Auffangstation für Tiere RHEINPFALZ Plus Artikel Tiger, Pumas und das Schaf von der Tankstelle

Tigerin Varvara hat ein Zuhause in der Südwestpfalz gefunden.
Tigerin Varvara hat ein Zuhause in der Südwestpfalz gefunden.

Raubkatzen in der Südwestpfalz? Logisch. Seit fünf Jahren leben die Großkatzen auf einem alten Militärgelände nahe Maßweiler. Mittlerweile sind ein Puma und ein Serval hinzugekommen. Die heimlichen Stars der Tierauffangstation sind aber ganz andere. Und die dürfen nach dem Corona-Shutdown jetzt ebenfalls wieder besucht werden.

Maskenpflicht? Für Waschbären ist das kein Problem. Die Tiere, von denen rund drei Dutzend auf der Tierauffangstation leben, sehen immer so aus, als trügen sie Mund-Nasen-Schutz. Ist aber eher das Modell Panzerknacker – und auch das nur scheinbar. Schuld daran ist die Fellzeichnung. Wer mit seinem Handy beim Fotografieren ein wenig zu nah ans Gehege kommt, erkennt, dass die kleinen Pfötchen nicht nur geschickt im Umgang mit Nahrung sind, sondern auch mal blitzschnell ein Mobiltelefon schnappen können.

Monatsration: Eine Tonne Früchte

Allerdings stehen technische Geräte nicht auf dem Speiseplan der Tiere, die in Deutschland insbesondere in Hessen und Brandenburg durch Auswilderungen heimisch geworden sind. Rund eine Tonne Früchte vertilgt die Maßweilerer Waschbärenschar, die sich bei den Führungen als wahre Publikumslieblinge entpuppt, pro Monat. Ein Löwenanteil davon kommt von umliegenden Supermärkten, die Ware aussortieren. Während Corona riss diese Versorgungskette, wurde aber durch Spenden abgefedert, wie Tierpfleger Tim Zeller berichtet.

Krisenmodus: Tierpfleger in zwei Gruppen

Das Coronavirus hatte für die Station, die der Verein „Tierart“ mit Unterstützung der Tierschutzorganisation Vier Pfoten betreibt, aber nicht nur auf die Versorgung der Waschbären Auswirkungen. Die mit dem Lockdown einhergehenden massiven Veränderungen im Alltag haben auch den Betrieb der Tierauffangstation nachhaltig verändert. Das Mitarbeiter-Team wurde in zwei Gruppen aufgeteilt, die sich nicht mehr begegnen durften. Hätte eine Schicht in Quarantäne gemusst, hätte die zweite die Tiere weiter versorgen können. Für Publikum war die Anlage gesperrt, Bauprojekte, wie etwa das neue Puma-Gehege, verzögerten sich, der Eröffnungstermin für eine geplante Dauerausstellung musste vom Mai auf September verschoben werden. Und: Führungen waren zunächst einmal tabu.

Führungen im Freien

Seit vergangenem Wochenende sind diese aber wieder – unter Auflagen – möglich. Womit wir wieder bei den Masken wären. Zwar spielt sich die Führung weitgehend im Freien ab, wo es aber in Räume hineingeht, herrscht Maskenpflicht, berichtet Eva Lindenschmidt, die stellvertretende Betriebsleiterin der Anlage.

Etwa 14 Hektar groß ist das ehemalige Militärgelände, das seit rund 20 Jahren einen friedlichen Rückzugsort für Tiere bietet. Neben den Waschbären leben dort Großkatzen, Füchse sowie eine Schafherde dauerhaft auf der Station, die sich in Sichtweite des rund 1000 Einwohner zählenden Dorfes Maßweiler befindet. Insgesamt rund 100 Tiere.

