Polizistenmord von Kusel
Das Leben des Mannes, der vom „liebsten Kind“ mutmaßlich zum Mörder wurde
Von Georg Altherr
„Der war das liebste Kind. Der war so goldig, den hättest Du fressen können.“ Diese Sätze sagt eine Frau, die den Bäckermeister Andreas S. kennen lernte, als er noch als Kind in Zweibrücken lebte. Wie viele andere, die ihn kannten, kann sie es nicht fassen, dass er am Montag voriger Woche bei Kusel zusammen mit einem Kumpan zwei Polizisten mit Jagdgewehren erschossen haben soll.
Als Kundin kam die Frau regelmäßig in den Bäckerladen im Zweibrücker Stadtteil Bubenhausen, den die Eltern des kleinen Andreas führten. Die Bäckerfamilie wohnte auch dort.
„Der hatte eine super Kindheit“
„Man liest ja meistens, dass Verbrecher eine schlimme Kindheit hatten“, sagt die Kundin und fährt entschieden fort: „Das war bei Andreas nicht so. Der hatte eine super Kindheit und ganz, ganz anständige Eltern. Ich weiß nicht, ob es anständigere Eltern auf der Welt gibt.“
Andreas’ Vater buk im nahen Altheim, wo seine Backstube stand, und verkaufte die Waren in den 1980er Jahren im Bubenhauser Laden. In Zweibrücken kam dann auch der kleine Andreas zur Welt, bald bekam er eine Schwester. Wenn Zeit blieb, ging der Bäckermeister zur Jagd.
Der Vater stirbt früh, der Junge muss ran
Anfang der 1990er Jahre bietet sich der kleinen Familie die Möglichkeit, eine gutgehende Bäckerei in Sulzbach-Altenwald im Saarland zu günstigen Bedingungen zu übernehmen. Die Familie verlässt Zweibrücken, bald aber stirbt der Vater. Da ist Andreas noch keine 15 Jahre alt. Er muss früh ran, er will und soll einmal die Bäckerei übernehmen, wie der spätere mutmaßliche Polizistenmörder es in einem Werbebeitrag für seine Bäckerei selbst beschreibt.
Er lernt in einer der besten Bäckereien des Saarlandes Bäcker und danach in einem bekannten Kaffeehaus in Saarbrücken auch noch Konditor. In der Freizeit geht er jagen – wie schon der Vater. Und da kommt er schon früh mit dem Gesetz in Konflikt. Bei der Jagd auf Kaninchen bei Bexbach, die es dort damals noch zahlreich gibt. Andreas S. schießt mit Schrot – und trifft seinen Mitjäger. Der wird an Brust, Hals und Auge erheblich verletzt. Der Schütze, damals um die 20 Jahre alt, wird zu einer Geldstrafe verurteilt: 4500 Euro. Die Strafe fällt auch deshalb so maßvoll aus, weil er dem Opfer ein Schmerzensgeld von 5000 Euro bezahlt haben soll. Das Opfer soll in enger Beziehung zu Andreas S. gestanden haben. Jäger aus der Saarpfalz sagen, es sei sein Onkel oder Ziehvater gewesen.
Frühstück vor 120 Firmen angeboten
Es sind diese Jahre des Erwachsenwerdens, in denen sich das doppelte Gesicht zu zeigen beginnt, mit dem Andreas S. bis zum Tag des Polizistenmords in Erscheinung tritt: einerseits umtriebiger Geschäftsmann und liebender Familienvater; andererseits immer bereit, sich zwischen Tag und dunkel herumzutreiben und Regeln und Gesetze zu brechen.
Nach außen hin ist er der erfolgreiche Bäckermeister, der nicht nur eine Bäckerei führt, sondern mit seinen so genannten Frühstücksmobilen täglich 120 Firmen im Saarland und in der Westpfalz anfährt. Außerdem stehen seine Verkaufswagen auf vielen Wochenmärkten, so auch regelmäßig in der Pfalz: in Zweibrücken und in Waldmohr. Regelmäßige Marktgänger erinnern sich noch gut: „Ja, den habe ich selbst im Verkaufsstand gesehen. Mit dem konnte man reden.“
Auf die Jagd, auch ohne Waffenschein
Weniger bekannt ist der Jäger und Wildhändler. Nur in Jägerkreisen kennt man ihn als solchen. Als junger Mann jagte er im Bexbacher Revier. Die Jägerkameraden erfahren irgendwann, dass er seinen Jagdschein abgeben musste – vielleicht wegen der Schrotladung auf seinen Bekannten. Die Polizei hat noch nicht ermittelt, wann und weshalb er Jagd- und Waffenschein verlor und ob seine Waffen von wem eingezogen wurden.
S. geht jedenfalls weiter auf Jagd. Mal wird er eingeladen, mal verschafft er sich einen Pirschbezirk beim Landesforst. Bei den anderen Jägern gilt er als hervorragender, sehr treffsicherer Schütze, aber eben auch als nicht so einfacher Mensch. Cholerisch, aufbrausend, wenig kompromissbereit, als einer, der sich nicht gern unterordnet oder sich etwas sagen lässt.
