Pfalz
Gastronomie in der Corona-Krise: Gäste spenden 46 000 Euro
Einzelhandelsgeschäfte durften am Montag wieder öffnen, Gastronomiebetriebe bleiben wegen der Corona-Krise weiter geschlossen. Wie überbrücken Wirte und ihr Personal den Leerlauf? Wie lange können sie noch durchhalten? Und: Sind die Gäste bereit, ihrem Lieblingslokal in der Notlage zu helfen? Drei Beispiele aus der Pfalz.
Das Sterne-Restaurant: Zwangspause nach Freudensprung
„Wir sind noch in Schockstarre“, sagte Martina Kraemer-Stehr. Nicht diese Woche, sondern am 3. März. Gelähmt war die 36-Jährige, die zusammen mit ihrem Mann Holger Stehr (53) den „Admiral“ in Weisenheim am Berg (Kreis Bad Dürkheim) führt, damals freilich nicht vor Angst und aus Schrecken. Sondern aus purer Freude. Riesenfreude. Denn die Feinschmecker-Bibel „Guide Michelin“ hatte den „Admiral“ an diesem Tag mit einem „Stern“ geadelt. Am 3. März gab es in der Pfalz lediglich drei Fälle von Corona-Infektionen – niemand redete schon von einer Krise. Die Stehrs waren da gerade in einem Kurzurlaub. Am 9. März öffnete der „Admiral“ wieder – im neuen „Sterne-Glanz“. Doch das Glück währte nur einige Tage, dann mussten die Gastronomie-Betriebe in Rheinland-Pfalz wegen der dramatischen Ausbreitung des Corona-Virus schließen.
Seitdem gäbe es allen Grund für Schockstarre. „Das ist schon dramatisch, ich dachte eigentlich, so etwas passiert nur im Film“, sagt die Restaurant-Chefin. Doch die Stehrs bleiben aktiv. In der ersten Woche habe man Reparaturarbeiten in Angriff genommen, die man immer vor sich herschiebe und ungern mache. So wurde das Restaurant beispielsweise komplett neu gestrichen. Zudem suchte man nach kreativen Lösungen für neue Angebote. In Zusammenarbeit mit einem Weingut in Kleinkarlbach packt der „Admiral“ jetzt an Wochenenden Picknickkörbe für zwei Personen. Holger Stehr bestückt sie mit leckeren kleinen Speisen in Weckgläsern. „So kann man sich coronagerecht etwas Genuss nach Hause holen“, sagt Kraemer-Stehr.
Doch das sieht eher nach Beschäftigungstherapie aus als nach einem tatsächlich lohnenden Überbrückungsgeschäft. Anfang Mai, spätestens am 15. Mai müsse man das Restaurant wieder öffnen dürfen, sagt die Chefin: „Alles andere wird dann wirklich so dramatisch, dass man auf irgendeine Weise Konsequenzen ziehen müsste.“ Soforthilfen des Bundes seien zwar beantragt, aber da sei noch alles in der Schwebe. Ebenso sei es bei der Versicherung. „Da fühlt man sich schon allein gelassen“, meint Kraemer-Stehr.
Der „Admiral“ hat drei Festangestellte und 25 Sitzplätze. Die Stehrs spielen jeden Tag durch, wie bei einer Öffnung die künftigen Corona-Anforderungen in ihrem „Sterne“-Lokal zu meistern wären: Zwei Meter Abstand zwischen den Tischen, weniger Plätze und damit weniger Gäste, Masken für das Servicepersonal – das könne man alles umsetzen. Und die Stehrs sind flexibel: „Wir müssen kreativ überlegen, müssen uns alle drehen, vielleicht unser Angebot auch verändern, damit wir die nächste Zeit überstehen – da haben wir auch den absoluten Willen dazu.“ Von Schockstarre also keine Spur ...
Die Dorfkneipe: Abgesagte Familienfeste
Quirnbach im Kreis Kusel hat knapp 500 Einwohner. Das dortige Gasthaus hat den schönen Namen „Helle Wertschaft“. „Dieser soziale Treffpunkt fällt jetzt aus“, sagt Jochen Körbel (58), der zusammen mit seiner Frau Steffi den Betrieb führt. In der Dorfkneipe selbst gibt es normalerweise nur Getränke, bei Fußballspielen im TV auch mal Fleischkäsbrötchen.
„Diese Umsätze halten sich in Grenzen“, meint Körbel. Ganz anders sieht es aber beim ehemaligen Tanzsaal der „Helle Wertschaft“ aus. Der bietet rund 100 Personen Platz und wird viel für Familienfeiern wie Geburtstage oder Konfirmationen genutzt, gerade über die Osterfeiertage gab es etliche Buchungen. Alles gestrichen. „Das schlägt ins Kontor, diese ausgefallenen Umsätze hole ich im ganzen Jahr nicht mehr auf“, rechnet Körbel vor.
