Interview
Pfälzer Lungenfacharzt über Long-Covid und was Medikamente gegen Corona bewirken können
Herr Dr. Kniele, die Corona-Zahlen und die Inzidenzen sind momentan auf Rekordkurs. Zeitgleich hat die Politik gerade in vielen Bereichen Corona-Regeln gelockert. Können Sie sich darüber freuen?
Wir konnten uns seit zwei Jahren über einige Entscheidungen nie so richtig freuen. Wir haben jetzt die sechste Welle, die mit den Infektionszahlen durch die Decke geht. Das ist ein dynamischer Prozess. Wir hatten am 26. Februar vor zwei Jahren den ersten Corona-Fall hier in Kaiserslautern. Mittlerweile hatten wir fast 1800 Fälle in stationärer Behandlung auf den Isolationsstationen, knapp 400 Patienten auf den Intensivstationen und es gab auch einige Tote. Wenn es um Sterbefälle geht, die mit Corona zusammenhängen, kann man natürlich gar nicht froh sein. Da stellt sich auch die Frage: Darf man lockern, wenn die Zahlen nach oben gehen? Das ist nicht einfach zu beantworten.
Inwiefern spiegeln sich die hohen Infektionszahlen zurzeit bei Ihnen am Westpfalz-Klinikum wider?
Auch wenn Omikron leichtere Symptome und Erkrankungen hervorruft, haben wir durch die hohe Inzidenz auch eine hohe Anzahl an Patienten. Auf den Isolationsstationen haben wir in Kaiserslautern im Moment 49, auf der Intensivstation neun.
Man hört immer wieder, die Omikron-Variante sei weniger gefährlich als die vorhergehenden. Was ist da dran?
Die Theorie ist, dass die Omikron-Variante eher auf die oberen Atemwege ausstrahlt und häufig Grippesymptome hervorruft, also: Gliederschmerzen, Fieber, Husten. Es gibt aber auch Patienten, die einfach nur heftige Kopfschmerzen haben. Wir sehen das im Rahmen der hohen Inzidenzzahlen teilweise etwas anders, da wir auch sehr schwere Lungenentzündungen dabei haben. Ansonsten überwiegen die leichten Symptome bis hin zu gar keinen. Das macht die Detektierung (Anm. d. Red. das Entdecken) der infizierten Patienten oft sehr schwierig.
Sind von der Omikron-Variante bestimmte Altersgruppen besonders betroffen?
Nein, das zieht sich durch alle Altersgruppen.
Gibt es schon Erkenntnisse, inwieweit es bei der Omikron-Variante zu Impfdurchbrüchen kommt?
Das Wort Durchbrüche klingt immer so brutal. Es gibt Patienten, die geimpft sind, die genesen sind, und die dann wieder positiv werden, aber asymptomatisch (Anm. d. Red. Ohne Symptome) bleiben. Das kann durch Omikron häufiger vorkommen. Wir werden immer wieder solche Fälle haben. Wir hoffen auf den Herbst, dass es bis dahin dann eine Impfung gegen die Omikron-Variante gibt. Wie wir alle zwischenzeitlich wissen, kann auch die Impfung keinen hundertprozentigen Schutz bieten. Aber ich sage es mal so: Die Patienten mit Omikron, die geimpft sind, befinden sich meist in häuslicher Isolation anstatt im Krankenhaus. Die, die auf der Isolationsstation liegen, konnten vor der Intensivstation bewahrt werden. Und die Patienten auf der Intensivstation sind am Leben und haben die Chance auf eine Genesung.
Gibt es bei der Omikron-Variante mehr Fälle von Patienten, die an langfristigen Folgen einer Erkrankung leiden, einer Art von Long Covid?
Mit Statistiken bin ich an der Stelle noch vorsichtig. Uns fehlt die Erfahrung mit Omikron. Ich hoffe, dass die Krankheitsschwere unmittelbar korreliert mit der Häufigkeit von Long Covid – also, dass die leichteren Fälle so etwas seltener entwickeln.
Wie sieht es generell mit Long-Covid-Fällen bei Ihren Patienten aus?
Was die Delta-Variante angeht, haben wir sehr traurige Beispiele von Long Covid. Dazu gehört auch eine Therapieresistenz. Wir können selten etwas sinnvolles dagegen tun. Die eindrucksvollsten Patienten sind junge Leute, die im Leben stehen, die auf der Karriereleiter nach oben wollten und jetzt im Stillstand oder wieder runtergerutscht sind. Die sind platt, müde, könnten immer schlafen. Wir haben Patienten – das ist der Klassiker – mit einem Verlust des Geschmacks- und des Riechvermögens. Andere haben Kopfschmerzen oder eine muskuläre Schwäche. Von den Patienten mit organischen Schäden ganz zu schweigen, die unter Luftnot leiden, einen Teil ihrer Lungen- und auch Herzfunktion verloren haben.
Wie werden solche Leiden behandelt?
Das ist ganz individuell. Wir schauen, welche der Erkrankungen in der Situation relevant wird. Wir können Herzrhythmusstörungen bessern, wir können Mangelerscheinungen ausgleichen. Aber wir haben das Problem, dass wir oft nicht eingrenzen können, durch was Long Covid genau verursacht wird. Das Virus hat sehr viel Potenzial, Schaden anzurichten. Bei der Therapie brauchen wir deshalb einen ganzheitlichen Ansatz.
In den vergangenen Jahren hat sich in der Forschung viel getan im Hinblick auf das Coronavirus. Mittlerweile sind auch einige Medikamente auf dem Markt, die helfen sollen. Setzen Sie davon auch welche am Westpfalz-Klinikum ein?
Ja, das Portfolio ist groß. Am Anfang der Pandemie haben wir Cortison verwendet, wir haben Antibiotika begleitend gegeben, wir haben Thromboseprophylaxe gemacht – Thrombosen waren bei der Deltavariante das gefürchtete Element. Mittlerweile haben wir zum Beispiel Medikamente, die die Virenvermehrung bremsen können. Da gibt es tolle Ergebnisse bei älteren Patienten mit Vorerkrankungen, bei denen man schon ahnt: Hier könnte eine Komplikation auftreten. Aber wir haben auch Medikamente mit Antikörpern für Patienten, die eine Immunschwäche haben. Das erste Ziel bei der Vergabe von Medikamenten ist, dass wir die Patienten vor einem schweren Verlauf schützen.
Wir haben die steigenden Infektionszahlen und die zeitgleichen Lockerungen ja schon angesprochen. Wie soll man sich denn jetzt am besten verhalten, wenn man sich nicht anstecken will?
Man sollte weiterhin große Menschenansammlungen vermeiden, wenn es geht und man sollte die Hygienerichtlinien weiterhin ganz peinlich genau beachten. Es gibt kein Nullrisiko – das werden wir nie schaffen. Wir müssen mit diesem Virus leben. Und wir müssen bitte die Impf- und Boosterangebote weiter nutzen. Wir dürfen die Medikamente nicht als Lösung des Problems sehen – sie sind kein Ersatz für eine Impfung und kein Ersatz für die Einhaltung der Hygienerichtlinien.