Ukraine
Wladimir Kaminer: „Kein Geld der Welt kann die verlorenen Leben ersetzen“
Wladimir Kaminers Handy klingelt in diesen Tagen fast im Minutentakt. Seit einigen Wochen, seit sich die russische Invasion in der Ukraine abzeichnet, ist der russische Schriftsteller, der seit 1990 in Berlin lebt, ein gefragter Gesprächspartner.
Kaminer wanderte kurz vor der Wiedervereinigung nach Deutschland aus und erhielt Asyl in der damals noch existierenden DDR. Bekannt wurde der 57-Jährige durch seine „Russendisko“ – eine Veranstaltung mit russischer Popmusik im Berliner Club „Kaffee Burger“ und gleichzeitig der Titel seiner im Jahr 2000 erschienenen Kurzgeschichtensammlung. Die befasst sich auf humorvolle Weise mit seinen Erfahrungen als russischer Migrant in Deutschland.
Seit langem Putin-Kritiker
Schon vor dem Angriff auf die Ukraine in der vergangenen Woche kritisierte Kaminer den russischen Präsidenten Wladimir Putin, äußerte sich seit Jahren immer wieder öffentlich zur politischen Lage in seinem Herkunftsland. Wenige Tage vor Kriegsausbruch bezeichnete er Putin als „Gefahr für den Weltfrieden“.
Vielen Russen hätten sich lange nicht dafür interessiert, wer im Kreml sitzt und wie autoritär das Land geführt wird. „Bis jetzt dachte man, Russland funktioniert eben ein bisschen anders als andere europäische Länder“, sagt Kaminer im Gespräch mit der RHEINPFALZ am SONNTAG. Auch Putin selbst – „der Einzige, der den Krieg will“ – habe sich mit seinem Vorhaben verschätzt. „Er ist davon ausgegangen, dass die Ukrainer ihn begrüßen und muss diesen Krieg jetzt weiterführen.“
Darüber zu sprechen, wie sich der Krieg auf die in Deutschland lebenden Russen auswirkt, ist Kaminer „fast peinlich“, wie er sagt. „Es kommt natürlich vor, dass russische Kinder jetzt in der Schule gemobbt werden.“ Aber auch von Unternehmen und in den sozialen Netzwerken sind seine Landsleute Diskriminierungen ausgesetzt.
Ein Restaurant im baden-württembergischen Bietigheim hatte wenige Tage nach Beginn des Krieges auf seinem Facebook-Auftritt angekündigt, keine Gäste mit russischem Pass mehr zu bedienen. Eine Bäckereikette aus dem Ortenaukreis hatte zunächst als Ausdruck von Solidarität mit der Ukraine die Herkunftsbezeichnung „Russisch“ ihres Zupfkuchens von der Karte gestrichen – und die Änderung wenige Tage später zurückgenommen, nachdem es in den sozialen Medien Kritik hagelte.
Anfeindungen „nicht das größte Problem“
Solche Anfeindungen müsse man im Moment wegstecken, meint Kaminer. Zum Teil gebe es auch Ängste, dass Russen in westlichen Ländern interniert werden, ähnlich wie die Japaner in den USA während des Zweiten Weltkriegs. Für den Schriftsteller ist aber die Gefühlslage der Russen in Deutschland „nicht das größte Problem, wenn in der Ukraine Menschen in Bunkern sitzen, während ihre Häuser zerbombt werden“. Es gehe vorrangig darum, die Menschen aus den Bunkern zu holen, den Krieg zu beenden und Putin zur Verantwortung zu ziehen, bevor man darüber spreche, wie Russen im Ausland zu der Situation stehen.
Auch viele seiner Landsleute in Deutschland seien von westlichen Sanktionen gegen Russland betroffen. Wegen Familienmitgliedern, die noch in Russland leben, oder wegen Geldes auf russischen Konten, auf das sie nicht mehr zugreifen können. Kaminer erzählt von einem Bekannten, der als Zahntechniker von Deutschland aus Kunden in Russland beliefert – und seinem Geschäft nicht mehr nachgehen kann. Dennoch will Kaminer die Sanktionen nicht verurteilen: „Kein Geld der Welt kann die verlorenen Leben in der Ukraine ersetzen.“
„Slawische Diaspora“ vereint
Die Ukrainer und Russen sieht Kaminer als Brudervölker. „Wenn es an dem Krieg irgendetwas Positives gibt, dann, dass die slawische Diaspora sich zusammengefunden hat.“ Russen, Belarussen und Ukrainer, die in Deutschland, aber auch in Tschechien, Polen den USA oder dem Baltikum leben, seien jetzt vereint in der Opposition gegen Putin und darin, den Menschen in der Ukraine zu helfen. Viele der im Ausland lebenden Slawen hätten sich schon mit dem Umzug von ihrem Herkunftsland distanziert. Besonders für Russen und Belarussen gehe es dabei vor allem um den Wunsch nach Freiheit.
Die letzten unabhängigen russischen Medien wurden Mitte dieser Woche eingestellt. „Mein Lieblingsradio und meinen Lieblingsfernsehsender kann ich jetzt nicht mehr empfangen“, sagt Kaminer. Der Propaganda der Staatsmedien, die behaupteten, bei dem Einsatz in der Ukraine handele es sich um eine „militärische Spezialoperation“ oder das ukrainische Volk müsse befreit werden, glaube niemand mehr – „vielleicht noch die Alzheimer-Oma“, sagt Kaminer.