Rheinland-Pfalz
Bestsellerautor Christian Baron im Interview: „Ich wollte keinen Sozialporno“
Herr Baron, der Titel Ihrer Kindheitserinnerungen „Ein Mann seiner Klasse“ klingt selbstbewusst. Warum erfährt der Begriff „Klasse“ eine Renaissance, nicht nur hier, sondern auch in Frankreich, wo Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ Aufsehen erregt?
Mit der Einführung von Hartz IV hat sich der Blick auf Armut in Deutschland geändert. Seither wird Armut gesehen als aktiv gesellschaftsschädigendes Verhalten. Das führt dazu, dass Menschen gezwungen sind, auf Behörden Kontoauszüge vorzulegen, Termine einzuhalten. Das hat eine neue Debatte über Armut in Deutschland ausgelöst. Die Ungleichheit im Land wächst. Es gibt immer mehr Working Poor, Menschen, die zwar arbeiten, aber deren Lohn zum Leben nicht reicht. Das war bei meinem Vater auch so. Neun Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland leben unterhalb der Armutsgrenze. Diese Gesellschaft driftet auseinander.
Sie schildern eine Kindheit in Armut. Sie haben Abitur gemacht, studiert. Aber Sie beschreiben – wie schon die Autorin Daniela Dröscher in „Zeige deine Klasse“ – dass Sie nicht restlos ankommen in der arrivierten Mittelstandsgesellschaft.
Das, was in mir steckt, werde ich nicht los. In meiner Wohnung hängt zwischen Bücherregalen ein Fünfzig-Zoll-Flachbildschirm. Ich erinnere mich noch an den anklagenden Blick meines Nachbarn, als der geliefert wurde. Das hat in mir eine Scham ausgelöst.
Die Größe der Bildschirmdiagonale gilt nicht überall als Statussymbol. Wie erleben Sie diese versteckten kulturellen Codes der bürgerlich Etablierten?
Ich bewege mich jetzt in einem sozialen Milieu, in dem nur sehr wenige Menschen annähernd die gleiche Herkunft haben wie ich. Da ist die Regel, dass Kinder mit Büchern aufwachsen. Selbst wer ökonomisch nicht behütet war, verfügt meist zumindest über diese kulturelle Dimension. Der französische Denker Pierre Bourdieu spricht von einer „legitimen Kultur“. Ich musste diese Codes erst wie eine Fremdsprache lernen. Ich habe Bildung als Schlüssel fürs Leben erst im späten Jugendalter entdeckt. Wenn man so will, spreche ich heute noch Bildung mit Akzent. Auf der anderen Seite habe ich eine Jahreskarte für den Europapark, ein Erlebnispark in Rust. Da nehme ich die Kinder meiner Geschwister mit. Ein Versuch, verpasste Kindheit nachzuholen.
Sie beschreiben Ihre Mutter als feinsinnige Frau, die als Schülerin Gedichte geschrieben hat, aber von einem Lehrer bloßgestellt wurde. Sie hatten das Glück, auf Menschen zu treffen, die Sie förderten – Ihre Tanten, aber auch Lehrer. Was kann Schule leisten?
Mir ist früh im Leben klar geworden, dass es strukturelle Probleme gibt für Kinder meiner Herkunft. Ich bin früh auf Lehrer getroffen, die meine Schweigsamkeit nicht mit Desinteresse gleichgesetzt haben, sondern erkannt haben: Meine Schüchternheit und Zurückhaltung beruhen auf meiner sozialen Herkunft.
Was heißt das für die Bildungspolitik?
Wer Kindern aus allen sozialen Schichten eine Chance im Leben geben will, muss das mehrgliedrige Schulsystem auflösen. Kinder mit zehn oder zwölf Jahren auf eine Schulform festzulegen, ist purer Wahnsinn mit Blick auf Kinder aus benachteiligten Familien. Aber auch aus demokratietheoretischen Gründen. Gesellschaft braucht einen Ort, an dem sie sich einübt. Eine Gemeinschaftsschule, an der Kinder aus verschiedenen Milieus lange miteinander lernen, ist dafür der richtige Ort.
