INTERVIEW RHEINPFALZ Plus Artikel Mai Thi Nguyen-Kim zu ihrer Wissensshow im TV

Klug und erfolgreich: Dr. Mai Thi Nguyen-Kim.
Klug und erfolgreich: Dr. Mai Thi Nguyen-Kim.

Faktentreu, witzig und meinungsstark: Mai Thi Nguyen-Kim ist die wohl bekannteste Wissenschaftsjournalistin Deutschlands. Im Interview spricht sie über ihre Wissensshow, die Corona-Krise und biochemischen Wackelpudding.

Doch die 34-Jährige kennt sich nicht nur mit Viren aus: In ihrer Wissensshow „Maithink X“ (neue Folgen ab So 6.3., 22.15 Uhr, ZDFneo) beleuchtet sie gesellschaftlich relevante Fragen aus verschiedenen Bereichen – von Meinungsfreiheit über Ernährung bis zur Zeitumstellung.

Mai Thi Ngyuen-Kim kam 1987 in Heppenheim zur Welt und wuchs in Hemsbach im Rhein-Neckar-Kreis auf. Die Tochter eines BASF-Chemikers studierte Chemie und erklärt seit 2015 im Internet naturwissenschaftliche Themen. Drei Jahre lang präsentierte sie im WDR-Fernsehen die Wissenssendung „Quarks“, 2021 wechselte sie als Moderatorin zum ZDF. Ihr aktuelles Buch „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ ist ein Bestseller. Sie lebt mit ihrem Ehemann und der gemeinsamen zweijährigen Tochter in Frankfurt am Main.

Frau Nguyen-Kim, in den neuen Folgen Ihrer Show wollen Sie wieder wissenschaftliche Themen unterhaltsam an die Leute bringen. Wie waren die Reaktionen auf die erste Staffel?

Die waren total positiv, das hat uns sehr gefreut. Ich hatte mich zuvor gewappnet, auch böse Zuschriften zu bekommen, weil wir ja sehr bewusst auch Themen gewählt hatten, die kontrovers diskutiert werden, aber es war ein super Start.

Welche Rolle wird Corona in den neuen Folgen spielen?

Dadurch, dass wir die Sendung vorher aufzeichnen, ist es als Thema nicht so gut geeignet, da sich in der Corona-Wissenschaft laufend vieles ändert. Und ehrlich gesagt bin ich auch dankbar, wenn ich mich mal nicht mit Corona beschäftigen muss.

Hat die Coronakrise das allgemeine Interesse des Publikums an Wissenschaft verstärkt?

Das Interesse und die Aufmerksamkeit sind definitiv stark gestiegen. Das ist aber nicht nur positiv. Es gibt ja den Spruch: Es gibt keine schlechte PR, jede Art von Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit ist gut. Aber das stimmt für Wissenschaft nicht. Die Wissenschaft ist in der Coronakrise auf eine öffentliche Bühne geraten, wo ein unglaublich grelles Spotlight scheint. Aber Wissenschaft ist nicht dazu gemacht. Man braucht Zeit, man braucht das Einerseits-Andererseits, Nuancen, Methodik. Manchmal ist es schlecht, wenn viele Leute auf die Wissenschaft schauen und dabei ein falsches Bild bekommen.

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen wie Sie, Karl Lauterbach oder Christian Drosten, sind die Stars unserer Zeit. Fühlen Sie sich in dieser Rolle wohl?

Es wäre falsch zu sagen, dass ich mich damit total unwohl fühle. Aber niemand hätte je erwartet, dass Wissenschaft als Thema mal so eine Aufmerksamkeit bekommt. Ich konnte mit aller Rationalität nicht damit rechnen, jemals derart im Fokus zu stehen. Es ist schon ein bisschen viel. Wenn ich mal nicht arbeite, liege ich am liebsten einfach zuhause auf der Couch, verbringe Zeit mit meiner Familie, koche oder ziehe mich in mein privates Schneckenhaus zurück. Unterm Strich bin ich aber dennoch dankbar für die ganze Aufmerksamkeit, denn nur so kann man auch wissenschaftliche Inhalte an die Menschen bringen.

Halten die Leute Sie eigentlich für eine Besserwisserin?

Ja, ganz schlimm. Manche Menschen denken echt, ich weiß alles, was natürlich Quatsch ist. Ich merke das auch oft an Medienanfragen, da werde ich um einen Experten-O-Ton zu einem Thema gebeten, wo ich sage: Es gibt so viele ausgewiesene Fachleute, die sich explizit damit beschäftigen, warum fragt ihr denn jetzt mich? Aber ich will mich nicht beschweren. Viele Frauen in der Öffentlichkeit haben das Problem, dass ihnen die Kompetenz abgesprochen wird, und das passiert mir nicht. Aber das Klischee der Wissenschaftlerin oder des Wissenschaftlers als Genie empfinde ich als genau das falsche.

Warum?

Es macht Wissenschaft sehr elitär, es sendet eine Message an Kinder und Jugendliche, die sich im Chemieunterricht verloren fühlen und denken: Das ist was für irgendwelche Sheldon Coopers, aber nichts für Normalsterbliche. Und das ist genau das Falsche. Ich glaube an eine wissenschaftliche Allgemeinbildung, die für eine breite Bevölkerung zugänglich ist. Davon sind wir noch weit entfernt. Aber dafür ist es nötig, solche Klischees zu brechen.

Wann fing bei Ihnen die Liebe zur Wissenschaft an? Kam das von Ihrem Vater, der ja bei der BASF gearbeitet hat?

Ich bin tatsächlich ein Opfer der Begeisterung meines Vaters. Er ist Chemiker und wusste immer unglaublich viel. In dem Alter, in dem Kinder so neugierig sind, konnte mir mein Papa erstaunlich viel erklären. Er hat mir zum Beispiel im Drogeriemarkt die Inhaltsstoffe von Shampoos erklärt. Für mich war Chemie deshalb immer Alltagswissen – und Chemie ist ja wirklich unglaublich alltagsnah, leider kommt das in der Schule gar nicht so rüber. Mein eigener Chemieunterricht war auch sehr abstrakt, ohne meinen Papa wäre ich kaum auf die Idee gekommen, Chemie zu studieren.

Müsste es mehr Wissenschaftssendungen geben, um die Defizite bei der Allgemeinbildung zu beheben?

Es muss vieles geschehen, auch im Fernsehen. Ich selber bin in der Medienwelt zwar mit YouTube groß geworden, ich streame fast nur, selbst Nachrichten schaue ich in der Mediathek. Aber trotzdem ist Fernsehen immer noch ein unglaublich reichweitenstarkes Medium, das den öffentlichen Diskurs sehr prägt. Öffentlich-rechtliche Polittalkshows etwa beeinflussen Agenden und Narrative sehr stark. Bei Wissenschaftssendungen gibt es noch zu wenig Platz für Grautöne. Und in den Schulen bräuchte man Wissenschaft als Fach, wo man etwa zeigt, was kritisches, was logisches Denken ist. Das fände ich heute wichtiger als je zuvor, weil es ja immer schwieriger wird, sich verlässlich zu informieren.

Vermissen Sie die Forschung?

Schon sehr, es war eine coole Zeit im Labor. Aber vielleicht verkläre ich das im Nachhinein, denn der Job in den Medien passt besser zu mir.

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