Stadt wird bunt
Was verbirgt sich hinter den Landauer Mini-Türen?
Von Weitem hört sie Kinder rufen: „Eine Tür, eine Tür!“ Und es dauert nicht lange, da hocken die Dreikäsehochs im Halbkreis vor ihrem Teeladen in der Marktstraße. Monika Danz schmunzelt. Durchs Fenster beobachtet sie, wie die Kinder sich über ihre Entdeckung freuen: eine winzige Tür an der Treppe zum Geschäft. Von den kleinen Objekten gibt es in Landau inzwischen viele. Aber es findet sie nur, wer ganz genau hinschaut.
Die Holztürchen sind in Bodennähe und oft an Stromkästen und Litfaßsäulen angebracht. Sie sind bunt, mal mit Glitzersteinen verziert, mal mit fröhlichen Motiven bemalt. Nüchtern betrachtet ist es eine niedliche Deko-Idee. Aber wer mag, kann daraus viel mehr machen: eine zauberhafte, kleine Welt mit fantastischen Wesen.
„Bei mir ist eine Fee eingezogen“
„Bei mir ist eine Fee eingezogen“, sagt Monika Danz stolz. Eines Tages sei die Tür einfach da gewesen. Wie durch Zauberhand. Bemalt mit roten Teekannen und lila Tassen. Heimlich angebracht haben sie zwei Studenten. Zwei junge Leute, die mit ihrer Aktion Freude schenken, aber nicht ihren Namen verraten wollen — denn das Ankleben der Türchen könnte als Sachbeschädigung gewertet werden. Vielen Landauern gefällt die Aktion allerdings richtig gut. Die Wichtel- oder Feentürchen, wie sie heißen, sind Hingucker und begeistern auch außerhalb: Leute erkundigen sich im Büro für Tourismus; Anfragen aus dem ganzen Land erreichen die Initiatoren; und eine Lehrerin lässt im Unterricht eine Wichtelstadt bauen.
„Dass daraus so ein großes Ding wird ...“
Als die beiden Studenten im Februar ihre Aktion starteten, ahnten sie nicht, was sie damit anstoßen würden. „Ich wollte Landau in dieser tristen Zeit etwas bunter machen und den Menschen, egal ob jung oder alt, ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Dass daraus ein so großes Ding wird, damit habe ich nicht gerechnet“, erklärt die Studentin. Sie bemalt alle Türchen selbst. Ein Kommilitone hat sich ihr angeschlossen und kümmert sich um den Social-Media-Auftritt. Bei Instagram kann man den beiden folgen.
Tradition in anderen Ländern
„Ich war von der Idee sofort begeistert“, berichtet er. Was die beiden machen, ist allerdings nichts Neues: In vielen Ländern ist es eine lange Tradition, das Zuhause mit einem kleinen Türchen auszustatten. In Irland und Island etwa gelten sie als Einladungen an kleine Lichtwesen, einzuziehen und Haus und Leute zu beschützen. Es heißt, die Besucher wachten über Schlaf und Träume, hörten sich Kummer und Sorgen an. Ein anderer Brauch kommt aus Dänemark: Wenn im Haus eine Wichteltür auftaucht, ist es nicht mehr lang bis Weihnachten. Nisse, der Weihnachtswichtel, kümmert sich um die Tiere auf den Höfen und hilft dem Weihnachtsmann mit den Geschenken. Er wurde noch nie gesehen, hinterlässt aber überall Spuren. Er spielt Streiche, schreibt den Kindern im Haus Briefe oder legt eine Kleinigkeit vor die Wichteltür. Als Dank wird er von den Menschen mit Milchreis versorgt. In Finnland und Schweden gibt es eine ähnliche Figur. Der bekannteste Weihnachtswichtel ist sicherlich Tomte Tummetott aus Astrid Lindgrens gleichnamigen Kinderbuch.
700 Türchen aufgestellt
„Davon wusste ich nichts“, gesteht die Studentin. „Ich habe im Internet ein Foto mit einer kleinen Tür gesehen. Sie war an einem Baum befestigt. Das fand ich schön und wollte diesen Charme nach Landau bringen.“ Die zwei sind keine Pfälzer, kennen die Stadt aber wie ihre Westentasche. „Ich weiß mittlerweile fast alle Straßennamen“, sagt der Student und lacht. Ungefähr 700 Türchen haben die beiden schon verteilt. Beim Ankleben versuchen sie, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu ziehen. Manchmal sind sie nachts unterwegs. Vor allem dann, wenn sie eine Wichteltür an einem gut besuchten Platz anbringen wollen. „Oft ist es aber ganz einfach. Viele Leute gehen auf den Straßen ohne dabei ihre Umwelt richtig wahrzunehmen. Sie starren aufs Smartphone oder sind in Eile. Was knapp über dem Boden passiert, bekommen sie gar nicht mit“, berichtet der junge Mann.
