Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Landesschülervertretung: „So ein Schuljahr hat noch niemand erlebt“

Schulstart an der IGS Rülzheim (Kreis Germersheim).
Schulstart an der IGS Rülzheim (Kreis Germersheim).

Erstmals seit März können die rheinland-pfälzischen Schüler „wieder zusammen lernen und lachen“, sagt Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) am Montag zum Unterrichtsbeginn. Doch manchen Schülern ist das nicht genug.

„Schule ist viel mehr als Tafel, Tablet und Tinte“, sagt die rheinland-pfälzische Regierungschefin. Die Rückkehr zum Regelbetrieb sei auch „ein Signal an die Gesellschaft“. Wenn sich alle nach den Bedingungen der Corona-Krise richteten, könne vermieden werden, „dass wir insgesamt wieder in einen Shutdown kommen“. Mit Blick auf die Schulschließung Mitte März und den ab Ende April stufenweise eingeführten Wechsel von Fernunterricht mit Unterricht in der Schule sagt Dreyer, die Schulgemeinschaft habe diese Schwierigkeiten „gut gestemmt“.

Der Regelbetrieb an den Schulen steht unter dem Vorbehalt, dass es nicht zu einer stärkeren Zunahme der Corona-Infektionen kommt. Sollten die Zahlen deutlich steigen, könnte das zweite vorbereitete Szenario wirksam werden: Dann soll wieder abwechselnd im Präsenz- und Fernunterricht gelernt werden. Das dritte Szenario für den Fall eines größeren Ausbruchs sind zeitweise Schulschließungen.

„Mit der Zunahme der Infektionen steigt die Sorge“

„Inzwischen ist die Angst um die Gesundheit der Kinder oder die eigene Gesundheit wieder größer“, ist der Eindruck von Landeselternsprecher Reiner Schladweiler: „Mit der Zunahme der Infektionen steigt die Sorge.“ Die Aufhebung der Maskenpflicht im Klassenraum sieht Schladweiler allerdings nicht negativ. Mehr Kopfzerbrechen bereitet dem Elternsprecher der Schulbusverkehr. „Ich bin sicher, dass uns das Virus das ganze Schuljahr begleiten wird“, sagt Schladweiler.

„Aufgeregt und neugierig“ seien an diesem ersten Schultag nach den Ferien alle gewesen, ist die Landesschülervertretung (LSV) überzeugt: „Denn so ein Schuljahr hat noch niemand erlebt.“ Damit es für alle ein gelungenes Jahr werde, sei es unerlässlich, dass alle am Schulleben Beteiligten mit in die Entscheidungsprozesse rund um Schule und Corona eingebunden werden. Aber, so LSV-Vorstandsmitglied Justus Schenk: „Ich bin schockiert, dass bisher sämtliche Maßnahmen, die über unsere Gesundheit und unsere Schullaufbahn entscheiden, getroffen wurden, ohne auch nur ein einziges Mal nach unserer Einschätzung zu fragen.“

Riskante Regelungen zum Unterrichtsbeginn

Die LSV befürwortet in einer Mitteilung die Entscheidung des Ministeriums, im Unterricht auf eine Maskenpflicht zu verzichten. Aber: „Wir sehen es als sehr riskant und leichtsinnig an, die Abstände in der Sitzordnung aufzuheben.“ Eine Rückkehr in den völligen Normalbetrieb erscheine beinahe fahrlässig. Sicherer wäre es, angesichts der bereits steigenden Infektionszahlen wieder auf das Konzept einer Mischung aus Präsenz- und Absenzzeiten von vor den Ferien zu setzen.

„Natürlich freue ich mich, wieder relativ normal Schule zu haben und alle meine Klassenkameradinnen zu sehen“, fügt die LSV-Bundesdelegierte Lucia Wagner hinzu. Trotzdem habe sie auch Angst, dass das den Schülern kurz vor dem Abitur noch zum Verhängnis werden könnte. Nämlich dann, wenn die Schulen noch einmal dicht machen müssten. Und: Es sei absolut unverständlich, dass freiwillige, kostenlose Tests nur für Lehrkräfte und pädagogisches Personal zur Verfügung gestellt werden: „Wir fordern, dieses Angebot auf Schüler/innen auszuweiten.“ Im übrigen, so LSV-Landesvorstandsmitglied Susanna Hubo, sollten die Hürden für Schüler, die einen Schulbesuch aus gesundheitlichen Gründen lieber nicht riskieren wollen, reduziert werden.

Klöckner spricht von „liebloser Bildungspolitik“

Die CDU-Landesvorsitzende Julia Klöckner kritisiert die Bedingungen zum Schulstart in Rheinland-Pfalz. Die Corona-Krise wirke „wie ein Brandbeschleuniger liebloser Bildungspolitik in Rheinland-Pfalz“, sagt die Politikerin am Montag während einer Klausurtagung des CDU-Landesverbands in Mainz. „Die Landesregierung hat den Schulstart verstolpert.“ Die Schulen blieben sich selbst überlassen, während die Landesregierung lediglich verschiedene Szenarien beschreibe. Die CDU beriet in Mainz über ein bildungspolitisches Konzept. In Rheinland-Pfalz regiert eine Ampel-Koalition aus SPD, FDP und Grünen.

Der Spitzenkandidat der Partei für die Landtagswahl im März 2021, Christian Baldauf, kündigte an, er wolle die Bildungspolitik in den Mittelpunkt stellen und sie im Fall eines Wahlsiegs „zur Chefsache machen“. Er mache sich „große Sorgen, dass wir die Bildung vernachlässigen“. Die Unterrichtsversorgung an den Schulen in Rheinland-Pfalz sei mangelhaft: „Fast zehn Prozent des Unterrichts fallen aus; da hilft auch kein Schönrechnen.“

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