Ausstellung bis 18. Oktober
Die Mythen des Atomzeitalters: Superheroes in Speyer
Die Menschheit hasst Superman. Er wird gedisst, verhöhnt, erniedrigt. Nicht den kleinsten Fehler verzeiht man dem Guten und Schönen. Dafür, dass der Typ mit der sexy Stirnlocke chronisch die Welt rettet, brandet ein paradoxer Sadismus-Tsunami über die Wand mit Superman-Comics in der Speyerer Superhelden-Schau.
Hier wird der Stählerne von einem schwächlichen kleinen Jungen zusammengefaltet und lächerlich gemacht. Dort muss er einer Super-Domina die Stiefel küssen. Auf einem anderen Comic-Cover wurde er nicht nur seiner Kräfte, sondern auch seiner blau-roten Superklamotten beraubt. Nackt steckt der Ex-Held in einer Raumkapsel, die ihn zum „Hinrichtungsplaneten“ befördern soll.
Superman wird abgeschoben
Wie erklärt sich dieses Maß an Demütigung, die der Kämpfer für das Gute erfährt? Provoziert der „Übermensch“ – das ist Superman, wenn man ihn ins Deutsche übersetzt – zwangsläufig die Rache des von der Natur weniger Begnadeten? Ist die Tatsache, dass selbst der scheinbar Perfekte eine Schwachstelle, nämlich Kryptonit, hat, einfach zu verführerisch, um den Gott mit Sollbruchstelle nicht ausgiebig leiden zu lassen?
Ein Wandtext in der Ausstellung des Historischen Museums bringt des Rätsels Lösung: Supermans Väter, Autor Jerry Siegel und Zeichner Joe Shuster, waren beide Söhne jüdischer Einwanderer aus Europa. Während dort bereits der Faschismus grassierte, schickten Siegel und Shuster ab 1938 für eine neue Reihe der Detective Comics (DC) einen „Übermenschen“ ins Rennen, der kein blonder Arier ist, sondern, wie sie selbst, ein Mann mit Migrationshintergrund: Auf dem fernen Planeten Krypton als Kal-El geboren, hält Superman auf der Erde amerikanische Ideale hoch, kämpft wie ein aufrechter Patriot für Freiheit und Gerechtigkeit – und bleibt für die Menschen doch ein Alien, ein Außenseiter, den man, immer mal wieder, nur zu gerne abschieben würde.
Dass sich in dieser Diskrepanz zwischen Engagement und sozialer Anerkennung eine Alltagsdiskriminierung spiegelt, die Siegel und Shuster wegen ihrer jüdischen Herkunft erfuhren, ist zu vermuten. Zumal sich das Außenseiterdilemma im Marvel-Kosmos von Stan Lee und Jack Kirby, die wie ihre DC-Kollegen jüdische Wurzeln hatten, wiederholt: 1963 ersannen sie mit den X-Men eine Mutantentruppe, die ständig mit Ablehnung durch Menschen zu kämpfen hat.
Zwischen Spiel und 9/11
Keine Angst, die „Superheroes“ in Speyer funktionieren prächtig als Familienausstellung. Mit ihren großen Superhelden- und Superheldinnen-Skulpturen – von Wonder Woman über den Hulk bis hin zum Baumwesen Groot aus „Guardians of the Galaxy“ – gleicht die Schau einem großen Indoorspielplatz voller fantastischer Gestalten. Bat-Mobile locken zur Videospielfahrt durch Gotham City. An einem Touchscreen-Tisch kann man virtuelle Comic-Cover kreieren. Und mittels eines Bändchens, das man an der Kasse bekommt, wird man Teil von „Chrono X“, einem digitalen Comic-Abenteuer, das sich mit mehreren Spielstationen durch die ganze Ausstellung zieht.
Doch lässt sich diese Superhelden-Schau eben auch auf ganz anderen Ebenen lesen. Auf der soziologischen und politischen, wie im Fall Superman. Oder auf der psychologischen. Dass sich in den Comic-Universen von Marvel und DC nicht zuletzt eine kollektive Angst der US-amerikanischen Gesellschaft manifestiert, wird vor allem an einer Stelle der Ausstellung offenbar: Der Schweizer Konzeptkünstler Sebastian Utzni hat Szenen aus Superhelden-Comics gesammelt, die in den Jahren von 1973 bis 2001 entstanden und das vorwegnehmen, was am 11. September 2001 schreckliche Wirklichkeit wurde – die Zerstörung des World Trade Centers. Diese Dokumentation zeichnerischer Prophetien stimmt nachdenklich.
Sagen und Gamma-Strahlen
Hier die Wunden des 21. Jahrhunderts, dort Gestalten, deren Ursprünge in mythische Vorzeit zurückreichen. Als Amazone, die noch dazu den Namen der römischen Jagdgöttin Diana trägt, spinnt Wonder Woman, die ihren ersten Comic-Auftritt 1941 hatte, antike Sage fort ins Futuristische unter feministischen Vorzeichen.
In Aquaman, der in Speyer leider nur kurz auftaucht, lebt der Mythos von Atlantis weiter. Und mit Thor ist ein waschechter nordischer Gott Teil der „Avengers“, die früher auf dem deutschen Comicmarkt stabreimend als „Die ruhmreichen Rächer“ firmierten.
