Rheinland-Pfalz Es wär so schön ein Storch zu sein
Störche haben ein tolles Leben. Ihre großzügig bemessenen Behausungen werden ihnen nicht selten von wohlmeinenden Menschen voll bezugsfertig und mietfrei zur Verfügung gestellt. Diese Familienunterkünfte befinden sich oft in bester Zentrumslage, auf jeden Fall aber in luftiger Höhe mit einer atemberaubenden Aussicht auf das Treiben der menschlichen Nachbarn da unten. Wenn ihnen danach ist, breiten die Adebare ihre stattlichen Schwingen aus und segeln beneidenswert elegant mal hierhin und mal dorthin. Im Vorüberschweben wird dann ein Wurm oder ein Mäuschen – oder was sich sonst so anbietet – schnabuliert. Bei der Rückkehr zum Horst wird das Familienoberhaupt von der Gattin mit freudigem Geklapper begrüßt. Der gemeinsam aufgepäppelte Nachwuchs fällt nur zwei, drei Monate zur Last. Dann macht er die Flatter. Danach ist jedes Jahr ein halbjährlicher Urlaub im sonnigen Süden angesagt. Spanien und Marokko sind für Pfälzer Störche besonders beliebte Reiseziele. Für manche Adebare darf es aber auch gern noch eine Ecke weiter sein. Nur die Gourmets, die Liebhaber der französischen Küche, zieht es nicht allzu weit weg vom pfälzischen Horst: Auf einer elsässischen Müllkippe gibt es so viele Leckereien zu entdecken, dass sie dort locker über den Winter kommen. Während so ein Storch alles „fer umme“ bekommt, muss unser einer seine tägliche Mahlzeit und erst recht den Urlaub in Euro und Cent berappen. Und das nötige Kleingeld dafür im Schweiße seines Angesichtes verdienen. Womit sich die Frage stellt: Sind Störche nicht einfach zu beneiden? Darauf lässt sich mit Radio Eriwan antworten: Im Prinzip ja, aber es kommt darauf an. Wer gern tauschen würde, sollte auch die Mühsale bedenken, mit der die gefiederten Freunde geschlagen sind. So ein Wohnsitz über den Dächern verfügt weder über Regenschirm noch über Klimaanlage. Man ist dort Wind und Wetter gnadenlos ausgesetzt. Aber Störche wissen sich zu helfen. Damit der Nachwuchs bei wolkenlosem Himmel nicht allzu sehr unter dem Dauer-Sonnendbad leidet, stellt sich ein Elternteil so in Position, dass die Sprösslinge in seinem Körperschatten ruhen können. Der andere Altvogel muss derweil Futter für die Brut heranschleppen. Außerdem betätigen sich Mama und Papa als Wasserträger: Sie stellen sich über die Küken und lassen das ersehnte Nass aus dem Schnabel herunterrieseln. Die Kleinen können dann wählen, ob sie lieber duschen oder trinken wollen. Auch für sich selbst haben die Storcheneltern ausgefeilte Kühltechniken entwickelt. Da sie mangels Schweißdrüsen nicht schwitzen können, hecheln sie bei leicht geöffnetem Schnabel. Etwas anrüchig erscheint unsereinem die zweite Sonnenschutz-Variante: Normalerweise sind Adebars schlanke Beine knallrot gefärbt. Wenn es heiß wird, werden sie plötzlich weiß – dann hat sich der Storch mit seinem flüssigen Kot bespritzt. Dessen Feuchtigkeit entzieht dem Körper beim Verdunsten Wärme. Den jüngsten Lesern sei an dieser Stelle dringend angeraten: Bitte nicht selber ausprobieren. Das geht garantiert in die Hose – so oder so. Zurück zur Frage: Sind Störche zu beneiden? Zugegeben – wenn es bei uns kalt wird, machen viele von ihnen den Abflug. Leider ist die Reise in sonnige Gefilde für sie wesentlich unfallträchtiger als für unsereinen. Strommasten werden gern als Rastplätze genutzt – in Unkenntnis der Gefahren, die dort lauern, wenn man den Leitungen zu nahe kommt. Und in manchen Gegenden Westafrikas kann es den Adebaren passieren, dass sie von der Bevölkerung als willkommene Abwechslung des Speisezettels angesehen werden. Im Nachhinein betrachtet wäre es vielleicht doch nicht so toll, ein Storch zu sein. Aber wenigstens ein bisschen kann jeder von uns an seinem Leben teilhaben. Die Aktion Pfalzstorch hat gerade wieder 19 Adebare mit Minisendern ausgerüstet (mehr dazu unter www.pfalzstorch.de). Dadurch lässt sich ihre aufregende Reise in den Süden Tag für Tag via Internet mitverfolgen. Die dafür nötige Animaltracker-App der Max-Planck-Gesellschaft lässt sich über Google Play oder den App-Store kostenlos herunterladen. Es lohnt sich. | Jürgen Müller