Rheinland-Pfalz
Der Weintipp: Das 0,1-Hektar-Weingut
Wie ein Journalist den kleinsten weinproduzierenden Betrieb der Pfalz gründete.
So kann es gehen. Da kauft man sich ein altes Sandsteinhaus oben auf der Haardt. Es gibt ja, wenn man vorwiegend in Neustadt arbeitet, kaum etwas Schöneres als ein trautes Heim relativ nahe beim Wald mit Morgensonne und Blick über die Rheinebene. Und wenn die Aussicht nicht verbaut werden kann ... Halt! Vor dem Haus befindet sich ein Weinberg, der eines Tages zum Verkauf steht, weil jemand auf das Grundstück einen Aussiedlerhof bauen will. Und schon ist die Aussicht futsch. Was macht man da?
Weinjournalist kauft Muskateller-Weinberg
Man kauft den Weinberg selber – koste es was es wolle – und wird stolzer Besitzer von 17 Zeilen Muskateller. Man könnte sie verpachten oder ausreißen und einen großen Garten anlegen, wenn da nicht der Reiz wäre, mal beruflich auf der anderen Seite des Tisches zu stehen. Michael Hornickel, ein ganzes Berufsleben lang Fachjournalist für Wein, hat für Zeitschriften wie „Weinwirtschaft“ und „Weinwelt“ Tausende von Weinen verkostet und bewertet. Da juckt es in den Fingern, ähnlich wie bei den Literaturkritikern, die am Ende doch einen eigenen Roman schreiben. Mit Kellermeister-Legende Hans-Günter Schwarz gewann er einen der Besten als Berater. In Deidesheim fand sich für den Ausbau ein Tank in einem Weingut. Und schon war das kleinste Weingut der Pfalz geboren, mit 0,1 Hektar gerade groß genug für eine offizielle Betriebsnummer.
Duft nach Lychee, Heu und Orangen
Romane von Literaturkritikern fallen nicht selten durch und ernten hämische Kritiken von Kollegen. Michael Hornickel macht es richtig: Er will kein Großes Gewächs produzieren, sondern einen erfrischenden, zugänglichen Spaß-Wein mit nicht zu viel Alkohol. Dabei gelingt das nicht einfache Kunststück, im ungeliebten Graubereich zwischen richtig trocken und richtig süß einen ausgesprochen guten und spannenden Wein zu keltern. Der 2018er ist ein erfrischender Muskateller mit Duft von Lychee, Heu und Orangenschale. Im Mund Leicht und spielerisch, ist die süffige Restsüße (17 Gramm) schön mit Säure gepuffert. Der Wein mit Seltenheitswert macht vor allem ohne Essen Spaß.
Info
2018 Muskateller „17 Zeilen“, Hornickel & Hornickel, Neustadt-Haardt, Telefon 06321/33780, michael@hornickel.net, 9,80 Euro ab Weingut
Unser Autor
Jürgen Mathäß ist Weinjournalist und Seminarleiter, er verkostet für den Vinum-Weinführer und ist Experte für Pfälzer Weine sowie für die Weine der iberischen Halbinsel und Südamerikas. Seit 2007 schreibt alle zwei Wochen den „Weintipp“ für die RHEINPFALZ am SONNTAG. Er lebt in Landau-Arzheim.