Hannibal und Maske – da war doch was

Zu der Schafherde unlängst hinzugesellt hat sich das Schaf Hannibal. Hannibal? Maske? Da war doch was? Richtig. Im oscar-prämierten Streifen „Das Schweigen der Lämmer“ gibt es auch einen Hannibal. Hannibal Lecter. Der musste auch eine Gesichtsmaske tragen, allerdings Schutz für seine Mitmenschen. Der Hannibal bei „Tierart“ ist harmlos. Er mag zwar Menschen, aber nicht zum Fressen. Er kam im Februar auf die Station, schaut ganz freundlich und muss auch keine Maske tragen, wie sein einst von Anthony Hopkins verkörperter Namensvetter. „Unser Tankstellenschaf“, sagt Lindenschmidt.

Lokale Schafsprominenz

Hannibal wurde bei Rüsselsheim an einer Tankstelle aufgegriffen. In einem Internet-Video hat er es sogar zu lokaler Prominenz geschafft, denn die Begegnung eines sehr schreckhaften Kunden mit dem Schaf wurde von den Überwachungskameras gefilmt. „Das war einfach nur sehr, sehr witzig“, berichtet Lindenschmidt. Was ein Schaf nachts an der Tankstelle macht? „Vielleicht ist es aus einer nahe gelegenen Gartenanlage abgehauen“, vermutet die Biologin. Ein Besitzer habe sich nie gemeldet. Nun lebt Hannibal in Maßweiler.

Tiere mit Geschichte

So wie Hannibal hat eigentlich jedes Tier bei Tierart so seine Geschichte. Da ist die von der Tigerdame Cara, die wohl von einem italienischen Mafioso zur Belustigung angeschafft wurde und von der Polizei aus einem kleinen Verschlag gerettet wurde. Oder die von den beiden Tigern Bela und Sharuk, geboren in Privathaltung in Deutschland. Für das Geschwisterpaar war Maßweiler allerdings nicht der Endpunkt ihres bewegten Lebens. Im vergangenen Oktober sind sie weiter gereist nach Südafrika. Dort betreibt „Vier Pfoten“ die Großkatzenanlage Lionsrock, wo die beiden eine neue Heimat gefunden haben. Frank Elstner war auch dabei. Der TV-Moderator begleitete die Reise mit seinem Team für eine seiner Fernsehshows.

Illegale Haltung

Fernsehreif sind alle Schicksale. Auch das von dem Serval Kiano, der seit April in Maßweiler ein Zuhause gefunden hat. Servale sind eigentlich in Afrika beheimatete Wildkatzen, gefunden wurde Kiano aber im Rhein-Sieg-Kreis, wo er offenbar ausgebüchst war. Da sich niemand gemeldet hat, gehen die „Tierart“-Leute davon aus, dass er illegal gehalten wurde. Das kann ein einträgliches Geschäft sein. Mit Hauskatzen gezeugte Nachkommen gelten als sehr wertvoll und werden für Tausende von Euro gehandelt.

Welches neue Tier das Team gerade in Obhut genommen hat, erfährt die Welt durch die Social-Media-Accounts der Station. Seien es vier Eichhörnchen-Babys oder sei es ein winziger Igel. Die Menschen nehmen Anteil an den Schicksalen. Auch an den grausamen.

Tod im Häcksler

Unlängst fand ein Fuchswelpe den Weg nach Maßweiler, dessen Mutter und Geschwister von Waldarbeitern zunächst aufgeschreckt und dann in einen Häcksler geworfen und getötet worden waren. Ein Arbeiter rettete das Tier vor dem sicheren Tod. Der Beitrag dazu bei Facebook stellte, was die Reichweite anbelangt, einen Rekord in der Welt von „Vier Pfoten“ auf, berichtet Lindenschmidt. Tierart stellte Strafanzeige, das Verfahren laufe noch. Dem kleinen Fuchs geht es derweil gut. Er wird von den Tierschützern zusammen mit gut einem Dutzend Artgenossen auf seine Auswilderung im August vorbereitet.

Tiere im Krieg

Der kleine Fuchs wird wohl schon durch die Wälder streifen, wenn Anfang September auch eine Dauer-Ausstellung in einem der vielen Stollen eröffnet werden soll. Wo einst von den US-Streitkräften militärisches Material gelagert wurde, sollen Besucher mehr darüber erfahren, unter welchen Umständen Tiere bei den von Menschen angezettelten Kriegen im Einsatz waren, berichtet Lindenschmidt.

