UkraineKrieg
Selenskyjs Flucht aus Kiew – oder die Solidarität der Doppelgänger
Als Wolodymyr Selenskyj die ukrainisch-polnische Grenze Polen erreicht hat, nimmt ihn Wladimir Putin in die Arme. „Endlich draußen!“, rufen beide. „In Sicherheit!“, jubelt Selenskyj, der seinen Kopf mit einer blau-gelben Pudelmütze vor der Kälte schützt. Ihm wird ein heißer Tee gereicht, er sieht müde aus – aber er ist zufrieden. In einem Hotelzimmer lächelt er wenig später mit Putin für ein Selfie in die Kamera. Die Botschaft ist klar: Hier geht es ihm gut.
8000 Kilometer weiter östlich ist Kim Jong-un über die Vorgänge in Osteuropa bestens informiert. Er hat die Rettungsaktion eingefädelt und ist jetzt erleichtert. „Wir haben ihn rausbekommen!“, tippt er auf Facebook. Zwar hat Kim den Flüchtling Selenskyj noch nie persönlich getroffen. Aber einen Amtskollegen aus höchster Not zu retten sei Ehrensache, sagt er: „Wir gehören doch zusammen!“
Paradoxe Rollen
Wladimir Putin, Wolodymyr Selenskyj und Kim Jong-un helfen sich bei der Flucht vor dem Krieg. Kann das wahr sein? Ja – in der Welt der Doppelgänger fand diese Aktion am vergangenen Wochenende tatsächlich statt. Steve Poland, der seit Jahren das Pokerface des russischen Präsidenten Wladimir Putin karikiert, lebt in Polen. Howard X bietet der Welt seit rund einem Jahrzehnt ein grinsendes und blödelndes Gesicht von Kim Jong-un, dem Diktator Nordkoreas. Und die Version des ukrainischen Präsidenten, die nun aus dem Kriegsgebiet geflohen ist, heißt in Wahrheit Umid Isabaev und ist Usbeke.
So spielen die drei Pseudo-Staatenlenker dieser Tage eine paradoxe Rolle. Normalerweise orientieren sich Doppelgänger so eng an ihren Originalen, wie es nur geht. Howard X, das Kim Jong-un-Double, musste in den vergangenen Jahren die Gewichtsschwankungen seines nordkoreanischen Vorbilds verfolgen, um im Gleichschritt zu- oder abzunehmen. Der eher schmächtige Steve Poland steht derzeit unter Druck, mit dem fülliger werdenden Original-Putin mitzuhalten. Umid Isabaev hat derzeit wohl die schwierigste Aufgabe, denn der echte Selenskyj tritt immer wieder in neuen Outfits auf. Und wie witzig man aktuell noch sein kann, ist ohnehin fraglich.
Angebot aus Russland
Sich zu sehr vom Original zu unterscheiden, ist allerdings die Horrorvorstellung eines jeden Doubles. Wobei der Ukraine-Krieg, der am 24. Februar mit der russischen Invasion begonnen hat, diese Vorgabe über den Haufen wirft. Hier unterstützen sich nun Männer, deren Vorbilder sich gegenseitig meiden, hassen oder gar bekriegen. Sie drohen und morden nicht, sondern retten sich gegenseitig. Werden die Doubles nun umgekehrt zu den Vorbildern ihrer Originale, zumindest in moralischer Hinsicht?
Dafür spricht, dass Umid Isabaev offenbar auch ganz andere Möglichkeiten hatte als die Flucht aus der Ukraine, wo er einige Jahre lebte. Ab 2019, als der echte Wolodymyr Selenskyj zum ukrainischen Präsidenten gewählt wurde, hatte Isabaev auch in Russland mehrere Fernsehauftritte, von Dokumentationen über Comedyshows bis zu Werbespots. Nach der Invasion durch die russische Armee sei ihm dann von einem Produzenten aus Russland ein gut dotiertes Angebot gemacht worden, berichtet er: Isabaev würde von russischen Militärs aus Kiew nach Russland gebracht, wo er künftig auf russischer Seite als Selenskyj-Verschnitt arbeiten könnte.
Hilfe aus Hongkong
Doch für den gebürtigen Usbeken war das keine Option. Mehrfach hatte er mit dem Original-Selenskyj, der in seinem früheren Leben schließlich selbst Komiker war, Kontakt. Auch für dessen TV-Produktionsfirma hat er schon gearbeitet. Als Umid Isabaev trotz seiner guten Kontakte das Land verlassen wollte, um in Freiheit entscheiden zu können, für wen und wie er Satire machen will, stieß er zunächst auf Probleme.
Der öffentliche Nahverkehr in Kiew fuhr nicht mehr. Doch seine Wohnung liegt 15 Kilometer vom Hauptbahnhof entfernt, sodass inmitten der Luftangriffe auf die ukrainische Hauptstadt auch ein Fußmarsch zu gefährlich erschien. Als Kim-Double Howard X in Hongkong davon erfuhr, rief er Putin-Double Steve Poland an, der wiederum Kontakte zu ukrainischen Kämpfern hatte. Diese brachten das Selenskyj-Double dann über mehrere Tage durch das Land gen Westen an die polnische Grenze.
Satirekrieg gegen Putin
Jetzt kämpfen die Double gemeinsam gegen den Krieg. Steve Poland veröffentlichte eine Pressemitteilung über soziale Medien, in der es heißt: „Putin-Double verurteilt die Invasion in der Ukraine und wird Krieg gegen Putin führen, durch politische Satire.“ Für den angekündigten Satirekrieg hat er sich mit dem Fake-Selenskyj nun einen wichtigen Verbündeten an seine Seite geholt.
Der Drahtzieher der Rettungsaktion, Möchtegern-Kim Howard X in Hongkong, steht derweil in Kontakt mit David Allen. Der parodierte jahrelang Ex-US-Präsident Donald Trump. Dieser ist auch eineinhalb Jahre nach seiner Abwahl noch ein gutes Satireziel. Trump hatte während seiner Amtszeit ein ambivalentes Verhältnis zu Putin, nannte dessen Invasion nun aber „genial“ und will wohl auch erneut Präsident werden. Als Satire-Truppe könnten Selenskyj, Putin, Kim und Trump turbulente Zeiten bevorstehen.
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