Er und seine Frau sind beide berufstätig, arbeiten aber Teilzeit, um die Quirnbacher Dorfwirtschaft führen zu können. Für einen Nebenerwerbsbetrieb wie die „Helle Wertschaft“ und viele andere Dorfkneipen gebe es keine Corona-Soforthilfen des Landes, sagt Steffi Körbel (54): „Die Gelder fließen hoffentlich denen zu, die ohne Unterstützung immens in Schwierigkeiten geraten.“
Seinen Optimismus hat das Ehepaar noch nicht verloren: „Wir öffnen auch wieder, ich habe keine Schulden, wir bekommen das schon in den Griff“, sagt Körbel. Einen Wunsch hat er: Dass die Dorfkerwen in der Westpfalz nicht unter das Verbot von Großveranstaltungen fallen, das vorerst bis Ende August gilt: „Die kann man doch mit Bundesligaspielen mit gleichsetzen.“
Das Seehotel: Frischwasser für die „Forelle“
Für den Schriftsteller Peter Roos („Vespa stracciatella“ und „Hitler Lieben. Roman einer Krankheit“) ist das „Seehaus Forelle“ bei Ramsen (Donnersbergkreis) ein „absolut magischer Ort“, dort ist er gerne zu Gast. In der Tat liegt das Restaurant mit Hotelbetrieb höchst idyllisch an einem kleinen Waldsee, dem Eiswoog. Doch der Zauber der Lage ist derzeit wirkungslos, das Seehaus hat seit Wochen komplett geschlossen. „Wir haben natürlich überlegt, wie wir in dieser Situation Einnahmen generieren können“, sagt Geschäftsführer Jörg Maier (56). Doch Liefer- oder Abholservice lohnen sich für den Betrieb nicht. Dafür liegt das Seehaus zu weit außerhalb.
Neben dem Restaurant gibt es 20 Hotelzimmer und 200 Plätze im Außenbereich. 30 Vollzeitkräfte sorgen sonst dafür, dass sich die Gäste wohlfühlen. Jetzt sind alle Mitarbeiter in Kurzarbeit. Die Lage ist angespannt. Zwar hat Maier Anträge auf Landeshilfen beziehungsweise Kredite gestellt. „Aber dafür kommen wir nicht infrage, weil man uns als Unternehmen in Schwierigkeiten bezeichnet“, sagt der Geschäftsführer. Man haben 2019 umstrukturiert, zunächst auch mit leicht negativen Zahlen geplant, im Januar und Februar seien die Ergebnisse aber gut gewesen, die Prognosen seien hervorragend. Maier: „All das reicht aber offensichtlich nicht aus, um nachzuweisen, dass die Umstrukturierung erfolgreich war.“
Doch eine ungewöhnliche Rettungsaktion verschaffte dem Gastronomiebetrieb jetzt eine Atempause. „Es ist ja nicht meine Forelle, sondern die der Gäste, die sie so lieben“, überlegte Maier. So entstand unter dem Motto „Die Forelle braucht Frischwasser“ eine Spendeninitiative, für die Schriftsteller Roos den Text formulierte. „Der Rücklauf ist sensationell, ein Wahnsinn“, freut sich Maier. Und auch Roos meint: „Ich bin fassungslos.“ Bisher sind 46.000 Euro zusammen gekommen, die von rund 500 Spendern stammen. Als kleines Dankeschön gab es für sie Warengutscheine, die sie einlösen können, wenn die „Forelle“ wieder öffnet.
Maier hofft natürlich, dass dies bald der Fall sein wird. Mit der Liquidität durch die Spenden komme man jetzt sicher über den Monatswechsel, meint der Geschäftsführer: „Aber Mitte Mai sind wir in großen Schwierigkeiten, wenn wir bis dahin nicht öffnen dürfen.“
Die Aussichten: Politik nennt bisher kein Datum
Im Hotel- und Gaststättengewerbe droht wegen der Corona-Krise nach Darstellung der Branche etwa jedem dritten Betrieb die Pleite. Bisher hat die Politik kein Datum genannt, ab dem zumindest eine schrittweise Öffnung in der Gastronomie möglich wäre. Die am Freitag von der Landesregierung erneut überarbeitete Verordnung zur Bekämpfung der Corona-Pandemie schreibt weiter fest, dass Gaststätten, Bars, Kneipen und Weinstuben geschlossen bleiben müssen.