Gasmaske fürs Pferd

„Wir wollen kein zweites Westwall-Museum, wir wollen eher die Brücke zum Tierschutz schlagen.“ Die Vorbereitungen und die für Mitte Mai geplante Eröffnung seien durch Corona ins Stocken geraten. In den kommenden Wochen stehen nun erste Testläufe an, offiziell eröffnet werden soll die Ausstellung dann Anfang September.

Ob dann noch die Maskenpflicht für Räume gilt? Eine Maske wird es in der Ausstellung mit Sicherheit zu sehen geben: eine Gasmaske für ein Pferd – auch das eine Erinnerung ans Thema „Tiere im Krieg“.

Der Verein Tierart

Den Verein Tierart gibt es seit Ende des vergangenen Jahrtausends. Gründerin ist Roswitha Bour, eine Geschäftsfrau aus Trier im Ruhestand, die das Schicksal der letzten vier Tiger des Staatszirkus der untergegangenen DDR nicht mehr losließ. Die Tiere sollten getötet werden, kein Zoo oder Tierpark wollte sie aufnehmen. Bour gründete deshalb 1999 kurzerhand einen Verein und rettete die Raubkatzen. Einige Wochen waren die Tiger damals auch in Maßweiler untergebracht, doch dauerhaft waren sie in der Südwestpfalz nicht willkommen. Noch nicht. Die Genehmigung, ein Großkatzengehege zu errichten, wurde nicht erteilt. Die vier Tiger wurden weiter vermittelt, zwei gingen nach Holland, zwei nach Österreich. Doch Roswitha Bour gab nicht auf. Und nach 16 Jahren kehrten Großkatzen nach Maßweiler zurück – diesmal, 2015, in eine hochmoderne Käfiganlage. Bour hatte die Pläne persönlich im Ortsgemeinderat vorgestellt.

400 Mitglieder und Paten

„Ich mache es für die Tiere, denn die können es selbst nicht tun“, lautet das Credo von Roswitha Bour. Im Frühjahr wurde sie mit dem Tierschutzpreis 2019 des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnet. Der Verein hat nach eigenen Angaben rund 400 Mitglieder und Tierpaten, also Menschen, die die auf der Station lebenden Tiere unterstützen. Während der warmen Jahreszeit leben auf der Station rund 150 Tiere, ein Drittel davon allerdings nur vorübergehend: Die Wildtiere – meist sind es verletzte oder elternlose Wildkatzen, Füchse, Steinmarder, Igel und Eichhörnchen –, die ab Frühjahr einziehen, werden im Herbst wieder ausgewildert.

„Vier Pfoten“

Seit einigen Jahren unterstützt die weltweit agierende Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ den Betrieb der Tierauffangstation. Seit 2016 ist die Station eine gemeinnützige GmbH, Tierart hält zehn Prozent, den Rest „Vier Pfoten“. Die Station hat zehn festangestellte Kräfte, dazu kommen fast noch einmal so viele Aushilfen, die ehrenamtlichen Vereinsmitglieder, die auch mit anpacken, nicht mitgerechnet. Außerdem kann bei Tierart ein Freiwilliges Soziales Jahr abgeleistet werden. Und: Auch mit der Heinrich-Kimmle-Stiftung arbeitet Tierart zusammen, sodass regelmäßig auch Menschen mit Beeinträchtigungen bei Tierart mitanpacken.

Führungen

Im Juni und Juli bietet Tierart wieder Führungen an Samstagen und Sonntagen an. Allerdings muss man sich dafür per E-Mail (wildtierauffangstation@tierart.de) anmelden – und es stehen pro Führung nur zehn Plätze zur Verfügung. Dazu gibt es, nach Absprache, unter der Woche weitere Führungen. bld

www.tierauffangstation.de und www.tierart.de

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