„Der Zauber der kleinen Dinge“
Der Blick verändert sich. Man sieht plötzlich genauer nach unten in scheinbar unbedeutende Ecken und entdeckt wieder den Zauber der kleinen Dinge“, sagt Franziska Nuber. Sie arbeitet im Alten- und Pflegezentrum Bethesda in Landau. Die Bewohner, sagt sie, liebten die bunten Feentürchen. Und eine Seniorin erzählt: „Jedes Mal, wenn ich eins sehe, geht mir das Herz auf. Mein Enkel und ich denken uns dann Geschichten aus, wer wohl dahinter wohnen könnte.“ Knuffige Monster, Trolle, Elfen oder vielleicht eine Elwetritsch? Die Klasse 6c am Otto-Hahn-Gymnasium wurde während des jüngsten Lockdowns von ihrer Lehrerin Claudia Branca losgeschickt, nach Türchen zu suchen. „Ich wollte die Kinder mit etwas Schönem beschäftigen“, sagt sie. Die Aktion der Studenten biete sich wunderbar für Kunstunterricht an, Stichwort Wahrnehmungssensibilisierung. Hausaufgabe: eigene Türchen für zu Hause basteln. Später in der Schule haben die Kinder ihre Arbeiten zu einer großen Collage, einer Wichtelstadt, zusammengesetzt.
Freude in der Kita
In der Kindertagesstätte „Wilde 13“ seien vor allem die Mädchen völlig aus dem Häuschen gewesen, als sie in der Nähe des Eingangs eines entdeckten, sagt die Leiterin Martina Julier und fügt an: „Ich bin begeistert von der Idee. Die Türen sind kleine Highlights im Alltag.“ Sie berichtet, wenn Wichtel oder Feen in einer Vorlesegeschichte vorkommen, verwiesen die Kinder stolz auf ihre Tür. Inzwischen zieren die Miniaturen sogar Geschäfte in der Stadt: das „Stoffwerk“ hat eins, die „Ethikette“ auch. Ebenso der Friseursalon Breiner — in Regenbogenbunt. „Wir haben uns natürlich riesig gefreut. Wichtel müssen ihre Haare schließlich auch schneiden lassen“, sagt Mitarbeiterin Barbara Hoeltzel. Silvia Weber vom „Downtown“ hat ihres an einem Sonntag entdeckt. „Das war vielleicht eine tolle Überraschung. Und sogar unser Maskottchen, unser Goldkind, ist darauf gemalt. Jetzt hat es ein eigenes Türchen, um in die schöne Trappengasse rauszuschauen“, freut sie sich. Und das Beste daran: Man komme damit ins Gespräch, „das ist viel schöner als über Corona zu reden“.
Die Stadt drückt ein Auge zu
Die beiden Studenten erzählen, dass sie eine Zeit lang heimlich Wunschtüren angebracht haben. „Die Leute schreiben uns und fragen nach einer Tür für ihr Geschäft oder ihr Wohnhaus. Wir lassen uns von ihnen die Erlaubnis geben und bringen die Wichteltür irgendwann bei ihnen an“, sagt die Initiatorin. Sie hat sogar schon Türchen nach Würzburg und Aachen geschickt. „Und immer noch kontaktieren uns Eltern, die fragen, ob wir in ihrer Straße, auf dem Schulweg der Kinder, Feentüren verstecken könnten.“ Inzwischen weiß der Nachwuchs gut, wo er suchen muss. „Meine Tochter steuert jeden Stromkasten in der Stadt an, um nach Wichteltürchen zu schauen“, erzählt Franziska Nuber lachend.
Die Stadt drückt bei der Aktion gern ein Auge zu: „Wer sind wir, entweder als Stadt oder als Energie Südwest, um übernatürlichen Wesen vorzuschreiben, wo sie ihr Quartier beziehen dürfen?“, sagt Pressesprecherin Sandra Diehl. „Die bunten Türchen begeistern in diesen schwierigen Zeiten viele Menschen, besonders natürlich Kinder. Wir als Stadt und auch unser Büro für Tourismus bekommen immer wieder positives Feedback“, berichtet sie. Leute fragten nach einer Übersicht. Doch die gibt es nicht.
„Der Spaß an der ganzen Sache ist ja gerade das Suchen“, machen die beiden Studenten deutlich. „Und ja“, gibt Diehl zu, „auch uns macht das glücklich.“ Bedauerlich hingegen sei es, wenn Türchenen zerstört oder abgerissen würden. Auch Wind und Wetter spielten ihnen mit. „Wir geben uns zwar Mühe, die Türchen so wetterfest wie möglich zu machen, aber durch die Nässe quellen sie auf und gehen langsam kaputt“, wissen die Initiatoren. Übrig bleibt dann meist nur ein hässlicher Kleberest. „Wenn uns eine solche Stelle auffällt, kleben wir oft ein neues Türchen an dieselbe Stelle“ sagt die junge Frau.
Mit ihrer Aktion hat sie andere inspiriert: Auch im Stadtdorf Arzheim ist jetzt eine Gruppe unterwegs, die Wichteltürchen anbringt. Irgendwann, sagt die Studentin, werde sie aufhören. Es koste wahnsinnig viel Zeit und natürlich auch Geld. Doch bis dahin freue sie sich über jedes Lächeln, das sie mit ihren Türchen in die Gesichter der Menschen zaubert.