Ihr Buch steht in einer Reihe von Büchern zur Arbeiterkultur – vornehmlich aus Frankreich. Nicolas Mathieu hat in seinem Roman „Wie später ihre Kinder“ erzählt, wie sich Armutskarrieren fortpflanzen – trotz formellen Bildungsaufstiegs.
Mathieu zeichnet ein sehr klares Bild vom Frankreich der 90er-Jahre. Er hat sich klugerweise nicht dazu verleiten lassen, sich auf billige politische Botschaften einzulassen. Aber wer sein Buch gelesen hat, wird danach nicht einfach sagen können: In dieser Gesellschaft läuft alles okay, wir machen genau so weiter.
Am Anfang war Didier Eribon. Er hat in „Rückkehr nach Reims“ versucht zu ergründen, warum sein Vater und die einstige Arbeiterstadt an den rechten „Front National“ gefallen sind.
Eribon ist Soziologieprofessor, das führt zu einem leicht akademischen Ton. Mir war sehr früh klar, dass meine Herangehensweise näher an Edouard Louis liegt ...
... ein Schüler Eribons, der in seinem Roman „Wer hat meinen Vater getötet?“ mit der Sozialpolitik Emmanuel Macrons abrechnet.
Ein starkes Buch. Mich hat aber Louis’ erstes Buch „Das Ende von Eddy“ noch mehr aufgewühlt. Der erste Satz blieb bei mir hängen. „An meine Kindheit habe ich keine einzige gute Erinnerung.“ Da war ich sauer und dachte: Junge, du belügst dich. Der erste Teil von „Wer hat meinen Vater getötet“, gehört für mich zum Schönsten, was jemand über seinen Vater geschrieben hat. Die politische Anklage ergibt sich dann von selbst. Wer den Zorn der Gelbwesten in Frankreich verstehen will, muss Louis lesen.
Armut produziert Armut. Wie haben Sie das als Kind erlebt?
Mein Vater hat die ganze Woche gearbeitet. Er war stolz darauf, Malocher zu sein. Wenn er nach der Arbeit nicht in die Kneipe ging, kam er todmüde daheim an. Dennoch reichte am Ende des Monats das Geld nicht für Essen oder Strom. Das erzeugt Frust. Selbst für die Kinder. Für sie setzt sich fest: Fleiß zahlt sich nicht aus.
Ihr Vater ertränkte seinen Frust in Alkohol oder trug ihn als Gewalt in die Familie. Ihr Titel „Ein Mann seiner Klasse“ klingt fast wie ein Freispruch, er suggeriert ein Gefangensein in Strukturen. Als Ihr Vater schon schwer krank war, mochten Sie sich nicht mit ihm aussprechen. Ist das Buch eine späte Versöhnung?
Das Buch ist ein Hadern. Es ist in einer Phase entstanden, in der ich auf dem Weg bin, meinen Frieden mit diesem Mann zu finden. Er versteht, dass er reingelegt wird von diesem System, aber er kanalisiert seine Wut auf völlig falsche Weise: Indem er nach unten tritt. Das soll sein Verhalten in keinem Fall entschuldigen, sonst würde jeder, der in Armut lebt, trinken und prügeln. Aber bei ihm war die psychische Disposition so, dass er über diesen Frust krank geworden ist. Sein Verhalten als Krankheit zu sehen, sorgt dafür, dass ich mit einer gewissen Distanz darüber urteilen kann, so sehr ich in meiner Kindheit auch darunter gelitten habe.
Sie schreiben darüber sehr intim. Inwiefern haben Sie sich mit Ihren Geschwistern abgestimmt?
Mein Bruder hat die Rohfassung gelesen. Ich musste einen Ton finden, der diejenigen nicht aus dem Blick verliert, deren Leben ich in dem Buch verarbeite. Was ich auf keinen Fall wollte, ist ein Sozialporno nach dem Muster von RTL II. Ich wollte unbedingt verhindern, dass der Leser zum Voyeur wird. Diese Sozialromantik für Rotweintrinker auf dem Sofa wäre für mich schlicht Klassenverrat. Ich wollte, dass die Menschen kapieren, wie das Leben da unten wirklich ist.
