Böhl-Iggelheim
Drohender Getreidemangel: Sollen blühende Wiesen Weizenfeldern weichen?
„Sehen Sie sich diese Erde an, die strotzt vor Kraft.“ Johannes Zehfuß steht auf einem Feld am Rande Böhl-Iggelheims im Rhein-Pfalz-Kreis und gräbt seine Hand in die Ackerkrume. Tiefbraun und feucht ist der nährstoffreiche Lößlehm, Bodenwertzahl 90 bis 95; 100 ist das Maximum. Für Menschen, die in der Landbewirtschaftung nicht so bewandert sind wie der Vorderpfälzer Kartoffelerzeuger mit seinem 150-Hektar-Betrieb: Es gibt in Deutschland wenige Böden, die mehr Ertrag versprechen. „Er kann es kaum erwarten, dass auf ihm etwas wächst“, bekräftigt Zehfuß.
Wobei: Es wächst ja etwas auf diesem 1,5 Hektar großen Stück Land: Phacelia, eine krautige Pflanze, im Volksmund Bienenweide genannt, stockt flächendeckend. Für Zehfuß ist das „verwerflich“, wie er sagt. Nicht grundsätzlich, betont der Landwirt, der für die CDU im Landtag in Mainz sitzt. Etwas für die Natur zu tun, sei gut und richtig. Aber angesichts des Krieges in Osteuropa müsse man jetzt umdenken, und zwar schnell.
Weltweit droht Hunger
„Die Ukraine wird als Getreidelieferant ausfallen, Russland ebenfalls“, ist der 63-Jährige überzeugt. Russland hat bereits die Ausfuhren gestoppt. Schon zeichne sich eine Ernährungskrise ab, in Afrika, in Asien. Dort, wohin ukrainischer Weizen vorwiegend exportiert wird. Um gegenzusteuern, sagt Zehfuß, müsse man in einem „Gunstraum“ wie der Pfalz jede geeignete Fläche zur Erzeugung von Nahrungsmitteln nutzen – auch solche, die aus Gründen des Umweltschutzes ausgespart sind: „Sind denn Blümchen wichtiger als volle Teller?“
Wie Zehfuß denken viele Landwirte, die nach den Vorgaben der GAP, der gemeinsamen Agrarpolitik der EU, einen Anteil ihrer Felder aus der Produktion nehmen müssen, sofern sie aus Brüssel Fördermittel bekommen wollen. Dieses Jahr sind es laut rheinland-pfälzischem Landwirtschaftsministerium mindestens fünf Prozent der jeweiligen Anbaufläche, die als „ökologische Vorrangflächen“ auszuweisen sind. Landwirte können diese Flurstücke brachliegen lassen, Blühstreifen anlegen oder Zwischenfrüchte säen, die der Bodenverbesserung dienen. Nur ernten dürfen sie auf diesen Arealen in der Regel nicht.
Im vergangenen Jahr wurden somit in Rheinland-Pfalz mehr als 30.000 Hektar dem Markt entzogen. Ab dem kommenden Jahr gilt EU-weit, dass vier Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche stillzulegen sind, das wären rund 16.000 Hektar zwischen Pfalz und Westerwald. „Und anderswo auf der Welt leiden die Menschen Hunger“, sagt Zehfuß, der das nicht begreifen kann. Seit Anfang des Monats plädiert der Parlamentarier daher leidenschaftlich dafür, das Land möge die ökologischen Vorrangflächen befristet auf drei Jahre zum Anbau freigeben – und zwar noch im März. Jeder Tag Verzögerung bei der Aussaat könnte das Vorhaben scheitern lassen.
Europa will mehr anbauen
Es sieht so aus, als sei der Appell des Pfälzers in Brüssel erhört worden. Am Mittwoch hat die EU-Kommission vorgeschlagen, bereits dieses Jahr auf ökologischen Vorrangflächen den Anbau von Nahrungs- und Futtermitteln zu ermöglichen – unter Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln. Die Flächenstilllegung fürs kommende Jahr könnte ausgesetzt werden. Für diese Lösung hatte im Vorfeld auch die rheinland-pfälzische Landwirtschaftsministerin Daniela Schmitt (FDP) geworben. Bundesweit könnten so Hunderttausende Hektar zusätzlich beackert werden. „Das würde den Ausfall der Ukraine nicht ausgleichen“, räumt Zehfuß ein: „Aber es wäre ein Zeichen, dass wir einen Beitrag leisten wollen.“
Jedoch scheint der Zug für dieses Jahr bereits abgefahren. „Das Wintergetreide ist durch, und das meiste Sommergetreide ist ebenfalls ausgebracht“, sagt Eberhart Hartelt, Präsident des Bauern- und Winzerverbandes (BWV) Rheinland-Pfalz Süd. Selbst wenn die Naturschutzflächen sofort nutzbar wären, könne kaum noch jemand Weizen säen – es gebe schlicht kein Saatgut mehr. Allenfalls Mais komme noch in Betracht. „Wir werden in Deutschland dieses Jahr keine großen Mengen zusätzlich produzieren können“, ist Hartelt überzeugt, der in Göllheim (Donnersbergkreis) rund 70 Hektar bewirtschaftet. Und mit jedem weiteren Tag, der ungenutzt vergehe, werde es schwieriger, nennenswerte Mengen zu erzeugen. Die Landwirte stünden jedenfalls bereit. Denn bei der zu erwartenden Hungerkrise sei es fragwürdig, auf Anbauflächen zu verzichten, meint Hartelt. Zwar dürfe man die Belange des Naturschutzes nicht aus den Augen verlieren. Doch: „Die Kernaufgabe der Landwirtschaft ist die Produktion von Nahrungsmitteln.“
Was weg ist, ist weg
Umweltschützer sehen die Anbau-Offensive hingegen kritisch. Michael Ochse, Vorsitzender des Naturschutzvereins Pollichia mit Sitz in Bad Dürkheim, befürchtet, dass ökologische Belange unter die Räder kommen. Für kurzfristige Ziele von zweifelhaftem Nutzen würden langfristig „wichtige Pfeiler des Schutzes unserer Natur geopfert“, sagt Ochse: „Den Schutz der biologischen Vielfalt kann man nicht zeitweise aussetzen und anschließend wieder hochfahren.“ Seien gefährdete Arten einmal verschwunden, blieben sie es auch. Ochse fände es sinnvoller, für den Weizenanbau einen Teil der Flächen zu nutzen, auf denen aktuell Pflanzen wachsen, die in Biogas-Anlagen landen.
„Die Landwirtschaft kann nicht bestehen, wenn die Biodiversität zerstört wird“, gibt Sabine Yacoub zu bedenken. Die Vorsitzende des rheinland-pfälzischen Landesverbandes des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) fände es besser, weniger Fleisch zu essen, als ökologisch wertvolle Flächen umzubrechen: „60 Prozent des Getreides in Deutschland dient als Tierfutter.“
Bauern-Präsident Hartelt hat noch ganz andere Sorgen: Ohne die Lieferungen aus Osteuropa werde hierzulande der Dünger knapp – und teuer, ebenso wie der Sprit. Vor diesem Hintergrund sei es fraglich, „ob wir überhaupt das Produktionsniveau der Vorjahre erreichen können“. Da würden auch höhere Produktpreise nichts bringen: „Die steigenden Produktionskosten fressen die Gewinne buchstäblich auf.“ Kommentar
