Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Antisemitismus im Alltag: Der alte Hass

Wer angesichts der Ereignisse von Halle von einem „neuen Antisemitismus“ spricht, der dürfte die letzten 20 Jahre nicht richtig
Wer angesichts der Ereignisse von Halle von einem »neuen Antisemitismus« spricht, der dürfte die letzten 20 Jahre nicht richtig aufgepasst haben. Im Bild: Grabschändung auf einem jüdischen Friedhof, Thallichtenberg, 2008. Archivfoto: Sayer

Nach der versuchten Attacke auf Synagogenbesucher in Halle wird in Deutschland über das Thema Antisemitismus diskutiert – wieder einmal und wieder einmal aus gegebenem Anlass. Zeit, zu fragen, was der Hass eigentlich mit Menschen macht – mit denen, die direkt von ihm betroffen sind.

Sprache ist verräterisch. Die des deutschen Musiklehrers, der seine Schüler anweist, die gestellte Aufgabe „bis zum Vergasen“ zu lösen. Die der muslimischen Schülerin, die zu Protokoll gibt, tolerant gegenüber allen zu sein, nur nicht gegenüber Juden, denn „die gehören vergast“. Die des deutsch-italienischen Knaben, der mit einer jüdischen Mitschülerin flirtet und ihr bei einer Busfahrt durch die Haare fährt, um zu schauen, wo Juden „Hörner am Kopf“ haben. Und die der Oma des Buben, die sich anschließend darüber mokiert, „dass die Juden mit meinem Enkel im Gymnasium lernen dürfen.“ Sprache ist entlarvend, und Sprache ist bei manchen Themen erschütternd stabil: Die Zitate entstammen nicht der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und nicht der direkten Nachkriegszeit – sie stammen aus den 2010er-Jahren. Festgehalten hat sie eine Studie zum Alltagsantisemitismus an deutschen Schulen („Mach mal keine Judenaktion!“) der „Frankfurt University of Applied Sciences“ aus dem Jahr 2018. Und die widerlegt eigentlich die zurzeit wieder gern verbreitete These, Antisemitismus, manifest beispielsweise im versuchten Anschlag auf Synagogenbesucher in Halle, sei in Deutschland die absolute Ausnahme. „Es ist nicht so, dass es jetzt plötzlich aufgekommen ist“, sagt Professor Julia Bernstein, die Leiterin der Frankfurter Studie, „das war immer da“.

Der Hass kommt von allen Seiten

Man kann das, was immer schon da war und immer wieder neu aufschäumt, nach formalen Kriterien einteilen, wie die wissenschaftliche Literatur das tut – und beispielsweise zwischen israelbezogenem, verdecktem oder rassistischen Antisemitismus unterscheiden. Man kann Antisemitismus anhand seiner politischen und sozialen Trägerschichten verorten und zwischen alt- und neurechtem, bürgerlichem oder linkem Antisemitismus unterscheiden, letzterer oft als Israelkritik getarnt. Die Übergänge sind allerdings fließend – und über allem steht die Frage: Was macht das eigentlich alles mit Menschen, jener alte Hass, der sich permanent neu verortet – und sein Ziel scheinbar von allen Seiten kommend umzingelt? Der Mainzer Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky bleibt – allerdings noch vor den Ereignissen in Halle befragt – zunächst mal demonstrativ gelassen. „Antisemitismus hat eben eine lange Tradition...“, sagt Vernikovsky. Salopp interpretiert: Schön, dass Sie’s nach um die 4000 Jahren auch schon mitbekommen. Für die Frankfurter Soziologin Bernstein herrscht in Deutschland inzwischen eine „Reizstimmung (...) in der für die jüdischen Betroffenen die Shoah-Geschichten in der Familie wieder präsent werden.“ Und Marina Nikiforova, die Geschäftsführerin der jüdischen Gemeinde der Rheinpfalz, macht das, was wohl viele deutsche Juden tun: Sie versteckt in der Öffentlichkeit die Symbole ihres Glaubens. Nikiforova hat lange keinen Davidstern getragen, „meiner Mutter zuliebe“, die hatte Angst um sie. Festzuhalten, vor wem man da eigentlich Angst haben müsste, das dürfte zuzeit allerdings nicht leicht fallen: „Es ist nicht wahr, dass das alles von Muslimen kommt“, sagt Nikiforova, „die rechte Szene schämt sich nicht mehr...“

