeutischen Techniken wieder, seine eigene Schlaftablette zu werden. Zum Beispiel Entspannung. Und auch, das Gedankenkarussell zu stoppen. Dafür verwenden wir auch die Bett-Zeit-Restriktion. Dabei dürfen die Teilnehmer nur so lange ins Bett, wie sie meinen, in den vergangenen Tagen geschlafen zu haben. Die meisten werden dann nach wenigen Tagen von allein müde. Und: Wer anfängt zu Grübeln, muss aufstehen. Das Bett soll wieder zur Wellnessoase werden. Übrigens: Gelegentlich eine Schlaftablette ist okay. Aber: Sie hat keine heilende Wirkung.
Wer ist ein guter Schläfer?
Der, der auch nachts gut verdrängen kann. Männer schlafen deshalb normalerweise besser als Frauen. Verdrängen ist für die Nacht gut, ansonsten aber nicht. Probleme sollten gelöst und nicht aufgeschoben werden.
Der Begriff präsenile Bettflucht deutet darauf hin, dass gerade Ältere schlecht schlafen. Haben Sie einen Tipp für sie?
80 Prozent der Deutschen kommen mit sechs bis acht Stunden Schlaf aus. Ältere Menschen aber neigen dazu, aus Langeweile zu lange im Bett zu liegen und auch tagsüber zu viel zu schlafen. Zehn, zwölf Stunden im Bett, das ist einfach zu viel. Im Alter ist es ganz natürlich, auch nachts mal wach zu liegen. Das sollte man akzeptieren. Wenn das rote Teufelchen auf die Schulter klopft und zum Schlafen drängt, klappt es bestimmt nicht. Deshalb: Druck raus.
Interview: Simone Schmidt