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Americana-Reise mit Blick in den Rückspiegel: LP „Going North, Looking South“ von Sundog
Mit Verklingen des letzten Tons beginnt der Wunsch nach dem Neustart: Die melancholische, eindringliche Singer-Songwriter-Ballade „Promise of a Rose“ als Schlusspunkt des Albums „Going North, Looking South“ mag die große Liebe als leeres Versprechen entzaubern, lässt jedoch genug Fragen offen, um neugierig zu bleiben und mutig den Neubeginn zu wagen. Und auch das Album legt man immer wieder gerne von Neuem auf: Sundog schaffen mit weitgehend akustischen Songs zwischen Singer-Songwriter, Americana, Blues und Country eine einzigartige Stimmung zwischen Aufbruch, Ankommen, Zukunftsängsten und Zuversicht, die bestens in diese von Unsicherheit und Krisen geprägte Zeit passt.
Der einsame Weg eines Glücksritters
Der Albumtitel findet sich als Liedzeile im träumerisch zweifelnden „Row“ wieder, das von einem Glücksritter auf seinem einsamen Weg zum Erfolg erzählt, der ihn in den (kühlen) Norden führt, von wo aus er sehnsüchtig zurück in den (sonnigen) Süden blickt. Allen Stücken aus der Feder von Six-Was-Nine-Mitbegründer, Cole-Mitglied und Echo-Preisträger Markus Tiedemann („Drop Dead Beautiful“), dem in Frankenthal geborenen Sänger, Gitarristen und Kopf von Sundog, wohnt diese gewisse Bipolarität inne. So manche Textzeile spiegelt den Versuch, der Paradoxie im Leben etwas entgegenzusetzen, das wir lieben und dessen Grundlagen wir doch zu zerstören drohen. Diese Bedrohung prangert Tiedemanns eindringlicher Sprechgesang etwa im rhythmus- und bassbetonten Bluesrock-Opener „Siren Calls“ recht offen an, um gleich danach in „Secret World“ mit coolen Fingerpickings verborgenen Geheimnissen nachzuspüren – in der Hoffnung, doch noch spirituelle Rettung zu erfahren? Die poetischen, teils bildhaften Texte der zehn Gänsehaut-Tracks lassen Interpretationsspielraum.
Kleinod für Liebhaber akustischer Gitarrenmusik
Aber das Album ist in erster Linie ein Kleinod für alle, die akustische Gitarrenmusik mit viel Gefühl und Tiefgang lieben. „Row“ zum Beispiel geht mit mehrstimmigem Gesang – Six-Was-Nine- und Cole-Kollege Achim Degen liefert die Background Vocals – und Mitsing-Refrain stilistisch in Richtung Eagles. Das bittersüße „Nightdew Hill“ erinnert mit mitreißendem Rhythm ’n’ Blues und starken Gitarren-Soli etwas an John Butler. Immer wieder finden sich auch Country-Anleihen. „Fool’s Gold“ etwa ist ein typischer Country Waltz. Doch selbst beschwingte Stücke sind nie gänzlich unbeschwert. Bewusst gesetzte Dissonanzen, und sei es nur angedeutet im ausklingenden Schlusston, setzen immer wieder kleine Nadelstiche so wie das Leben selbst.
Bittersüßes, lebenskluges, großes Musik-Kino!
Sundog: „Going North, Looking South“, Kontakt/LP (22 Euro):
markus.tiedemann@t-online.de