„Alles sauber, ganz professionell“
Allerdings kann man mit ihm Geschäfte machen. Jäger, die Wild verkaufen wollen, sind bei Andreas S. an der richtigen Adresse: Er kauft auf, was ihm angeboten wird, zahlt sofort und macht nicht viel Aufhebens. Jäger wissen, wo sie geschossenes Wild abliefern können: Im saarländischen Neunkirchen in der Bliesstraße steht eine frühere Metzgerei. Darin befinden sich ein Kühlhaus und ein Schlachtraum. „Alles sauber und ordentlich, so wie es sein soll, ganz professionell“, erzählt ein Jäger, der die Räume von innen gesehen hat. Zwar findet sich außen am Haus weder ein Firmenschild noch eine Klingel, die auf den Wildhandel hinweist, geheim ist die Adresse aber auch nicht: Der Wildhandel von Andreas S. firmiert offiziell hier. „Mindestens seit zehn Jahren macht der das dort, wenn nicht schon länger“, sagt ein Jäger.
Seit dem Tod des Vaters hatte dessen Frau die Bäckerei der Familie fast 20 Jahre lang geführt, erst 2016 übernimmt Sohn Andreas den Betrieb, so schreibt er es selbst. Es dauert nicht lang, da kommt er wieder mit dem Gesetz in Konflikt: Erst wird er angezeigt, weil er beim Wildern in einem fremden Revier ein Reh geschossen und auf der Flucht einen Zeugen fast überfahren haben soll. Doch das Verfahren wird eingestellt, denn mehrere Personen verschaffen Andreas S. ein Alibi.
Mitarbeiter vermissen Lohn
Bald beschweren sich Mitarbeiter seines Bäckerbetriebes, weil er ihnen den Lohn nicht zahle. Sie wenden sich an die Gewerkschaft. Die geht damit schließlich an die Öffentlichkeit, weil die zugesagten Zahlungen immer noch nicht geflossen seien. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Insolvenzverschleppung, ausstehender Lohnzahlungen und Nichtabführens von Sozialbeiträgen in sechsstelliger Höhe. Vor einem Jahr erhob die Behörde Anklage, zum Prozess ist es noch nicht gekommen.
2019 meldet Andreas S., dass in seine Bäckerei eingebrochen worden sei und dass die Räuber eine Beute von 50.000 Euro gemacht hätten. Außerdem brennen seine Bäckereifahrzeuge. Weder die Versicherung glaubt an Räuber oder unbekannte Brandstifter noch die Polizei. Die Versicherung zahlt nicht. Die Staatsanwaltschaft verfasst eine Anklage wegen Vortäuschens einer Straftat und Betrugs. Verhandelt wurde noch nicht.
Wild für 13.000 Euro - und das pro Monat
Je mehr er seinen Bäckerbetrieb Richtung Abgrund bringt, desto mehr wendet er sich offenbar der Jagd zu.
Oder der Wilderei. Denn obwohl er keinen Jagdschein und keinen Waffenschein mehr hat, nimmt er mit seinem Wildhandel zuletzt um die 13.000 Euro pro Monat ein. Das schätzen Ermittler. Um so viel Geld zu machen, muss man schon sehr viel Wild verkaufen. Und irgendwo muss es herkommen.
Im Saarland und in der Pfalz gehen schon lange Gerüchte um, dass irgendetwas nicht stimmen könne. Hier nächtliche Gewehrschüsse, da ein erschossenes Reh, unerklärlich wenig Wild im Revier. Gerüchte, aber nichts Handfestes.
Frettchen für die Kinder? Oder für die Jagd auf Kaninchen?
Nach außen wahrt Andreas S. den Schein, gibt den liebenden Familienvater. Ein Westpfälzer verkaufte ihm im vergangen Jahr lebende Frettchen, auf dem Marktplatz in Waldmohr. Der Verkäufer war erstaunt: „Der kam im Kleinbus, mit seiner ganzen Familie, mit seiner Frau, den vier Kindern, drei Jungs, das Mädchen war erst ein paar Monate alt.“ Die Frettchen seien für die Kinder, habe Andreas S. gesagt, zum Spielen. Heute glaubt der Verkäufer das nicht mehr. „Die waren für die Jagd. Für die Kaninchen-Jagd braucht man Frettchen.“ Aber mit Kaninchen mache man heute kein Geld mehr. Ein Jäger sagt: „Du kriegst für ein geschossenes Kaninchen einen Euro. Das lohnt sich nicht. Wer Kaninchen schießt, der macht das aus Spaß am Schießen.“
Nach der Bluttat Renault abschleppen lassen
Am Montag voriger Woche töteten fünf Schüsse zwei Polizeibeamte, die bei Ulmet den Renault-Kastenwagen kontrollieren wollten, in dem Andreas S. mit einem Kumpan saß, die Ladefläche voller frisch geschossener Hirsche. Nach der schrecklichen Tat flüchteten die Männer in ihrem Renault. Da einige der 14 Schüsse des Polizisten das Auto getroffen hatten, blieb der Wagen wenige Kilometer später liegen. Das Duo, das mutmaßlich gerade die Polizisten erschossen hatte, besaß die Kaltblütigkeit und rief jemanden zu Hilfe, der den liegengebliebenen Renault abschleppte. Dieser Mann meldete sich am Tattag bei der Polizei und trug damit zur Festnahme des Duos bei.
Waffenarsenal gefunden
In Sulzbach fand die Polizei eine doppelläufige Schrotflinte und ein Jagdgewehr Winchester Bergara 308. In einem Haus in Spiesen-Elversberg, das Andreas S. bewohnte, fand die Polizei fünf Kurzwaffen, zehn Langwaffen, eine Armbrust und ein Repetiergewehr. Andreas S. hat weder einen Jagdschein noch die Erlaubnis, Schusswaffen zu besitzen.