„Du Jude“ ist Schimpfwort auf Schulhöfen

Liest man die Frankfurter Studie, die Bernstein gerade zu einer Buchpublikation erweitert, dann lässt sich als eine Vorbedingung des neuen, alten Antisemitismus eine schleichende Verrohung von Sprache ausmachen, einer Sprache, die gleichsam die Nährlösung für den Hass darstellt: „Eine Normalisierung von bestimmten Sprüchen“, erkennt Bernstein, und der Bezug auf Gas und Hörner stellt da nur die Spitze des Blöden dar. „,Du Jude’“, als Schimpfwort benutzt, „ist etwas, das sich durch alle Schultypen zieht“, meint Esther Graf von der Heidelberger Agentur „Altenburg&Graf“, die sich der Vermittlung jüdischer Kultur verschrieben hat. Es ist jene schlichte Bezeichnung „Jude“, an der sich die Schwierigkeiten der Beziehung von jüdischen und nichtjüdischen Deutschen verdeutlichen lässt: Jahrzehntelang haben viele Deutsche den Begriff eher vermieden und sich in Phrasen wie „Mitbürger jüdischen Glaubens“ geflüchtet – wohl aus Scheu, einen Begriff zu benutzen, der im Nationalsozialismus ausschließlich abwertend und entmenschlichend gebraucht wurde. Inzwischen beobachtet Graf, dass die Besucher ihrer Veranstaltungen „viel häufiger ,Juden’ sagen“ – eigentlich wohl eher ein Zeichen der Annäherung zwischen Mehrheitsgesellschaft und jüdischer Minderheit. Gleichzeitig muss der Begriff „Jude“ auf den Schulhöfen dann allerdings zum Schimpfwort mutiert sein – als sprachliches Zeichen der Entfremdung und Ausgrenzung, der Enttabuisierung letztlich nationalsozialistischen Sprachgebrauchs. Die gezielten Tabubrüche in manchen Bereichen der Populärkultur mögen dabei eine Rolle gespielt haben, im Deutschrap oder Fernsehserien wie „South Park“. Nicht jede antisemitische Äußerung verweist dabei wohl auf ein gefestigtes antisemitisches Weltbild. Jede antisemitische Äußerung reproduziert allerdings Antisemitismus.

Neues Interesse an jüdischer Kultur

Der mag diffus daherkommen – und dabei trotzdem klare Zielvorstellungen haben: Die Frankfurter Studie zitiert eine Lehrerin mit der Ansicht, die Beschäftigung mit dem Völkermord an den europäischen Juden müsse „irgendwann wirklich kompakt und abgeschlossen sein“ – damit sich in Deutschland wieder Nationalstolz entwickeln könne. Was die grundsätzliche Paradoxie des Antisemitismus illustriert: Er schafft sich permanent seine eigenen Voraussetzungen. Wer mit den unliebsamen Teilen seiner eigenen Geschichte Schluss machen will, der trägt erst recht dazu bei, dass nie Schluss sein kann. Und er verhöhnt nicht nur die Opfer, sondern auch deren Nachkommen: „Alle Jüdinnen und Juden, die von hier stammen, sind von der Shoah geprägt“, sagt Graf. Gleichwohl scheint es bei vielen deutschen Juden durchaus Bestrebungen zu geben, sich nicht ausschlielßich über das Verhältnis zum Holocaust zu definieren: Es gebe „eine neue Generation, die eine neue Wahrnehmung des Judentums“ entwickle, sagt Rabbiner Vernikovsky, „das Interesse an der lebendigen jüdischen Kultur“ habe, aus dem Judentum selbst kommend, deutlich zugenommen. Im Jüdischen Museum Berlin beleuchtet gerade die Ausstellung „A wie jüdisch“ jüdische Alltagskultur – und manche Kommentatoren haben sich da schon erfreut gezeigt, dass sich die Perspektive auf jüdisches Leben in Deutschland nicht mehr ausschließlich auf den Völkermord des 20. Jahrhunderts beschränke. War vielleicht ein wenig früh: Auf das Wiederaufflackern des Antisemitismus und seine Fähigkeit, genau das ins Gedächtnis zu rufen, was er eigentlich vergessen möchte, ist da durchaus Verlass.

