GESCHICHTSBUCH
„Liebe in Zeiten des Hasses“ von Florian Illies
Was für ein Panorama der Triebe und der Gefühle, der Zweckehen und der Dreiecksbeziehungen, des aufgeriebenen Liebens und des ausgetriebenen Lebens! Florian Illies, bekannt geworden durch sein Buch über die „Generation Golf“ (2000) und gefeiert für seinen Bestseller „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ (2012) schreibt in seinem neuen Werk über „Liebe in Zeiten des Hasses“.
Chronik eines Gefühls zwischen 1929 und 1939
Für diese Chronik eines Gefühls im Jahrzehnt zwischen 1929 und 1939 lässt Illies auf mehr als 400 Seiten so ziemlich alles aufmarschieren, was zu jener Zeit in der literarischen Welt, in Kunst, Musik, Philosophie, Film und Politik Rang und Namen hat. Angefangen mit Jean-Paul Sartre, der unbedingt die intellektuell ebenbürtige Simone de Beauvoir ins Bett kriegen will, über die Männer wie Frauen verschleißende Marlene Dietrich bis hin zum unglücklichen, an der politischen Lage leidenden Exil-Schriftsteller Klaus Mann, der mit seiner Drogensucht seinen US-amerikanischen Lebensabschnittsgefährten Thomas Quinn Curtiss vergrault.
Aus den vielen Fäden mannigfaltiger Lebensläufe und Liebeswirren knüpft Illies ein dichtes, kaleidoskopartiges Beziehungsgeflecht. Wobei sich sein Buch in drei Teile gliedert: Es gibt ein „Davor“, ein „Danach“ und dazwischen das alles entscheidende Schicksalsjahr 1933, die Machtergreifung Hitlers. In dem, was davor in Berlin, Paris, New York oder auch an der katalanischen Mittelmeerküste passiert, hallt die erotische Libertinage der „Goldenen Zwanziger“ nach.
1933: Kapitel der Fluchten von Singles und Paaren
Das Kapitel zu 1933 gleicht einem Katalog der Fluchten von Singles und Paaren. Danach erfährt man, wie und mit wem sich die Emigranten im Exil verlustieren und was und wie es jene treiben, die in Deutschland bleiben. Mancher indes bleibt schon auf der Strecke: der Dramatiker Ernst Toller zum Beispiel, der sich in seinem New Yorker Hotel erhängt. Oder der begnadete Erzähler Joseph Roth, der 1939 im Pariser Exil an seiner Alkoholsucht krepiert.
Apropos begnadeter Erzähler: Als solcher erweist sich auch Illies. Der 1971 geborene Autor versteht es perfekt, sein Material zu pointieren. Er schreibt durchgehend im Präsens und lässt so Vergangenes ganz unmittelbar und gegenwärtig werden. Gut, gelegentlich geht mit dem erzählenden Geschichtsschreiber die Fabulierwut durch. Wenn Illies etwa den homo- oder bisexuellen, frisch aus der Gestapo-Haft entlassenen Tennisstar Gottfried von Cramm für seine verständnisvolle Ex-Frau mit dem Schuh ein Herzchen in den roten Sand des Ascheplatzes malen lässt, dann ist die Grenze zum Kitsch eindeutig überschritten.
Ehe als „Modell formvollendeter Einsamkeit“
Aber solche Patzer macht Illies an anderer Stelle durch scharfsinnige Beobachtungen wett: beispielsweise, wenn er in einem psychoanalytischen Kurzporträt des Dichters Hugo von Hofmannsthal dessen Konzept der Ehe als „ein Modell formvollendeter Einsamkeit“ entlarvt, als „lebenslangen Versuch, die eigenen homophilen Neigungen wortreich zu untergraben“.
Sicher gründet der besondere Reiz dieses Buches im voyeuristischen Blick in die Schlafzimmer, Beziehungskisten und Herzkammern einer katastrophalen Zeit. Doch damit verbunden sind überraschende Erkenntnisse über vermeintlich sattsam bekannte Biografien sowie ein lakonisches Best-of der bittersten Ironien der Geschichte.
Info
Florian Illies: »Liebe in Zeiten des Hasses. Chronik eines Gefühls 1929-1939«, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2021, 432 S., geb., 24 Euro
