Jugendstil
Das Thema Wasser in der Kunst um 1900
Die Welle bricht. Ihr schäumender Kamm – eine Phalanx perlenspritzender Schimmel, die, angetrieben vom dreizackbewehrten Gott des Meeres, mit rasend galoppierenden schwimmhäutigen Hufen nach dem Strand ausgreifen: 1892 malte Walter Crane, einer der führenden Vertreter der englischen Arts-and-Crafts-Bewegung, diese imponierend wogenden „Rosse des Neptun“. Sonst in München in der Neuen Pinakothek zu sehen, fungiert das symbolistische Gemälde nun in Wiesbaden als beredter Kronzeuge für die Bedeutung des Wassers im Jugendstil – zusammen mit 200 weiteren Bildwerken und kunsthandwerklichen Objekten.
Dynamisches Nass und Spiegel der Seele
Neben Frühling und Adoleszenz bildet das fluide Element tatsächlich ein Lieblingsmotiv der Epoche um 1900. Man konnte ihm, auf formaler Ebene, elegant fließende Linienornamente und dynamische Bildfindungen abschauen, aber auch inhaltlich wurde das Nass in vielerlei Hinsicht angezapft: Mit „Heilsbringer und Todesschlund“ markiert das Museum Wiesbaden die beiden Eckpunkte der sinnbildlichen Deutung. Cranes „Rosse des Neptun“ künden dabei von der unzähmbaren und unberechenbaren, bisweilen destruktiven Kraft des Wassers. Ein anderes bemerkenswertes Gemälde der Schau macht das Wasser dagegen zum Quell für Musik und Traum, zum Spiegel der Seele: 1904 schuf der Italiener Emilio Longoni, dessen divisionistische Malweise ihn als Weggefährten Giovanni Segantinis ausweist, mit „Die Melodie des Flusses“ ein wirklichkeitsentrücktes, sinnlich aufgeladenes Szenario des völligen Einklangs zwischen Mensch und Natur. Wie in Stefan Georges zehn Jahre früher entstandenem Gedicht über „Stimmen im Strom“ zerfließen auch in Longonis Bild die Grenzen zwischen menschlichem Dasein und säuselndem Wasserreich.
Bäderkultur im Jugendstil
Doch nicht nur in symbolistischen Fluten badet die Schau. Sie taucht auch hinab in reale Unterwasserwelt: mit Hilfe aquaristischer Impressionen des niederländischen Malers Gerrit Willem Dijsselhof. Sie erinnert an die Blüte der Bäderkultur im Jugendstil. Und sie dokumentiert, wie Quallen, Kraken, Krebse und Korallen, vom Zoologen Ernst Haeckel als „Kunstformen der Natur“ katalogisiert, zu Ideengebern werden konnten für bizarre Fischbestecke und extravaganten Schmuck, für groteske Kerzenständer und Vasen mit kuriosem Dekor.
Beitrag zum „Jahr des Wassers“ in Wiesbaden
Begleitet wird die Ausstellung – ein Beitrag zum „Wiesbadener Jahr des Wassers“ – von einem Katalog, der das Sujet in vielen Essays in noch feinere Verästelungen treibt. Da geht es dann zum Beispiel um Wasser als heilbringendes Element bei esoterischen Lebensreform-Propheten wie Karl Wilhelm Diefenbach und Fidus (Hugo Höppener). Oder um die „ambige Geschlechtlichkeit des Kraken“, der in Kunst und Literatur der Epoche mal als monströser, mit seinen acht Armen die Frau beglückender Liebhaber auftaucht, mal mit der Femme fatale verschmilzt, der die Männer verfallen. Fazit: eine Flut schöner Bilder und Dinge und ein reiches Kompendium zu einem unerschöpflichen Thema.
„Heilsbringer und Todesschlund: Wasser im Jugendstil“ – bis 23.10., Museum Wiesbaden, Friedrich-Ebert-Allee 2, geöffnet: Di, Do 10-20 Uhr, Mi, Fr 10-17 Uhr, Sa, So, Feiertag 10-18 Uhr; Katalog: 39,90 Euro; Info: www.museum-wiesbaden.de