Beschneidungsdebatte war ein „Schlag ins Gesicht“

Und Antisemitismus hat sich eben nicht erst in Halle gezeigt: Drei Tage vor den Ereignissen am Fest Jom Kippur hat ein Syrer vor der Neuen Synagoge in Berlin Mitte ein Messer gezogen – mit dem Ruf „allahu akbar“. Die Angriffe auf Juden vor allem in Berlin haben schon im vergangenen Jahr eine neue Antisemitismusdebatte ausgelöst. Und wenn man nur etwas genauer hinschaut, dann lässt sich auch da durchaus eine lange Kontinuität ausmachen. Die „Beschneidungsdebatte“ des Jahres 2012 war so ein Anlass, deren „Heftigkeit hat viele von uns sehr überrascht“, sagt Graf, „das war wie ein Schlag ins Gesicht.“ Es sind im Zuge der Debatte um die Zulässigkeit der Jungenbeschneidung nach Meinung Grafs durchaus langfristig wirkende Befindlichkeiten aktiviert worden, „Groll, Neid – und dann konnten sie endlich damit raus.“ Belibt die Frage, wie man da gegensteuert: Etwas gegen ein Phänomen wie Antisemitismus tut, das permanent zwischen verschiedenen Erscheinungsformen changiert, sich beispielsweise als Israel- oder Kapitalismuskritik tarnen kann, und trotz all jener Kleiderwechsel beachtlich stabil bleibt. „Antisemitismus ist immer ein integraler Bestandteil der christlich-westlichen Zivilisation gewesen“, schreibt der Historiker Moishe Postone. „Sie müssen anfangen, wenn sie (die Schüler, d. Red.) jung sind“, rät Graf. Wozu es Lehrer brauche, die besser „über die Mechanismen und Prozesse der verschiedenen Varianten des Antisemitismus’“ Bescheid wüssten, sagt Bernstein – und im Bedarfsfall auch klare Grenzen des Sagbaren setzten, die Sprache ist eben der Nährboden des Übels. „Ich denke, da fehlt wirklich ein Fach, in dem man die Stereotypen und Stigmatisierungen“ zur Sprache bringt, sagt die Forscherin. „Bei vielen Juden gibt es das Gefühl: Wenn es wirklich auf die Essenz kommt, werden sie nicht beschützt“, sagt Bernstein. Ein Mehr an gesamtgesellschaftlicher Solidarität wäre da sicherlich wünschenswert. Und da hätte die Sozialwissenschaftlerin eine Idee: „Wenn jeder Dritte einen Davidstern an der Tasche anbringen würde“, wäre jedenfalls der Ausgrenzung schon ein Teil ihrer Grundlage entzogen – und man hätte zur Normalisierung jüdischer Präsenz in Deutschland beigetragen. Man wird Utopien haben dürfen.

Info: Antisemitismus

DefinitionenLaut der US-amerikanischen Historikerin Helen Fein definiert sich Antisemitismus als „dauerhafter, latenter Komplex feindseliger Überzeugungen gegenüber Juden als einem Kollektiv. Diese Überzeugungen äußern sich beim Einzelnen als Vorurteil, in der Kultur als Mythen, Ideologie, Folklore und in der Bildsprache, sowie in Form von individuellen oder kollektiven Handlungen (...) die darauf zielen, sich von Juden als Juden zu distanzieren, sie zu vertreiben oder zu vernichten.“ Antisemitismus zeichnet sich daneben oft durch einen dezidiert antimodernen Charakter aus: Er ist eine Weltanschauung, die im Judentum die Ursache vielfältiger sozialer, politischer, religiöser und kultureller Probleme der Gegenwart und der Vergangenheit sieht. In der Folge werden politische oder wirtschaftliche Ordnungsvorstellungen wie Liberalismus, Kommunismus und Demokratie oder der Finanzkapitalismus als „jüdische Erfindungen“ oder „von Juden dominiert“ betrachtet. FormenRassistischer Antisemitismus, der Juden beispielsweise aufgrund ihrer angeblichen körperlichen Erscheinung verunglimpft, wird im Nachkriegsdeutschland nur noch selten in der Öffentlichkeit artikuliert. „In dieser Situation hat sich Antisemitismus sozial akzeptierte Äußerungsbedingungen geschaffen“, so die Studie der Frankfurt University of Applied Sciences (online hier: www.frankfurt-university.de/antisemitismus-schule). Antisemitismus äußert sich dabei beispielsweise als vermeintliche Kapitalismuskritik: Judenfeindschaft sei demnach eigentlich gar nicht auf Juden bezogen, sondern Ausdruck von wirtschaftlichen und sozialen Krisen des Kapitalismus’. Das Argument unterstellt allerdings, dass zwischen „Kapital“ und „Judentum“ eine direkte und unlösbare Verbindung bestehe – wiederholt also verdeckt die Propaganda vom „internationalen Finanzjudentum“ des Nationalsozialismus’, die ihrerseits auf schon seit dem Mittelalter bestehende Vorurteile zurückgreift. DimensionenEtwa 250.000 Juden leben zurzeit in Deutschland, rund 100.000 davon sind in jüdischen Gemeinden organisiert. Etwa 90 Prozent der in Deutschland lebenden Juden stammen aus der ehemaligen Sowjetunion. Laut einer Studie der Universität Bielefeld bereits aus dem Jahr 2017 äußern 81 bis 91 Prozent der Befragten eine „starke oder stark-empfundene Belastung“ durch Antisemitismus. 85 Prozent hatten schon 2017 Angst vor einer Zunahme des Antisemitismus. Rund 550 Jüdinnen und Juden hatten für die Studie an einer Online-Befragung teilgenommen. Laut aktueller Studie des Jüdischen Weltkongresses stimmen 26 Prozent der befragten Deutschen dem Satz „Juden haben zuviel Macht in der Wirtschaft“ zu. 41 Prozent meinen „Juden sprechen zu oft über den Holocaust“. dlk

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