Rheinland-Pfalz Der Marathonfaktor

Dieser Text beginnt mit einer Warnung an alle Leserinnen und Leser, die sich über die Zunahme englischer Begriffe im Alltag ärgern und die ihr größtmögliches Desinteresse an Computern bewahren wollen: In den folgenden Zeilen wird es vor Anglizismen fast strotzen, außerdem handeln sie davon, dass viele Menschen mit vielen Rechnern viel Zeit verbringen. Wer jetzt aussteigt, bleibt verschont, erfährt allerdings nicht, was die Mainzer Staatskanzlei der SPD unter deren Ex-Chef Martin Schulz nach- und dem Vatikan vorgemacht hat: einen Hackathon (sprich Häckeson mit gelispeltem „s“). So werden Veranstaltungen bezeichnet, bei denen sich Hard- und Software-Entwickler treffen, um eine bestimmte Aufgabe zu lösen. Der Begriff kommt von „hacken“, womit zunächst ein ideenreiches Herumexperimentieren gemeint war, heute aber meist das unerlaubtes Eindringen in fremde Netze bezeichnet wird, und von „Marathon“. Der übliche Hackathon dauert 24 Stunden. So war es im März 2017, als die SPD-Bundespartei Computerfachleute versammelte, um die digitale Kampagne für ihren Kanzlerkandidaten Martin Schulz zu bereichern. „Ein Schulzzug-Videospiel garantiert ohne Bremsen“, bejubelte im März 2017 die SPD-Parteizeitung „Vorwärts“ eines der Ergebnisse. Ob die 40 Hacker verantwortlich sind, dass der Schulzzug bei der Einfahrt in die Bundestagswahl so ruckelte, hat noch niemand untersucht. Kein Transportmittel für Personenkult, sondern Ideen und Lösungen für das „Internet der Dinge“ suchte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), als sie im Februar fast 100 Nachwuchs-Computerspezialisten aus rheinland-pfälzischen Universitäten und Schulen versammelte – allerdings nur eine Tagschicht lang. Der Regierungs-Hackathon lag damit Wochen vor einer Veranstaltung in Rom. Der Vatikan versammelte 120 hochkarätige Experten aus 30 Ländern, um drei Tage lang Anwenderprogramme für soziale Themen und den interreligiösen Dialog zu schreiben. In Mainz ging es weltlicher zu. Die Nachwuchs-Hacker entwickelten zum Beispiel ein Programm, das mittels Sensoren im Blumentopf Alarm schlägt, wenn die Erde zu trocken ist. Für eine Gießvorrichtung mit elektronischer Steuerung war dieser Mainzer Marathon offenbar zu kurz. Deshalb haben Leser, die dem Text bis hierher gefolgt sind, zwar keinen Blumentopf gewonnen, aber die Einsicht, dass der Mensch in diesem digitalen Stadium unersetzlich bleibt – und sei es zum Blumengießen.