Ahrtal
Flutnacht: Fehleinschätzungen und Gedächtnislücken
Am Tag der Katastrophenflut am 14. Juli 2021 war die Koordinierungsstelle des Landes in Trier, die die Kommunen unterstützen sollte, erst kurz vor 18 Uhr besetzt. Zunächst mit vier Personen, bis Mitternacht waren es dann sieben Leute. Das war eine Erkenntnis aus der Sitzung des Untersuchungsausschusses „Flutkatastrophe“ am Donnerstag.
Das Flutgeschehen im Ahrtal hatte aber bereits um 17.15 Uhr die ersten Menschenleben auf dem Campingplatz in Dorsel gefährdet. Sie mussten mit einem Hubschrauber gerettet werden. Nicht alle überlebten, wie sich später herausstellte. Angesiedelt war die Koordinierungsstelle bei der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD), die dem Innenministerium nachgeordnet ist.
ADD-Chef Thomas Linnertz und der für den Katastrophenschutz zuständige Referatsleiter der Behörde, Heinz Wolschendorf, sind am fraglichen Abend ab 18 Uhr in die Technische Einsatzleitstelle (TEL) des Vulkaneifelkreises in Hillesheim und später nach Bitburg in die des Kreises Bitburg-Prüm gefahren. Vom Hochwasser betroffen waren an dem Tag neben dem Landkreis Ahrweiler die Landkreise Bitburg-Prüm, Trier-Saarburg, Bernkastel-Wittlich, Vulkaneifel und die Stadt Trier.
Gegen 19.30 Uhr war Innenminister Roger Lewentz (SPD) in Ahrweiler und hat nach eigener Darstellung einen konzentriert arbeitenden Stab erlebt. Die Einsatzleitstelle in Ahrweiler war, wie die meisten Stäbe in den Kommunen, ausschließlich mit Ehrenamtlichen besetzt.
Lage schien nicht so dramatisch
Aber was haben nun die Hauptamtlichen an dem Abend in Trier von der Lage im Ahrtal mitbekommen? Der Leiter der Koordinierungsstelle, Fabian Schicker, zugleich stellvertretender Leiter des Referats Katastrophenschutz der ADD, sagte, er habe in der Flutnacht nicht den Eindruck gehabt, dass die Technische Einsatzleitung im Landkreis Ahrweiler ihrer Aufgabe nicht gewachsen gewesen sein könnte. „Es hat sich für mich die Lage in Ahrweiler nicht schlimmer dargestellt als anderswo“, sagte Schicker.
Der für die Lageermittlung zuständige Sachbearbeiter in der Koordinierungsstelle, Christian Sauer, sagte zu seinem Kontakt in die TEL nach Ahrweiler, es sei sehr schwer gewesen, jemanden zu erreichen. „Ich kann nicht sagen, ob und mit wem ich telefoniert habe.“ Dass im ersten vorläufigen Lagebericht der Koordinierungsstelle um 20.40 Uhr dennoch Ahrweiler als Schwerpunkt genannt wurde, habe mit der Hubschrauber-Anforderung in Dorsel und in Schuld zu tun gehabt. Ein Hubschrauber aus Hessen sei über das polizeiliche Lagezentrum des Innenministeriums alarmiert worden, sagte Schicker. Der Landkreis Ahrweiler habe außerdem 86.000 Sandsäcke aus dem Landeslager im rheinhessischen Sprendlingen ausgeliefert. Hubschrauber wurden im Verlauf des Abends noch mehrere angefordert. Das Einsatztagebuch der ADD-Stelle verzeichnet für 20.39 Uhr, dass noch 24 Menschen im Ahrtal gerettet werden müssten, dass sechs Häuser in Schuld eingestürzt seien. Doch es gab keine Hubschrauber, auch nicht von der Bundeswehr oder über das Gemeinsame Lagezentrum von Bund und Ländern. Eine Gewitterzelle wurde als Grund angeführt.
Videos und Warnungen ignoriert?
Schicker und weitere Zeugen machten viele Erinnerungslücken geltend. Beispielsweise zu einer Warnung vor einem extremen Hochwasser an der Ahr, die um 18.32 Uhr vom Landesamt für Umwelt kam oder zur Nachricht über ein Video, auf dem ein wegschwimmendes Hausdach im Ahrtal zu sehen war.
Der Obmann der Freien Wähler im U-Ausschuss, Stephan Wefelscheid, kam nach der Vernehmung zu dem Schluss, dass die Koordinierungsstelle nicht ordnungsgemäß funktioniert habe. Außerdem sei bei der ADD kein Führungsstab eingerichtet worden, wie es nach dem Rahmen-, Alarm- und Einsatzplan Hochwasser in der Nacht notwendig gewesen wäre. Falls ADD-Chef Thomas Linnertz das Fehlen eines Führungsstabs nicht erklären könne, müsse er zurücktreten, sagte Wefelscheid.
Linnertz wird ebenso wie Innenminister Roger Lewentz (SPD) am Freitag ein zweites Mal vor dem Gremium aussagen müssen. CDU-Fraktionschef Christian Baldauf hatte bereits am Mittwoch Innenminister Lewentz und der ADD schwerwiegende Versäumnisse vorgeworfen. Nach Darstellung der CDU hätte er den Krisenstab der Landesregierung alarmieren müssen. Michael Frisch, Obmann der AfD, sagte, die Koordinierungsstelle sei in der Flutnacht unterbesetzt und schlecht organisiert gewesen. Informationen über die dramatische Lage seien vorhanden gewesen. Der SPD-Obmann Nico Steinbach kam dagegen zu der Einschätzung, die Koordinierungsstelle habe ihre Aufgaben erfüllt. Sie habe aber mangels zuverlässiger Meldungen „keine Kenntnis von den katastrophalen Entwicklungen erlangen können“.
Der Ausschussvorsitzende Martin Haller (SPD) nahm vor Beginn der Sitzung Stellung zu den Vorwürfen der CDU-Opposition vom Vortag, er führe den Ausschuss parteiisch. „Wir haben gemeinsam die große und schwere Verantwortung, eine apokalyptische Katastrophe mit 135 Toten aufzuklären. Dafür gebe ich mein Bestes.“