Ahrtal
Flutkatastrophe: Klartext von den Hubschrauberpiloten
Der erste Impuls sei gewesen: „Wie können wir helfen?“ Das sagte der taktische Einsatzleiter jener Polizeihubschrauberbesatzung, die am Abend des 14. Juli im vergangenen Jahr gegen 22 Uhr durch das Ahrtal geflogen ist, am Freitag vor dem Untersuchungsausschuss „Flutkatastrophe“ des Landtags. Je tiefer sie ins Tal kamen, je enger es wurde, umso schlimmer sei die Situation gewesen. Häuser bis zu den Dächern im Wasser, Menschen, die mit Taschenlampen Notsignale sendeten. Der 42-Jährige schilderte, dass sie über die Bodenkräfte der Polizei versucht hätten, Feuerwehren mit Booten zu den Hilfesuchenden zu schicken. Aber wegen der starken Strömung der Ahr sei das nicht möglich gewesen. Eine Seilwinde und damit eine Vorrichtung zur Höhenrettung hat der Polizeihubschrauber nicht.
„Schlimmste Lage“
„War das ein punktuelles Hochwasser?“, fragte der AfD-Abgeordnete Michael Frisch. „Nein, das war großflächig, ab Dernau beginnend. Es hat sich bis Schuld noch verschlimmert“, sagte der Einsatzleiter. Beim zweiten Flug in dieser Nacht gegen halb eins hätten sie über den Funk mitgehört, dass bereits über Leichensäcke gesprochen wurde. Ihm und seinen Kollegen sei klar gewesen, dass sie es höchstwahrscheinlich mit der schlimmsten Lage zu tun hätten, die Rheinland-Pfalz je erlebt habe. In einem Telefonat mit dem Lagezentrum des Innenministeriums habe er gesagt, dass unbedingt alle verfügbaren Kräfte ins Ahrtal geschickt werden müssten.
Gefahr klar benannt
„Ich war verwundert, wie klar, wie bestimmt er die Gefahr am Telefon benannt hat“, sagte der Pilot des Hubschraubers „Sperber 2“ über den taktischen Einsatzleiter. Den Wortlaut wisse er nicht mehr, aber es sei sehr deutlich geworden, wie bedrohlich und wie ernst die Lage war.
Wäre Roger Lewentz am Mittwoch nicht als rheinland-pfälzischer Innenminister zurückgetreten, der Druck wäre nach dieser Sitzung des U-Ausschusses noch einmal stärker geworden. Lewentz’ Darstellung, er habe nur von „punktuellen Ereignissen“ gewusst, es habe kein vollständiges Lagebild gegeben, war mit der Veröffentlichung der erst 14 Monate nach der Flut aufgetauchten und inzwischen öffentlich zugänglichen Videos ins Wanken geraten. Dann kamen nach und nach noch der Einsatzbericht der Helikopterbesatzung ans Licht und eine weitere E-Mail aus der Nacht. Der Vorwurf der Vertuschung, des bewussten Zurückhaltens von Dokumenten, um das Narrativ des Ministeriums nicht zu zerstören, verdichtete sich zunehmend.
Weniger Aufregung nach Lewentz’ Rücktritt
Nach Lewentz’ Rücktritt vereidigte der Landtag am Donnerstag den neuen Innenminister im Kabinett von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), den bisherigen Oberbürgermeister der Stadt Mainz, Michael Ebling (SPD). Damit hatte sich die politische Aufregung, die mit der die Vernehmung der Hubschrauberpiloten noch zu Wochenbeginn erwartet worden war, bis Freitag gelegt.
Der Ausschuss ging seiner Aufklärungsarbeit akribisch und sachlich weiter nach. Er sucht nach wie vor nach den politischen Verantwortlichkeiten dafür, dass in der Katastrophennacht im nördlichen Rheinland-Pfalz 135 Menschen gestorben sind. Und er geht der Frage nach, warum nicht mehr gewarnt, evakuiert oder gerettet worden ist.
Die Hubschrauberpiloten, die vom Lagezentrum des Innenministeriums und dem Polizeipräsidium Koblenz mit der Aufklärung im Ahrtal beauftragt worden sind, haben unter widrigen Bedingungen getan, was sie konnten. Nieselregen, Starkregen, Nebel, dazu setzte die Dunkelheit bereits ein. Der Pilot und der taktische Einsatzleiter, der vorn neben ihm im Hubschrauber saß, trugen Brillen zur Restlichtverstärkung. Damit sehe man alles grünlich. Der Pilot sagte außerdem, dass die Videos aus der Flutnacht schwer zu interpretieren seien, zumindest der Teil, der mit Wärmebildkameras aufgenommen worden war. „Man denkt, da ist Licht in den Fenstern. Aber da war kein Licht. Der Strom war ausgefallen, es war überall dunkel. Die Leute hatten Taschenlampen.“
Die Hubschrauberbesatzung, zu der noch der Flir-Operator gehörte, der die Videos aufgenommen hat, berichtete ans Lagezentrum mündlich, schickte Fotos und einen schriftlichen Bericht.
In Unterordnern verschollen
Mit dem Verbleib dieses am vergangenen Wochenende öffentlich gewordenen Berichts hatten sich die Abgeordneten in vertraulicher Sitzung beschäftigt.
Er soll im Lagezentrum des Innenministeriums in Mainz in elektronischen „Unterordnern“ verschollen gewesen sein. Das sagte der Vorsitzende des U-Ausschusses, Martin Haller (SPD) im Anschluss. Der Beauftragte der Landesregierung, Finanzstaatssekretär Stephan Weinberg (SPD), habe den Ausschuss informiert, dass die E-Mails, die in der Flutnacht im Lagezentrum eingegangen seien, „relativ unstrukturiert in Ordnern einsortiert“ worden seien.
In der Nacht habe die Bereitstellung von Einsatzkräften Vorrang gehabt. Erst in der Vorbereitung der Vernehmung vor dem U-Ausschuss am 23. September seien diese Dateien aufgefallen und deshalb am 19. September an den Ausschuss ausgeliefert worden. Die Nachfrage, warum die Unterlagen der Staatsanwaltschaft, aber nicht dem U-Ausschuss ausgehändigt worden seien, könne der Ausschuss nicht beantworten, sagte Haller.