RHEINLAND-PFALZ RHEINPFALZ Plus Artikel Eine Massenschlägerei und ihre Deutung

Joe Weingarten
Joe Weingarten

In Kirn gehen zwei Familien aufeinander los und der SPD-Bundestagsabgeordnete Joe Weingarten warnt sogleich vor Clans.

Die Schreie von Mädchen und das Geräusch von Metall, das auf Asphalt geschlagen wird, haben am späten Montagabend in der rund 8000 Einwohner zählenden Stadt Kirn (Landkreis Bad Kreuznach) viele Menschen den Notruf wählen lassen. Andere hielten mit dem Smartphone die Kampfszenen in dem Wohngebiet fest und stellten sie ins Internet. 15 bis 20 Menschen, die überwiegend zwei Familien angehören, lieferten sich eine Massenschlägerei mit Baseballschlägern und Eisenstangen, wie Polizei und Staatsanwaltschaft Bad Kreuznach am Dienstag um die Mittagszeit mitteilten. Sieben Menschen wurden verletzt, drei davon schwer.

Der örtliche Bundestagsabgeordnete Joe Weingarten (SPD) war um diese Stunde schon längst mit einer Pressemitteilung auf dem Markt: Es handele sich „nach ersten Indizien“ um „Clan-Kriminalität“. „Kirn und Bad Kreuznach dürfen nicht zum Rückzugsraum am Rande des Rhein-Main-Gebietes für Kriminelle werden“, warnt Weingarten, der im vergangenen Jahr für die ehemalige SPD-Chefin Andrea Nahles ins Berliner Parlament nachgerückt ist. Er beackert seinen Wahlkreis emsig, meldet sich häufig zu Wort und hat Chancen, erneut als Direktkandidat für Bad Kreuznach aufgestellt zu werden.

Klingt nach dem Rapper Bushido und Arafat Abou-Chaker

„Clan-Kriminalität“, das klingt nach Drogen, Menschenhandel und Schutzgeld-Erpressung, nach Berlin-Neukölln und dem Streit zwischen dem Rapper Bushido und dem Familienoberhaupt Arafat Abou-Chaker. Ob Weingarten damit nicht übers Ziel hinausgeschossen ist?

Der innenpolitische Sprecher der CDU-Opposition im Mainzer Landtag, Matthias Lammert, hat ein ums andere Mal schon vor kriminellen Machenschaften von Großfamilien in Rheinland-Pfalz gewarnt und Innenminister Roger Lewentz (SPD) Untätigkeit vorgeworfen. Zuletzt im November 2019, als in Rheinland-Pfalz 16 von bundesweit 28 Objekten eines libanesischen Familien-Clans durchsucht wurden, weil es den Verdacht auf organisierte Schleuser-Kriminalität gab. Lammert fordert den Einsatz des Verfassungsschutzes und die Einführung eines anonymen Hinweissystems, um kriminelle Clan-Strukturen aufzuklären.

Lewentz: Keine Erkenntnisse über Clans in Rheinland-Pfalz

Die Einschätzung von Innenminister Lewentz könnte kaum gegensätzlicher sein: „Die Diskussion um ,Clankriminalität’ fokussierte sich ja vorrangig auf Großfamilien mit überwiegend mehreren hundert Mitgliedern, die ihren Wohnsitz in den besonders betroffenen Bundesländern Berlin, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen haben. Der Polizei liegen bislang keine Erkenntnisse vor, wonach solche Clans in Rheinland-Pfalz agieren oder rheinland-pfälzische Regionen als Rückzugsraum für im Rhein-Main-Gebiet aktive Kriminelle genutzt werden“, heißt es in einer Antwort des Innenministeriums auf RHEINPFALZ-Anfrage vom Dienstag.

Bei den Vorfällen in Kirn gibt es laut Lewentz bisher keine Hinweise auf Verteilungskämpfe. Das deutet Weingarten ganz anders: „Es ist eine realistische These, die Ausschreitungen der Nacht zum Dienstag auf Verteilungskämpfe zurückzuführen.“

Der Leitende Oberstaatsanwalt von Bad Kreuznach, Gerd Deutschler, hebt hervor, dass viele Jugendliche und Heranwachsende an der Auseinandersetzung beteiligt waren. Die Identifizierung sei weitgehend abgeschlossen. Es gebe bisher keine Hinweise auf Clan-Kriminalität.

Frank Ensminger (FDP), der ehrenamtliche Bürgermeister von Kirn, fürchtet, diese „brutal ausgetragene Meinungsverschiedenheit“ unter den beiden syrischen Familien werfe ein schlechtes Licht auf das Zusammenleben, das in Kirn nach seinen Worten sonst gut funktioniert. Weingartens „Clan-These“ weist auch er zurück.

Im Wettbewerb der Meinungen war der Politiker aus Alsenz am Dienstag vorn. Daran, dass er richtig lag, gibt es dagegen Zweifel.

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