Womit wir wieder bei der „Klasse“ wären. Warum interessiert sich die Bionade-Society auf einmal für die da unten? Nur weil die Menschen plötzlich rechts wählen und es politisch ungemütlich wird im Land?
Wir erleben in Deutschland eine besondere Situation der Klassendiskriminierung, gerade auch von Linksliberalen. Das wird von der AfD sehr stark ausgenutzt. ,Die da oben verarschen uns nur’ – der antielitäre Reflex erfährt eine gefährliche Konjunktur.
Sie berichten, Ihre Familie habe klassisch Rot, zuweilen gar Grün gewählt. Die Einstellung Ihrer Verwandten habe sich nicht geändert, aber die SPD würde niemand mehr wählen. Warum?
Um eins klarzustellen, rechts wählt in meiner näheren Umgebung niemand. Aber wir erleben einen systematischen Abbau des Sozialstaats. Hartz IV war Klassenverrat durch Gerhard Schröder, Frank Walter Steinmeier und Franz Müntefering. Das macht die SPD für Vertreter meiner Familie überhaupt nicht mehr wählbar. Auch nicht die Grünen, die die Klimadebatte individualisieren und zur Genussfrage stilisieren. Hartz IV muss weg. Wir brauchen einen Mindestlohn, der die Menschen ernährt. Sozialen Wohnungsbau – und zwar massiv. Und eine andere Steuerpolitik. Aber die Parteien, die sich eigentlich um sozial Benachteiligte kümmern müssten, haben diese Menschen längst aufgegeben. Und das ist das eigentliche Problem, weil damit die Demokratie erodiert.
Aufgewachsen sind Sie in Kaiserslautern, einst stolze Industriestadt mit Weltmarken wie Pfaff. Die Firma ist weg, ebenso weite Teile der US-Armee. Was macht das mit so einer Stadt, wenn die Arbeitskultur schwindet?
Kaiserslautern ist nicht unbedingt eine schöne Stadt. Zumindest nehme ich das heute so wahr. In meiner Kindheit habe ich das natürlich idealisiert. Heute rangiert die Stadt in der Pro-Kopf-Verschuldung mit Oberhausen und Pirmasens unter den Top 3 in Deutschland. Das geht nicht spurlos an den Menschen vorbei. Wenn ich durch die Stadt gehe, merkt man den Menschen diese Bürde auch an. Und das Identifikationspotenzial durch den Fußball ist auch weg. Das ist ein schleichender Prozess.
Der einst große 1. FC Kaiserslautern kämpft in der Dritten Liga ums wirtschaftliche Überleben. Nimmt Sie das mit?
Natürlich. Die Resignation rund um den Club ist schon groß. Wenn ich in Kaiserslautern bin, gehe ich immer mal wieder ins Stadion. Dritte Liga ist sehr hart. Aber die Energie, die von der Westkurve ausgeht, ist immer noch unglaublich. Ich komm davon nicht los. Deshalb treibt es mich immer wieder hin. Wenn ich mit meinem Bruder zusammen im Stadion bin, sind wir glücklich miteinander. Aber wenn der Verein verliert, ist für mich das ganze Wochenende im Eimer.
Angefangen zu schreiben haben Sie als Schüler für den Regionalsport der RHEINPFALZ. Ihre Tante hat am Telefon so lange auf den Redakteur eingeredet, bis der Ihnen den ersten Auftrag gab. Wäre eine solche Chance für einen Jugendlichen aus prekären Verhältnissen in einer Großstadt denkbar?
Ganz sicher nicht in Berlin. Kaiserslautern ist eine Mittelstadt, aber auf angenehme Art fast dörflich geblieben. Das meine ich nicht negativ. Dieses Dörfliche in der Pfalz hat etwas sehr Egalitäres und Offenes. Fast Südländisches. Lass den mal machen. Kam dann ja ganz gut hin.