Ludwigshafen
Geburten in der Pandemie: „Die Frauen fühlen sich nicht ernst genommen“
Die Pandemie sei für Schwangere belastend, sagt die Vorsitzende des Hebammen-Landesverbandes Rheinland-Pfalz, Ingrid Mollnar. Nicht nur aus Angst, sich selbst zu infizieren, sondern auch, weil sie im Kreißsaal eine Maske tragen müssten und eine Begleitperson nicht immer dabei sein könne. Wegen Corona fänden Geburtsvorbereitungskurse und Rückbildungsgymnastik nur noch online statt. „Der Hebammenmangel wird in der Pandemie ganz offensichtlich“, sagt die Verbandschefin, die früher selbst in der Geburtshilfe tätig war.
Eine Hebamme müsse viel wissen und möglichst wenig tun, fasst Mollnar den Beruf zusammen. „Sie motiviert die Schwangere und gibt ihr Rückmeldung, begleitet sie in ruhiger, zuversichtlicher Atmosphäre.“ Wenn es auf dem Weg hake, biete sie Lösungen an.
Pia Müller von der Bundeselterninitiative Mother Hood e.V. ist der Ansicht: „Die Missstände in der Geburtshilfe gefährden die Gesundheit von Mutter und Kind.“ Es gebe zum Beispiel zu wenig Hebammen für eine kontinuierliche Begleitung der Geburt. Stattdessen seien Hebammen für drei oder mehr Frauen gleichzeitig zuständig. Dabei gebe eine Eins-zu-Eins-Betreuung während der Geburt größtmögliche Sicherheit und auch die Frauen selbst wünschten sie sich, sagt Müller.
Hoher Kostendruck
Die Zeit, in der eine Frau nach der Geburt noch im Krankenhaus bleibt, habe sich in den vergangenen Jahren verkürzt, sagt Verbandschefin Mollnar. Wegen der Pandemie würden Frauen jetzt noch früher entlassen. Müller erklärt: „Geburten sind extrem zeit- und personalaufwendig. Gleichzeitig können die Kliniken über die Fallpauschalen viel zu wenig abrechnen. Geburten lohnen sich also für Kliniken nicht.“
Nach aktuellen Zahlen aus dem Krankenhaus-Barometer 2020 arbeiten zwei Drittel von ihnen nicht kostendeckend, so Müller. Die Folgen für die Familien seien enorm. Wegen der oft fehlenden kontinuierlichen Betreuung müssten Schwangere mehr medizinische Eingriffe wie beispielsweise mehr Schmerzmittel oder einen unnötigen Kaiserschnitt über sich ergehen lassen. Auch Mollnar vom Landeshebammenverband appelliert: „Wir brauchen Hebammen und Zeit für Geburtshilfe, nicht Medikamente und Technik!“
Viele Kreißsäle schließen
Im Flächenland Rheinland-Pfalz führten die Kreißsaalschließungen der vergangenen Jahre zu langen Anfahrtswegen zur Geburtsklinik, mancherorts von 40 Minuten und mehr. Der Verband der Ersatzkassen (VDEK) fordere aber nicht mehr als 20 Minuten – die Zeit, die für einen Notkaiserschnitt angedacht sei, erklärt Müller. „Die Feuerwehr wird ja auch nicht abgebaut, wenn sie nicht rentabel ist oder es wenig brennt“, veranschaulicht sie die Problematik.
Alternative Alleingebären
Nicht zufrieden mit dem Geburtshilfesystem ist auch Sarah Schmid – und hat sich deshalb für einen anderen Weg entschieden. Die studierte Medizinerin wohnt in Wissembourg im Elsass und schreibt Bücher, um Frauen beim Alleingebären zu begleiten. Die achtfache Mutter hat zuletzt Zwillinge ohne medizinische Hilfe zu Hause zur Welt gebracht. Dass eine Geburt in der Klinik nichts für sie sei, habe sie als Studentin in Halle (Saale) bei einem Praktikum im Kreißsaal gemerkt: „zu hektisch, zu fremdbestimmt wirkte alles“, erzählt sie.
Von einer Alleingeburt rät Mollnar vom Hebammenverband ab: „Bei einer Geburt weiß man nie, worauf man sich einlässt.“ Bei Klinikangst sei eine außerklinische Geburtshilfe mit einer vertrauten Hebamme für die Frauen aber eine bessere Alternative. Solche Angebote machten indes nur rund 1,1 Prozent der Geburtshilfen im Land aus, so die Verbandschefin.
Mollnar mahnt: „Der Fokus bei der Gesundheitsversorgung liegt in der öffentlichen Wahrnehmung derzeit auf der Anzahl der Intensivbetten, dabei treten andere Gesundheitsleistungen in den Hintergrund.“
Zu wenig Personal für die Betreuung, zu wenige Räume: „Die Frauen fühlen sich nicht ernst genommen“, sagt sie. Müller fordert, die Geburtshilfe in der medizinischen Grundversorgung zu verankern. Eine gesetzliche Grundlage könne dazu beitragen, Klinikschließungen zu verhindern. Zudem sei eine aufwandsgerechte Vergütung notwendig, damit sich Geburtshilfe für die Kliniken lohne.