Meinung
Kriminalstatistik: Wie ein Minister im Wahlkampf gut Wetter macht
Der rheinland-pfälzische Innenminister und SPD-Landeschef bleibt selbst im Wahlkampf ein bescheidener Mann. Weshalb er nicht behauptet, dass die Bürger die gegenwärtige Schönwetterphase nur ihm verdanken. Obwohl das so nahe läge. Denn wie von Zauberhand erblühen alljährlich Schneeglöckchen, Haselsträucher und Krokusse so in etwa dann, wenn Roger Lewentz – flankiert zum Beispiel vom Chef des Landeskriminalamts und vom Landes-Polizeiinspekteur – die Verbrechensbilanz des Vorjahres verkündet.
Erbarmen in der Lockdown-Tristesse
Gemeinhin allerdings pflegt der schon seit fast zehn Jahren für die innere Sicherheit verantwortliche Minister den Winter mit seinen Zahlenkolonnen zu Mord und Totschlag, Raub und Diebstahl oder Betrug und Beleidigung erst Mitte oder Ende März zu vertreiben. In der Lockdown-Tristesse dieses Jahr allerdings hatte er Erbarmen: Lewentz ließ das Frühjahr schon in der vergangenen Woche und mithin noch im Februar beginnen. Wobei er in aller Demut sogar auf den großen Auftritt bei einer Pressekonferenz verzichtete.
So viel Bescheidenheit ist für die Landesregierung auch in der Pandemie keineswegs selbstverständlich: Die grüne Mehrzweck-Ministerin Anne Spiegel etwa bat Journalisten dazu, als sie Ende Januar einen Wanderschäfer im Kreis Cochem-Zell besuchte. Lewentz’ Straftaten-Bilanz hingegen erreichte die Redaktionen plötzlich und unerwartet: per E-Mail. Und mithin ohne die Möglichkeit, den Minister höchstpersönlich mit Fragen zu seiner Deutung der Zahlen zu behelligen. Aber dazu hätte es ja auch keinerlei Grund gegeben.
Ein „überaus positives Ergebnis“
Schließlich räumte das Ministerium bescheiden ein, dass Erfolge in der Kriminalitätsbekämpfung diesmal „auch auf vielfältige Einflüsse der Corona-Pandemie, insbesondere im Zusammenhang mit dem Lockdown im Frühjahr 2020, zurückzuführen“ seien. Aber unterm Strich konnte Lewentz gleichwohl ein „überaus positives Ergebnis“ verkünden lassen: etwa, dass die Aufklärungsquote den höchsten Wert seit Einführung der Statistik anno 1971 erreicht hat. Und dass die Anzahl der erfassten Straftaten so niedrig ist wie zuletzt 1992.
Vor fünf Jahren war es ihm da noch anders ergangen. 2016 musste der Minister in seiner Bilanz einen ungemein hässlichen Zuwachs bei den Einbrüchen vermelden. Und sich vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise einer unangenehmen Debatte um Ausländerkriminalität stellen. Was der Sozialdemokrat damals erst außergewöhnlich spät, nämlich im April tat. Und mithin gut zwei Wochen nach einer dann unerwartet glücklich überstandenen Landtagswahl, die ihm weitere fünf Jahre an der Macht bescherte.
Die eigentliche Statistik wird nachgereicht
Dass er diesmal umgekehrt vor allem deshalb so früh dran gewesen sein könnte, weil die Werte für 2020 so gut aussehen und noch vor dem anstehenden Urnengang unters Volk gebracht werden sollten, ist eine Theorie, die ein Ministeriumssprecher natürlich bestreitet. Grund für den Februar-Termin war demnach vielmehr die Corona-Pandemie. Denn Lewentz hatte schon Ende vergangenen Jahres statistisch auswerten und veröffentlichen lassen, wie sich die Seuche bis in den Herbst auf kriminelle Aktivitäten ausgewirkt hatte.
Also wurden seinem Sprecher zufolge nun nur noch die Zahlen der letzten paar 2020-Wochen einberechnet und das Ergebnis „nachgeschoben“. Allerdings ist so nur eine bescheidene Pressemitteilung samt zehnseitiger Zusammenfassung zustande gekommen. Die eigentliche, gemeinhin gut 100 Seiten dicke Straftaten-Statistik liegt nämlich noch gar nicht vor. Nach Polizeiangaben ist sie nicht rechtzeitig zur Präsentation fertig geworden – ausnahmsweise, weil der Minister in diesem Jahr halt so ungewöhnlich früh dran war.
Zur Erläuterung seines Sprechers für die Terminfindung mag das nur bedingt passen. Näherliegend ist hingegen: Lewentz hat im Wahlkampf gut Wetter gemacht. Aber weil er so ein bescheidener Mann ist, möchte er das noch nicht einmal aussprechen lassen, obwohl es so naheliegt.
