Buchtipp
Roman: Christoph Poschenrieder „Ein Leben lang“
Er tut das so klug wie spannend und witzig – und mit einer cleveren Wahl der Erzählspektive. Ein Kriminalfall, inspiriert von einem ähnlichen Geschehen 2006 in München, setzt die Stichworte. Der an Geld, aber nicht an Beliebtheit reiche Erbonkel liegt erschlagen in seinem Blut, und der Neffe, der den Mammon erben soll, steht schon allein deshalb sofort im Verdacht – und wir bald festgenommen. Was dem Fortgang der Ermittlung und später dem Prozess eine ganz spezielle Note gibt: Der Neffe, dessen Name der Leser nicht erfährt, hat besonders gute Freunde, solche, die an die Unschuld, die er beteuert, unverbrüchlich glauben – und die sogar aktiv werden für ihn, eine Gegenöffentlichkeit aufbauen zu Polizei und Staatsanwaltschaft. Denen werfen sie vor, unter großem öffentlichen Druck zu Unrecht, einseitig und gestützt nur auf Indizien den jungen Mann zum Opfer des Rechtsstaats machen. Die Verurteilung können sie nicht verhindern – und das Gerichtsverfahren hält Überraschungen für sie bereit.
Mosaik aus vielen Facetten wird zum Gesamtbild
Beim Einsetzen des Romans liegt das Geschehen 15 Jahre zurück. Der glückliche Kunstgriff Poschenrieders besteht nun darin, die Geschichte sich rückblickend wie ein Mosaik, wie aus Facetten zusammensetzten zu lassen. Eine Journalistin wird von einem Verlag beauftragt, mit den damaligen Freunden, dem Verurteilten und seinem Anwalt das Gespräch zu suchen und die Wahrheit ans Licht zu bringen. Der Roman besteht nun aus deren Erinnerungen, so aneinandergereiht, dass das damalige Geschehen sich vorm Leser sukzessiv entfaltet, aber immer gefärbt von der Sicht dessen, der gerade zu Wort kommt.
So wird das Gesamtbild schillernd, die Wahrheit vieldeutig. Und es zeigt sich, dass der Prozess die Loyalität der Freunde vor harte Prüfungen gestellt hat, denn es wird offenbar, wie viel sie vom ihrem Weggefährten gar nicht wussten, gerade an Dunklem und Zwiespältigem.
Welche Wahrheit zählt?
Kann man „ein Leben lang“ Freund eines Menschen sein, der vielleicht doch ein Mörder war? Welche Wahrheit zählt? Die juristische, die – ohne Geständnis und gestützt nur auf Indizien – ein Fehlurteil sein kann? Die des Zweifels, die für den Angeklagten spricht? Die des Vertrauens, das auf falsche Loyalität gestützt sein kann? Oder die der Liebe, die mit Erich Fried sagt: „Es ist, was es ist“, die unbedingt ist und nicht fragt nach Meinung und Wahrheit? In diesem Feld müssen sich die Freunde sortieren.
Natürlich gibt der Roman keine wohlfeilen Antworten, seine Stärke sind die Fragen, die Gedanken, die er zwischen den Zeilen aufkeimen und die Frage nach der Schuld im Sinne des Gesetzes in den Hintergrund treten lassen. Ein Richterspruch, wie auch immer er ausfällt, lässt schließlich in einem umfassenderen Sinn offen, wer wir sind und was wir einander schulden.
Hintergründiger Diskurs
So interessiert den namenlosen und damit ins Exemplarische erhobenen Gefangenen die Schuldfrage selbst am Ende gar nicht mehr. Er sieht in seinem neuerlichen Schlusswort zu dieser philosophischen Berufungsverhandlung durch das damalige Urteil eine Wahrheit geschaffen, die die Wirklichkeit übersteigt. „Die Wirklichkeit ist jetzt nämlich sozusagen egal“, schreibt er mit einer Gelassenheit, die zwar nicht eben realitätsnah anmutet (zumal im Fall der Unschuld), aber der Romanhandlung und dem Diskurs, den Poschenrieder als im Verborgenen bleibender Erzähler hintergründig entfaltet, die stimmige Abrundung gibt.
Christoph Poschenrieder: „Ein Leben lang“, Roman, Diogenes Verlag, 2022, 295 Seiten, 25 Euro
