Rheinland-Pfalz
1982 beginnt die Partnerschaft mit Ruanda: Experiment im Herzen Afrikas
Es gibt eine Anekdote, warum sich der damalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) für Ruanda als Partnerland entschieden haben soll. Das Land sei „klein, arm und schwarz“ – ebenso wie Rheinland-Pfalz. Die CDU, also die „Schwarzen“, konnten sich damals nicht vorstellen, dass sie neun Jahre später den Regierungssitz an die „rote“ SPD verlieren sollten.
Französisch hilft bei der Verständigung
Vogel wollte mit diesem Projekt einen neuen Weg der Entwicklungszusammenarbeit erproben. Nicht die Regierung, sondern die Bürger sollten die Partnerschaft mit Leben füllen. Ruanda ist ähnlich groß wie Rheinland-Pfalz. Damals wohnten hier wie dort rund vier Millionen Einwohner. 50 Prozent der Ruander waren Christen, eine der Hauptsprachen war Französisch. Das erleichterte die Annäherung. Darauf, dass das Land von 1884 bis 1916 deutsche Kolonie war, wurde eher nicht hingewiesen.
Am 23. Juni 1982 wehten über der Mainzer Staatskanzlei die Flaggen von Rheinland-Pfalz und Ruanda, und im Festsaal tauschten Botschafter Mathieu Ngirumpatse und Regierungschef Vogel Briefe über die beabsichtigte Partnerschaft aus. Den ruandischen Staatspräsidenten Juvenal Habyarimana sollte Vogel wenige Tage später treffen. Am 28. Juni flog er mit einer Bundeswehrmaschine und 25 Tonnen Hilfsgütern vom „Herzen Europas“ in das „Herz von Afrika“, wie die RHEINPFALZ damals berichtete. Vogel vertrat die Bundesrepublik in Burundi und Ruanda bei den Feierlichkeiten zu deren 20. Jahrestag der Unabhängigkeit.
Humanitäre Hilfe spielt noch immer eine Rolle
38 Jahre später steht fest: Das Experiment ist gelungen. Die „Graswurzelpartnerschaft“, die „Jumelage“ lebt. 220 Schulen, 50 Vereine und 35 Kommunen halten den Kontakt nach Ruanda. Sie finanzieren Projekte im Bildungs- und im Gesundheitssektor und vor allem: Sie machen Begegnungen von Mensch zu Mensch möglich. Einige Vereine stehen zwar vor Nachfolgeproblemen. Aber es gibt neue Formen des Miteinanders. Ein Schüleraustausch ist entstanden, auch Auszubildende haben sich schon ins jeweils andere Land aufgemacht. Einige Dutzend Studierende aus dem Partnerland sind an der Uni Kaiserslautern eingeschrieben. Humanitäre Hilfe ist nach wie vor eine Säule in der Partnerschaft. Dazu gehören die Projekte von Nora Weisbrod, Initiatorin von „Dein Tag für Afrika“. Mit dem Geld, das Schüler einnehmen, finanziert sie beispielsweise Kindergartenplätze für Bedürftige. Eher neu ist der Austausch einer jungen Avantgarde von Kreativschaffenden. Auch zarte wirtschaftliche Bande sind geknüpft.
Land ohne „Schlagzeilen in der Weltpresse“
1982 war Ruanda ein wenig bekanntes Land. Der Afrika-Korrespondent der RHEINPFALZ schrieb damals, es gebe zwar „Stammesfehden, Putschversuche und Massaker“, aber Ruanda sei kein Land „mit Schlagzeilen in der Weltpresse“. Es sei ein „eher langweiliges und armes Land im Herzen Afrikas“.
Vielleicht hat die Welt wegen dieser Einstellung zwölf Jahre später weggeschaut. Am Vorabend des 7. April 1994 wurde die Maschine von Präsident Habyarimana über dem Flughafen von Kigali abgeschossen. Bis heute ist das Attentat nicht aufgeklärt. Es stellte den Beginn eines der blutigsten Völkermorde dar, den die Welt je gesehen hat. Aufgehetzte Hutu, die die Mehrheit der Bevölkerung stellen, wollten die Minderheit der Tutsi auslöschen – und gemäßigte Hutu, zu denen auch Habyarimana gehörte, gleich mit. Mit Macheten zogen sie von Haus zu Haus, vergewaltigten und mordeten. Die Vereinten Nationen hatten Friedenstruppen im Land stationiert. Aber statt einzugreifen, zogen sie sich zurück.
Kagames Rebellenarmee setzt dem Morden ein Ende
100 Tage und 800.000 Todesopfer später war der Spuk vorbei. Die Rebellenarmee Ruandische Patriotische Front (RPF) des heutigen Staatspräsidenten Paul Kagame setzte dem Morden ein Ende.
Rheinland-Pfalz hat Ruanda damals nicht vergessen. Zeitzeugen berichten, wie sie verzweifelt versucht haben ihre Ansprechpartner zu erreichen. Wie sie nicht wussten, ob ihre Freunde, die sie zuvor im heimischen Gästezimmer beherbergt haben, zu den Tätern oder zu den Opfern gehörten. Im Partnerschaftsbüro versteckte sich ein Mann – und überlebte das Massaker. Der erste ausländische Politiker, der nach dem Genozid seinen Fuß auf ruandischen Boden setzte, war der damalige rheinland-pfälzische Innenminister Walter Zuber (SPD). Die Aufbauhilfe aus dem Partnerland rollte schnell an.
Über Parteigrenzen hinweg stellt das Parlament Geld bereit
Ruanda mit inzwischen zwölf Millionen Einwohnern gehört immer noch zu den ärmsten Ländern der Welt, aber es ist politisch stabil und es hat im Kampf gegen die Armut wichtige Erfolge erzielt. Präsident Kagame ist einer der wortmächtigsten Staatslenker in Afrika. Er regiert mit harter Hand, hat aber auch eine Vision, wie er sein Land nach vorn bringt.
Vogels Vision, dass 1992 kein Ruander mehr in menschenunwürdigen Behausungen leben müsse, hat sich zwar nicht erfüllt. Aber jede Landesregierung hat seither die Partnerschaft gepflegt. Über Parteigrenzen hinweg stellten Parlamentarier Geld im Landeshaushalt ein. Etwa 1,3 Millionen Euro sind es pro Jahr, sagt Michael Nieden, der das Verbindungsbüro in Mainz leitet.
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