Russland
Tödlicher Ausflug in die Kanalisation
Das letzte Lebenszeichen kam per SMS. „Scheiße, Regen. Kann man auf der Trubnaja rauskommen?“, schrieb Konstantin Filippow laut dem Telegramkanal Mash gegen 15 Uhr seinem Kollegen Nikita Dubass. Unklar, ob der Führer der achtköpfigen Gruppe, die am Sonntag im Kanalisationssystem unter dem Moskauer Stadtzentrum unterwegs war, sich schon in Lebensgefahr fühlte. Aber danach war Filippow verschollen. Bis gestern Vormittag. Er wurde tot in der Moskwa, flussabwärts vom Kreml, entdeckt, zusammen mit der Leiche einer Frau. Sechs weitere Opfer hatte man vorher aus dem Fluss und aus einem Auffangbecken an der Großen-Ustjinskij-Brücke geborgen. Sie wurden von dem Wasser, das die Hauptstadtkanalisation am Sonntag nach heftigen Regengüssen überschwemmte, mindestens zwei Kilometer weit durch Abwasserrohre in die Moskwa gespült.
Das unterirdische Drama entfachte in der Öffentlichkeit eine Diskussion über die sogenannten Digger (vom Englischen dig: graben), meist junge Leute, die auf der Suche nach Abenteuern Kanalschächte, Metrotunnel und andere mehr oder weniger geheimnisvolle Wege im Moskauer Untergrund auskundschaften. „Dass die Behörden es ablehnen, die Digger zu bekämpfen, hat zum Tod der Ausflugsgruppe geführt“, schimpft das Oppositionsportal „Agenstwo“. Auch der Duma-Abgeordnete Sangadschi Tarbajew forderte gegenüber dem Kanal RTVI, allen Unbefugten den Zugang zur Kanalisation zu verbieten. „Heute veranstalten sie Tourismus, morgen aber tauchen dort ganz andere Leute auf.“ Statt Unfällen drohten dann Terrorakte.
Hohe Strafen drohen
Alexander Kim, Direktor der Online-Firma Sputnik, die Teilnahmekarten für den tödlichen Ausflug verkauft haben soll, wurde verhaftet, ebenso der Digger Dubass, an den Filippow die letzte SMS vor seinem Tod geschickt hatte.
Das Eindringen organisierter Gruppen in Objekte unter der Erde oder unter Wasser, die staatlicher Überwachung unterliegen, wird in Russland umgerechnet mit bis zu 7000 Euro Strafgeld oder bis zu vier Jahren Haft geahndet, nach einem Gesetz von 2015, das in Russland als „Anti-Digger-Paragraf“ bekannt wurde. Kim und Filippow drohen sogar zehn Jahre Gefängnis, wegen Bereitstellung von Dienstleistungen, die gegen die Sicherheitsanforderungen verstoßen.
Wetterwarnungen ignoriert
Dabei geht es in Russland längst nicht mehr um eine Underground-Szene. Geführte Touren durch die bis zu vier Meter hohen Kanalröhren Moskaus gelten inzwischen auch unter Normaltouristen als schick – auch wenn sie laut „RIA Nowosti“ umgerechnet 90 Euro kosten. Unter den Opfern vom Sonntag war ein Rentnerehepaar, außerdem Dmitrij Markuschin, PR-Chef einer großen IT-Firma, seine 15-jährige Tochter und sein 17-jähriger Neffe. Nach Einschätzung des Höhlenforschers Michail Sawkin wurden sie alle von einer Kanalisationswelle überrascht, die ihnen keine Überlebenschance ließ. „Das Wasser überschwemmt das gesamte Rohr mit einem Schlag.“ Auch andere Digger bezeichnen es als fatalen Fehler, dass die Organisatoren die Warnungen zahlreicher Wetterportale vor starken Regenfällen ignoriert hatten. Am Sonntag gab es die heftigsten Niederschläge für einen 20. August seit dem Jahr 1999.
Der Moskauer Berufsdigger Daniil Dawydow rief die Behörden im sozialen Netzwerk VK auf, ein unterirdisches Museum in einem stillgelegten Kanalrohr an der Neglinka einzurichten, um den Untergrund-Tourismus künftig zu regeln. Dawydow bezweifelt, dass die Digger durch Verbote oder tödliche Unfälle aufzuhalten sind. „Das ist wie im Straßenverkehr: Es gibt einen Unfall, aber die Leute fahren deswegen nicht weniger Motorrad oder Auto.“ Auch Dawydow verkauft Touren durch die Kanalisation, aber sie finden laut seinem Portal nie bei Regen statt.