Aber bei weitem nicht alle „Superheroes“ fußen, kulturhistorisch betrachtet, in der klassischen Sagenwelt. Insbesondere viele Marvel-Figuren verdanken ihre Genese erst dem Zeitalter von Atomforschung und Raumfahrt. Die Fantastischen Vier zum Beispiel, von Stan Lee und Jack Kirby 1961 erfunden, werden bei einem Flug ins All von einer kosmischen Strahlung getroffen, die die Molekularstruktur ihrer Körper nachhaltig verändert.
Der Teenager Peter Parker wird zu Spiderman, nachdem er von einer radioaktiv verseuchten Spinne gebissen wurde. Und der Atomphysiker Bruce Banner mutiert zum Hulk, weil sein Experiment mit Gamma-Strahlen in die Hose geht. Freilich hat diese janusköpfige Konstellation aus schwächlichem Wissenschaftsnerd und enthemmtem Muskelmonster als Alter Ego auch ein literarisches Vorbild in Robert Louis Stevensons Erzählung von „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ aus dem Jahr 1886. Indem zusätzlich etwas von Frankensteins Monster im wutgrünen Hulk steckt, spielt noch mehr Schauerromantik hinein in die Mythologie des Atomzeitalters.
Batman und die Frauen
Auch Superhelden-Sex ist ein Thema der Ausstellung im Historischen Museum. Der liebe Superman gibt dazu wenig her, der düster umflorte Batman dafür umso mehr. In dessen Leben spielt die laszive Catwoman eine ziemlich ambivalente Rolle: Mal macht die Diebin im schwarzen Catsuit dem Fledermaus-Krieger das Leben zur Hölle, mal hilft sie ihm bei der Jagd auf Verbrecher. Und in Poison Ivy, dem „giftigen Efeu“, hat Batman eine verführerische Femme fatale zur Gegnerin, die Zeichner zu Momenten floraler Erotik inspiriert.
In Sachen Diversität, auch das erfährt man in Speyer, haben derweil Marvels X-Men die Nase vorn. Als Mutanten, die, gefühlt, permanent um gesellschaftliche Akzeptanz ringen, sind sie dazu wohl prädestiniert. Storm, die 1975 zu den X-Men stieß und es so richtig stürmen, blitzen und krachen lassen kann, war eine der ersten schwarzen Superheldinnen. Mit Northstar wurde bereits 1992 der erste offen homosexuelle Superheld in diesen Kosmos eingeführt. Und 2015 hatte dann auch Iceman, der im X-Men-Film „The Last Stand“ von 2006 noch mit Rogue flirtete, sein Coming-out als schwuler Mann. Jean Grey, die X-Frau mit den telepathischen Kräften, half dem menschlichen Eiszapfen dabei ein bisschen auf die Sprünge.
Die Iceman-Story fehlt zwar in der Speyerer Ausstellung, doch dafür gibt’s eine Wand mit queeren Parodien des Superhelden-Universums zu bestaunen. Ein britischer Künstler namens Villain, das bedeutet „Schurke“, zeichnet für die schrillen Einfälle verantwortlich.
Lieber nicht so super
Die schönsten Zeichnungen in der Speyerer Ausstellung stammen indes von Nic Klein. Der 1978 in Düsseldorf geborene Illustrator, der sowohl für Marvel als auch für DC arbeitet, hebt den Superhelden-Comic auf das Niveau der ästhetisch anspruchsvollen Graphic Novel.
An Kleins Schaffen lässt sich ablesen, welche Figuren aktuell den Zeitgeist am stärksten reflektieren. Mit Thor, Hulk und Deadpool sind es die gebrochenen Helden. Der schwermütige Donnergott, für den irgendwie immer Ragnarök ist, der Muskelberg mit dem desaströsen Mangel an Impulskontrolle und der sarkastische Anarcho-Clown mit der entstellenden Ganzkörper-Vernarbung.
Dass just diese Typen gerade en vogue sind, dürfte in den Fällen von Thor und Deadpool zwar auch an Darstellern wie Chris Hemsworth und Ryan Reynolds liegen, die den Figuren in den entsprechenden Marvel-Verfilmungen ihren Stempel aufprägten. Aber es scheint sich darin auch ein generelles Bedürfnis nach Superhelden auszudrücken, die nicht so „super“ sind und deren Geschichten ins Apokalyptische tendieren. Blättert man etwa den von Nic Klein mitgestalteten Deadpool-Band „Alles auf Anfang“ auf, erlebt man eine komplexe Endzeit-Groteske, die viele der in Speyer angerissenen Erzählstränge genüsslich durcheinanderwirbelt. Dabei erlaubt sich die Marvel-Story sogar ironische Schlenker ins DC-Reich, indem die Kindheitsgeschichten von Superman und Batman persifliert werden. Fröhliche Götzendämmerung!
Ausstellung
Die »Superheroes« sind noch bis 18. Oktober im Historischen Museum der Pfalz in Speyer zu sehen. Geöffnet: Di-So 10-18 Uhr. Die nächsten öffentlichen Führungen finden an den Sonntagen 1.3., 15.3., 29.3., 12.4. und 26.4. jeweils um 14 Uhr statt. Eine szenische Führung startet am So 15.3. um 11 Uhr; www.museum.speyer.de. Bis 12. April gibt es außerdem eine Marvel-Ausstellung in Ludwigsburg: www.marvel-ausstellung.de
