Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Psychiatrie-Professor über gewalttätige Rächer wie im Fall Graumann

Mörderische Falle: Das Röntgenbild zeigt die Sprengladung in einem Holzscheit, das die Polizei in Fischbach gefunden hat. Sie ge
Mörderische Falle: Das Röntgenbild zeigt die Sprengladung in einem Holzscheit, das die Polizei in Fischbach gefunden hat. Sie geht davon aus, dass sich der Gärtner Bernhard Graumann mit dem explosiven Brennholz an Hauseigentümern rächen wollte, mit denen er sich über einen Auftrag zerstritten hatte.

Harald Dreßing befasst sich mit Straftätern und ihren Motiven - "Übertrieben empfindlich, nachtragend, streitsüchtig"

Harald Dreßing schaut Verbrechern in die Seele: In spektakulären Prozessen hat der Mannheimer Psychiatrie-Professor Pfälzer Richtern schon oft erklärt, was Angeklagte zu ihrer Tat trieb. Nun erläutert der 61-Jährige, was in rachsüchtigen Menschen vorgeht. Anlass: der Fall des Gärtners aus Mehlingen, der vor seiner Selbsttötung Sprengsätze bei Menschen versteckt haben soll, auf die er sauer war. Professor Dreßing, ein Sprichwort behauptet: Rache ist süß. Schlummert der Wunsch danach in uns allen? Rache ist kein allgemeines menschliches Bedürfnis, sondern schon spezifisch für eine bestimmte problematische Persönlichkeitsstruktur. Insbesondere Menschen mit einer narzisstischen und paranoiden Persönlichkeit neigen dazu. Narzisstisch und paranoid, das sind schon zwei Fachbegriffe. Können Sie erläutern, was damit gemeint ist? Da geht es um Menschen, die übertrieben empfindlich auf Zurückweisungen reagieren, die bei Kränkungen nachtragend sind und einen ständigen Groll mit sich herumtragen. Sie sind streitsüchtig und bestehen beharrlich und unangemessen auf ihren Rechten. Wenn solche Strukturen sehr stark ausgeprägt sind und alle Lebensbereiche beherrschen, sprechen wir in der Psychiatrie von einer Persönlichkeitsstörung. Heißt das, dass so jemand in jedem Fall psychisch krank ist? Von einer Persönlichkeitsstörung, der dann unter Umständen auch Krankheitswert zukommen kann, sprechen wir in der Psychiatrie dann, wenn sich tief verwurzelte anhaltende Verhaltensmuster erkennen lassen, die inadäquat sind und mit deutlichen Abweichungen im Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in den Beziehungen zu anderen Menschen einhergehen. Bei den häufigen psychischen Störungen wie Depression oder Schizophrenie spielen hingegen Rachegefühle keine besondere Rolle. Im Fall Bernhard Graumanns sagen die Ermittler: Er hat sich selbst getötet, aber vorher anderen Menschen noch potenziell tödliche Fallen hinterlassen. Wissen Sie von ähnlichen Fällen? Zunächst möchte ich betonen, dass ich zu dem konkreten Fall nichts sagen kann. Einerseits habe ich keine umfassenden Hintergrundinformationen. Darüber hinaus kann man über Motive menschlichen Handelns letztlich nur in einem persönlichen Gespräch etwas Belastbares erfahren. Aber zumindest die Konstellation, dass ein Mensch zunächst andere und danach – durchaus auch mit einem gewissen zeitlichen Abstand – sich selbst tötet, ist keineswegs selten. Warum macht jemand so etwas? Die Motive für ein solches Handeln können sehr unterschiedlich sein, sie reichen von narzisstischer Geltungssucht über Rache bis hin zu vermeintlich selbstlosen Motiven bei einem sogenannten erweiterten Suizid. Aber Graumann musste davon ausgehen, dass er schon tot ist, wenn seine Sprengfallen hochgehen. Zynisch gesprochen: Er ließ sich die Freude über den Erfolg entgehen. Und er riskierte, dass seine Pläne noch vereitelt werden – was ja zum Teil auch passiert ist. Groll und Rachepläne werden häufig in der Fantasie ausgemalt und vorgestaltet. Alleine die Beschäftigung damit kann für solche problematischen Persönlichkeiten befriedigend sein. Das schließt natürlich auch die Befassung mit den Folgen einer Tat ein. Ein im normalen Leben unbedeutender oder ungeliebter Mensch erlangt Bedeutung, wenn von ihm wegen einer grauenvollen Tat in den Medien berichtet wird. Glücklicherweise wird nur ein Bruchteil solcher Fantasien in der Wirklichkeit ausgelebt. Warum werden manche Menschen zu Tätern, während sich andere mit Fantasien begnügen? Das ist in vielen Fällen kaum nachzuvollziehen. Das macht auch Prognosen bei Drohungen so schwer: Etwa 80 Prozent der Gewaltdrohungen werden glücklicherweise nie in die Tat umgesetzt, aber nur wenige Gewalttaten haben keine entsprechenden Vorwarnzeichen. Können Sie einordnen, warum jemand seinem Umfeld zuvor noch eine lebensbedrohliche Erkrankung wie Krebs vortäuscht? Auch das Vortäuschen einer Krankheit ist ein Phänomen, das nicht ganz selten vorkommt. Manche Personen suchen damit bei ihren Mitmenschen Mitleid zu erregen, andere wollen in die Krankenrolle schlüpfen und veranlassen Ärzte damit, auch eingreifende Untersuchungen durchzuführen. Das Streben nach Aufmerksamkeit dürfte bei vielen dieser Personen ein zentrales Motiv sein. Lässt es Rückschlüsse auf die Psyche eines Täters zu, wenn er ausgerechnet Sprengstoff verwendet hat? In der Regel lassen die verwendeten Tatwerkzeuge bei einer Straftat keinen unmittelbaren Rückschluss auf die Psyche des Täters zu. Die Auswahl der Tatwerkzeuge richtet sich meistens nach der Verfügbarkeit. Aufgrund eines restriktiven Waffengesetzes und damit geringerer Verfügbarkeit von Schusswaffen haben wir in Deutschland zum Beispiel viel weniger Tötungsdelikte mit Schusswaffen als in den USA. Lassen Sie uns noch einmal grundsätzlich werden: Warum können manche Menschen vergeben, während sich andere selbst für relativ nichtige Anlässe noch nach langer Zeit rächen wollen? Das hängt entscheidend von der Persönlichkeitsstruktur ab. Ein reifer und ausgeglichener Mensch wird in der Regel zur Versöhnung bereit sein und kann auch vergeben.

x