Rheinland-Pfalz
Pföhler in der Flutnacht: „Bin am Ende“
Um 0.50 Uhr in der Flutnacht zum 15. Juli 2014 schreibt der damalige Landrat des Kreises Ahrweiler, Jürgen Pföhler (CDU), eine SMS mit den Worten: „Katastrophe, Tote, Menschen auf Dächern, Verletzte, keine Hubschrauber, Stromausfälle. Unser Haus ist geflutet. Ich bin am Ende“. Die Adressatin ist unter „NRing“ in seinem Handy gespeichert, der Anschluss führt zu einer Frau, deren Identität Kriminalhauptkommissarin Alexandra Schäffer am Freitag vor dem Untersuchungsausschuss „Flutkatastrophe“ des rheinland-pfälzischen Landtags nennt. An dieser Stelle nur so viel: Sie ist Mitglied der CDU-Fraktion im Kreistag Ahrweiler.
Vertraute erscheint nicht als Zeugin
Über die Adressatin steht nach RHEINPFALZ-Informationen in den Unterlagen der Staatsanwaltschaft, sie habe eine „romantische Beziehung“ zu Pföhler. Die Frau ist am Freitag als Zeugin vor den U-Ausschuss geladen, entschuldigt sich am Vorabend aber mit einem ärztlichen Attest. 13 Mal telefonieren sie und Pföhler am Fluttag, nur mit seinem engsten Mitarbeiter in der Kreisverwaltung steht er häufiger in Kontakt.
Die elf Mitglieder des Untersuchungsausschusses wollen an dem Tag herausfinden, wo der Landrat am 14. Juli war und was er gemacht hat, um die Folgen der Flutkatastrophe abzuwenden. Aus der Auswertung seiner Handydaten geht hervor, dass er die Seiten von „Bild.de“, „Focus online“, den Hochwasserliveblog des SWR, „NTV“ und „Spiegel online“ aufruft. Immer geht es um das Hochwasser. Auf Internet-Seiten von Landesbehörden, etwa des Hochwassermeldedienstes, geht er nicht, wie Zeugen aus dem Landeskriminalamt (LKA) aussagen.
Pföhler und seine Frau verweigern die Aussage
In seinem Büro in der Kreisverwaltung ist Pföhler in der fraglichen Zeit nicht, in der Technischen Einsatzleitung (TEL) nur kurz. Gegen 19.20 Uhr begleitet er Innenminister Roger Lewentz (SPD) bei dessen Stippvisite. In der TEL lastet der Katastrophenschutz in jener Nacht auf den Schultern von Ehrenamtlichen. Das Gremium ist unterbesetzt und überfordert, Kontakt zu Pföhler gibt es nur sporadisch.
Wo er nach Lewentz’ Besuch hingeht, ist unklar. Seine Ehefrau sagt später bei der Staatsanwaltschaft aus, er sei bei ihr zuhause gewesen und „ab und zu einmal unterwegs“. So berichtet es Uwe Gebert vom LKA gestern vor dem U-Ausschuss. Pföhlers Frau ist ebenfalls Zeugin, aber sie beruft sich auf ihr Recht auf Aussageverweigerung, ebenso wie Pföhler selbst.
Nach 22 Uhr muss er Bescheid gewusst haben
Der LKA-Beamte Gebert ist dabei, als die Staatsanwaltschaft am 6. August 2021 die Kreisverwaltung Ahrweiler durchsucht. Die Behörde ermittelt gegen Pföhler wegen des Verdachts der Tötung durch Unterlassen. Gebert macht deutlich, warum: „Selbst wenn er bis 22 Uhr falsch informiert war, aber danach muss ihm klar gewesen sein, was da auf Bad Neuenahr zukommt.“ Um diese Uhrzeit sind aufwärts der Ahr längst Menschen ertrunken, die ersten zwischen 17 und 18 Uhr am Campingplatz Stahlhütte in Dorsel. Andere wurden per Hubschrauber gerettet.
Es sei nicht nachvollziehbar, warum Pföhler nicht spätestens um 23 Uhr versucht habe, in die Kreisverwaltung Ahrweiler zu kommen, sagt Gebert. Von den 134 Toten im Ahrtal in dieser Nacht seien 87 Menschen nach 23 Uhr in Bad Neuenahr und in Sinzig verstorben.
Zweitwohnsitz weiter entfernt von der Ahr
Doch am späten Abend kümmert sich der Landrat um seine persönlichen Angelegenheiten. Um 22.35 Uhr schreibt er seiner Vertrauten „NRing“: „Wir müssen evakuiert werden und gehen mit allen Tieren in die (…)straße. Hoffentlich stürzt unser Haus nicht ein.“ Das Haus der Familie steht sehr nahe an der Ahr, der Zweitwohnsitz ist weiter entfernt.
Kurz zuvor, um 22.15 Uhr, steht Pföhler bei seiner Nachbarin an der Tür. Die 61-jährige Lehrerin sagt am Freitag als Zeugin aus, er habe sie gewarnt und gesagt, dass in der Ortschaft Schuld fünf massive Häuser eingestürzt seien. „Ich bin direkt los. Ich kenne mein Tal. Es ist lang und schmal, dicht bebaut. Das ist wie ein Dominoeffekt.“ Auch eine weitere Nachbarin warnt er: „Du musst das Haus verlassen“, sagt er nach den Worten der 56-jährigen Zeugin. 50 Meter rechts und links der Ahr werde alles evakuiert.
Katwarn kommt eine Stunde später
Tatsächlich wird laut Einsatztagebuch der TEL um 22.04 Uhr die fünfte und höchste Stufe der Katastrophenwarnung ausgerufen. Doch erst um 23.09 Uhr geht die entsprechende Katwarn-Meldung raus, in der der Evakuierungskorridor steht. Noch später veröffentlicht die Kreisverwaltung eine entsprechende Pressemeldung. Einer weiteren Nachbarin wird erst am nächsten Tag klar, dass es gar nicht zu einer Evakuierung gekommen ist, dass sie Glück hatte, vom Landrat persönlich gewarnt worden zu sein.
Einige frühere Nachbarinnen sind am Freitag nicht gut auf Pföhler zu sprechen. „Drei hat er gewarnt, aber für 130.000 war er als Landrat verantwortlich, dafür wurde er bezahlt“, sagt eine von ihnen am Rand der U-Ausschusssitzung.
„Uns hat er nicht gewarnt“
Und dann ist da noch die Sache mit dem roten Porsche: Eine 72-jährige Nachbarin am Zweitwohnsitz beobachtet von ihrem Küchenfenster aus, wie der Sportwagen am späten Abend des 14. Juli aus der Garage Nr. 4 gefahren wird. Zeitlich ordnet sie es zwischen 22.15 und 23 Uhr ein. Das sei die Zeit, in der sie immer zu Bett gehe. Der Porsche gehöre Pföhler, und sie habe sich gewundert, dass er ihn an einem regnerischen Mittwochabend aus der Garage fahre. „Sonst holt er ihn nur an Wochenenden und bei schönem Wetter raus“, sagt sie. Am nächsten Tag, als sie das Ausmaß der Katastrophe gesehen habe, habe sie sich geärgert. „Uns hat er nicht einmal gewarnt. 30 Autos in unserer Tiefgarage hat er absaufen lassen.“
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