Mainz Keine Ausbildung und viele Probleme: Jugendberufsagenturen helfen
Celina Helgert boxt leidenschaftlich gerne und erfolgreich. Ihre Begeisterung für diesen Sport hätte sie am liebsten zum Beruf gemacht und Sportmedizin studiert. Doch dazu reichte ihr Schulabschluss nicht. Mit Unterstützung der Jugendberufsagentur Mainz orientierte sich die 21-Jährige neu und fing eine Ausbildung zur Verkäuferin an, die ihr auch Spaß macht. „Ich musste mich vorher von vielen Berufswünschen trennen“, erzählt die junge Frau. Jetzt hofft sie, irgendwann in einem Sportgeschäft arbeiten zu können.
In der Jugendberufsagentur sitzen Arbeitsagentur, Jobcenter sowie die Kinder- und Jugendhilfe gemeinsam unter einem Dach. So soll die Integration in Ausbildung und Arbeitsmarkt besser gelingen und die Zahl junger Menschen ohne Berufsausbildung sinken. „Bei weiten Wegen gehen die jungen Menschen leicht verloren“, sagt die Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit, Regionaldirektion Rheinland-Pfalz, Christiane Lauer. Dies gelte besonders für junge Menschen, die in einer schwierigen sozialen Lage stecken, und etwa mit familiärer Gewalt, Schulden, Drogen oder Wohnungslosigkeit zu kämpfen haben.
„Wir wollen an der Nahtstelle zwischen Schule und Beruf alle Jugendlichen erreichen. Der Übergang von der Schule in den Beruf ist für die Jugendlichen ein großer und zukunftsweisender Schritt“, sagt die Chefin der Regionaldirektion, Heidrun Schulz. Mit der Bündelung der Kräfte sei die optimale Voraussetzung dafür gegeben, dass dies reibungslos und ohne Brüche gelinge. Denn die Schüler würden frühzeitig und individuell unterstützt.
Bereits vor der Corona-Krise hätten rund 80 000 junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren keine abgeschlossene Berufsausbildung gehabt, sagt DGB-Landeschef Dietmar Muscheid. Diese jungen Menschen bräuchten eine umfangreichere Betreuung, als es das Jobcenter bieten könne. „Wir fordern deshalb mehr Jugendberufsagenturen im Land, wie es sie schon in Mainz gibt.“
„Gegründet wurde die Mainzer Jugendberufsagentur 2007 als erste in Deutschland“, sagt Lauer. Inzwischen gibt es 29 in Rheinland-Pfalz, allerdings sind nur in 8 davon - wie in Mainz - auch alle Ansprechpartner unter einem Dach zu finden. „In dieser abgeschwächten Form macht das aber nur wenig Sinn“, kritisiert Julia Kaffai vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).
„Wir wünschen uns das mehr wie in Hamburg“, sagt Kaffai. Dort würden die allgemeinbildenden Schulen gleich mit einbezogen und die Daten mit der Jugendberufsagentur ausgetauscht. So wisse die Bundesagentur für Arbeit genau, welcher Schulabgänger noch kein Angebot habe und könne noch einmal Kontakt mit ihm aufnehmen. In Rheinland-Pfalz sei dagegen jedes Jahr unklar, was rund 3000 bis 4000 Jugendliche nach ihrem Kontakt zur Arbeitsagentur machten. „Niemand weiß, wo sie dann sind.“
Zu wenige Maßnahmen am Übergang von Schule zu Beruf würden überprüft, kritisiert Kaffai. „Und wenn sie evaluiert werden, hat es kaum Konsequenzen.“ Sie fordert eine zielgerichtetere Steuerung. „Jugendliche brauchen Orientierung. Aus der Schule heraus zu entscheiden, was man macht, ist für viele schwierig.“ Dies gelte insbesondere, weil viele Ausbildungsberufe einem Großteil der Jugendlichen nicht bekannt seien.
Um die Zusammenarbeit zwischen den Jobcentern, der Arbeitsagentur und der Kinder- und Jugendhilfe zu verbessern - ohne IT-Sicherheit und Datenschutz zu verletzen - läuft seit September in Mainz und an 17 anderen Jugendberufsagenturen in Deutschland ein Modellprojekt. „YouConnect“ heißt die Plattform für die gemeinsame Fall-Arbeit. Die Ungelerntenquote in der Altersgruppe der 20- bis 24-Jährigen habe 2017 bei 13,5 Prozent gelegen. „Und die Tendenz ist steigend“, heißt es auf der Homepage. Das soll sich so ändern.
Die Berufsberater der Mainzer Jugendberufsagentur suchen davon unabhängig engen Kontakt mit allen Schulen. „Da wo junge Menschen Unterstützung brauchen, versuchen wir vor Ort zu sein“, sagt Berufsberaterin Franziska Scherb. Und das ab der siebten, achten Klasse, unabhängig von der Schulform. Bei manchen Jugendlichen reiche ein Gespräch, andere würden über mehrere Jahre regelmäßig betreut.
„Wir denken vom Kunden her“, sagt Sabine Teichreb, die das Jobcenter in der Jugendberufsagentur vertritt. Dazu gehören auch junge Menschen, die abgetaucht sind, auf der Straße leben oder Stabilisierung brauchen. Dafür gibt es ein eigenes Projekt mit Streetworkern und aufsuchender Jugendarbeit.
In der Corona-Krise war für alle die Arbeit jedoch schwierig. „Wir konnten nicht in die Schulen“, sagt Berufsberaterin Scherb. Der Kontakt gehe dann schnell verloren, weil viele junge Menschen nur noch eine Handynummer hätten, diese aber oft wechselten, ohne eine neue mitzuteilen. „Wir schreiben Briefe und haben unsere telefonische Erreichbarkeit erhöht“, sagt Scherb. „Gerade in der letzten Zeit hat sich gezeigt, dass sehr verschiedene Kommunikationswege Erfolg haben können“, betont Schulz. Noch sind längst nicht alle Stellen für das angefangene Ausbildungsjahr weg. Eine ganze Reihe sei noch unbesetzt.