Kunst des 20. Jahrhunderts
Sigmar Polke in der Städtischen Galerie Karlsruhe
Ein Bild, das „Mehl in der Wurst“ avisiert, aber, der Farbe nach, eher ein Gürkchen vorstellt? Ein Apparat, der dafür sorgt, dass eine keimende Kartoffel eine Artgenossin umtanzt? Gemalte Mathematik, die voller falscher „Lösungen“ steckt und ihren Betrachter entsprechend unerlöst, verständnislos, zurücklässt?
Anarchistischer Witz des Dadaismus in der Kunst
Der Scherzkeks, der derlei ironischen Nonsens ersann, hieß Sigmar Polke. Nach dem Malerei-Studium bei zwei Hauptvertretern des deutschen Informel, K.O. Götz und Gerhard Hoehme, rettete der 1941 in Schlesien Geborene den anarchistischen Witz des Dadaismus in die Kunst der 60er-Jahre. Wobei Polke vorzugsweise die banale Alltags- und Konsumwelt der Wirtschaftswunderjahre zur dadaistischen Spielwiese erkor, was aus Arbeiten wie „Mehl in der Wurst“ (1964) letztlich die deutsche Variante der amerikanischen Pop Art macht.
100 Werke Polkes zu sehen
Knapp zwölf Jahre nach seinem Tod – Sigmar Polke starb am 10. Juni 2010 in Köln – widmet die Städtische Galerie Karlsruhe dem Künstler eine umfassende Werkschau. Sie ist in Zusammenarbeit mit der Ostdeutschen Galerie Regensburg entstanden, wo sie bereits zu sehen war. 100 Werke Polkes werden gezeigt – nicht simpel chronologisch, sondern nach „Dualismen“ sortiert, nach gegensätzlichen oder komplementären Aspekten.
Sinn für kreative Widersprüche
Aus Polkes Sinn für kreative Widersprüche resultierten etwa die „Rasterbilder“, die es ihm ermöglichten, an der figurativen Malerei festzuhalten und sie gleichzeitig aufzulösen und auszuhebeln. In Bildern wie „Berliner (Bäckerblume)“ von 1965 oder „Strand“ von 1966 parodierte Polke den Offsetdruck der Zeitungen, spielte mit der Ästhetik von Werbung und medialer Reproduktion und erhob höchst Triviales zum bildwürdigen Sujet.
Vielgestaltiges Schaffen
Die hier schon merkliche Tendenz, die Handschrift des Künstlers zu eliminieren, gipfelte in Polkes vielgestaltigem Schaffen Anfang der 90er-Jahre in Fotoarbeiten, die nicht mehr der Künstler machte. Vielmehr legte Polke einfach radioaktives Gestein auf Fotoplatten. Die dadurch entstehende „Belichtung“ ist das Bild: Kunst, die sich selbst erschafft.
Info:
Sigmar Polke: Dualismen – 5.3. bis 12.6., Karlsruhe, Städtische Galerie, Lorenzstraße 27 (neben ZKM), geöffnet: Mi-Fr 10-18 Uhr, Sa, So 11-18 Uhr; Eröffnung: Fr 4.3., 18-22 Uhr; Info: www.staedtische-galerie.de
