Pfalz
Wie ein Bürgermeister für ein offenbar dubioses Geldanlagemodell wirbt
Im weißen Hemd, gut gelaunt, sitzt er da und erzählt. Dass er im Dezember 2019 zu Hyperfund kam und dann schon ein halbes Jahr später alles „richtig Fahrt aufgenommen“ hat. Mit Fahrt meint der Mann die Geldvermehrung und die immer größer werdende Gemeinde, die Community. Deren Mitglieder sind an diesem Abend online einem Seminar zugeschaltet und lauschen dem Bürgermeister einer kleinen
Gemeinde in der Pfalz. Sie alle investieren Geld bei Hyperfund und erhalten dafür Kryptowährung, ein digitaler Vermögenswert.
Die Bankenaufsicht warnt
Unter den Zuhörern sind Petra, Frank, Michael oder Iris, die eigentlich anders heißen. Sie wollen wissen, wie sie ihre Hunderte oder Tausende Euro bald vervielfachen können. Ob das Eingezahlte auch sicher ist? Der Pfälzer sagt, dass hier nicht Geld eingesammelt werde und es „dann verschwindet“. Schließlich arbeite man mit renommierten Universitäten zusammen und mit einem milliardenschweren weltweiten Unternehmen. Auf den Vortragsfolien erscheinen unter anderen die Namen Hong Kong Polytechnic University oder Purdue University.
Namen, die die Seriosität des Anlagesystems Hyperfund unterstreichen sollen, für das jener Bürgermeister lächelnd wirbt. Doch genau diese Seriosität wird von Experten angezweifelt. Die deutsche Bankenaufsicht Bafin ermittelt seit Mitte Oktober. In der Bafin-Warnung heißt es: „Aufgrund von der Bafin bekannt gewordenen Tatsachen besteht der Verdacht, dass die HyperTech Group mit dem Geschäftsmodell ,Hyperfund’ unerlaubt Bankgeschäfte beziehungsweise Finanzdienstleistungen in Deutschland anbietet.“ Auch die „Wirtschaftswoche“ berichtete am 29. Oktober sehr kritisch unter dem Titel „Köder Krypto“.
Verbraucherschützer wird stutzig
Ein Hinweis für die Bafin, dass Hyperfund ein unseriöses System sein könnte, kam aus der Verbraucherzentrale des Saarlands. Im Sommer wurde ausgerechnet ein Experte für den sogenannten Grauen Kapitalmarkt als Privatmann auf die sagenhafte Geldanlage angesprochen. Doch er wurde stutzig. Renditeversprechungen von 100 bis 200 Prozent und mehr – wie sollte das funktionieren? Thomas Beutler, 43, Betriebswirt und Berater der Verbraucherzentrale in Saarbrücken, ging der Sache nach. Was ihm unter anderem verdächtig vorkam: „In den mir vorliegenden Unterlagen geht es um ein vages Rückzahlungsversprechen zur Geldeinlage. Die versprochene Rendite wird dort nicht genannt“, sagt er im RHEINPFALZ-Gespräch.
Die angeblich möglichen Riesengewinne haben auch Anleger wie Petra, Frank, Michael oder Iris angelockt. Bringen sie ihrerseits über ihren Verwandten- und Freundeskreis und über den Messengerdienst Telegram weitere Anleger in das Netzwerk, winken ihnen zusätzlich noch Provisionen. Einstiegspakete sind für etwa 300 US-Dollar zu haben. Die Boni steigen mit der Anzahl der geworbenen Personen und der Höhe der Investitionen. Die höchste Stufe der Hyperfund-Welt ist V5 – jene hat offenbar der Bürgermeister.
Verdeckte Recherchen
Am Dienstag nun geriet der Pfälzer mit einem Bericht des Saarländischen Rundfunks (SR) in die Schlagzeilen. Das Rechercheteam des Senders hat sich seit Sommer das Krypto-Investment Hyperfund näher angesehen und kommt ebenfalls zu einem klaren Urteil: ein dubioses System. Wie Niklas Resch vom Rechercheteam gegenüber der RHEINPFALZ bestätigt, hatte sich das Team unter anderem Namen in die sogenannte „Hyper Community“ eingeschleust. In Webinaren über Hyperfund hat der SR eigenen Angaben nach „auch gesehen und gehört, wie der Kommunalpolitiker einer kleinen Gemeinde, mal konkret, mal angedeutet, - auf sein Amt als Bürgermeister Bezug nahm“. Für Resch, 39, bleibt am Ende die bittere Erkenntnis: „Gier frisst Hirn auf.“ Denn nach dem SR-Bericht über jenen Mann und das Finanzmodell habe sich der Ärger der „Community“ nicht gegen das Anlagesystem gerichtet, sondern gegen die Journalisten.
Anwalt: ein Schneeballsystem
Auch der Berliner Anlegeranwalt Jochen Resch kennt Diffamierungen, sagt er. In einem Youtube-Video hatte er schon im August Hyperfund als ein sogenanntes Schneeballsystem bezeichnet. Solche Systeme sind illegal und brechen dann zusammen, wenn zu viele Anleger gleichzeitig ihr Vermögen abziehen wollen. Ihnen droht der Totalverlust. Unklar ist Experten zufolge auch, worin Hyperfund das ganze Geld investiert. Auch der genaue, offenbar ausländische Firmensitz ist laut Bafin nicht gesichert. Anwalt Resch warnt: Vermittler bei Hyperfund, die andere anwerben, machten sich womöglich strafbar und seien womöglich schadenersatzpflichtig.
Und was sagt jener Bürgermeister, der der RHEINPFALZ namentlich bekannt ist? Auf Anfrage schreibt seine Hamburger Anwältin: Die Berichterstattung des SR sei „aus mehreren Gründen unzutreffend und rechtswidrig“. Zudem werbe ihr Mandant „nie mit seinem Amt ,als Bürgermeister’ für die Produkte von HyperFund“.
Die Staatsanwaltschaft Saarbrücken jedenfalls prüft aufgrund des SR-Berichts, ob sie Ermittlungen einleitet. Das teilte die Behörde auf Anfrage mit. Die Prüfung richte sich nicht gegen bestimmte Personen.
Info
Unter dem Titel „Hyperfund und der Traum vom großen Geld“ ist am Sonntag der Beitrag der vier Journalisten auf SR3 zu hören: Sendung „Land und Leute“, 12.30 Uhr.