Paris RHEINPFALZ Plus Artikel Olympia bereitet deutscher Bouquinistin Sorgen

Verkauf unter freiem Himmel: Iris Mönch-Hahn vor ihrem Stand an der Seine.
Verkauf unter freiem Himmel: Iris Mönch-Hahn vor ihrem Stand an der Seine.

Iris Mönch-Hahn gehört zu den Buchhändlern an den Uferstraßen von Paris, die während der Olympischen Sommerspiele in der französischen Hauptstadt weichen sollen. Ausgestanden ist der Kampf aber noch nicht.

Stefan Zweigs „Schachnovelle“ steht neben der deutschen Übersetzung des Romans „Die Pest“ von Albert Camus. Ein gebrauchter Band der „Märchen der Brüder Grimm“ hat seinen Platz an der Seite einer Sammelausgabe von Heinrich Heine. Dazwischen sticht eine gelbe, gerahmte Karte heraus mit der Aufschrift: „Lesen gefährdet die Dummheit!“

Es ist ein Hinweis für alle Flaneure an den Quais von Paris, die Deutsch verstehen und sich für deutsche Kultur interessieren. Sie will Iris Mönch-Hahn anziehen mit ihren liebevoll dekorierten Bücherkisten, die an den Mauern der oberen Uferstraßen angebracht sind und in denen sich vor allem Klassiker deutscher und französischer Literatur befinden. Sie selbst hat sich an einem Stuhl mit Tischchen eingerichtet, von dem sie aufspringt, sobald sie merkt, dass ein Kunde zögert und Beratung braucht.

Catherine Deneuves Hund

Seit Juni ist die Deutsche, die im bayerischen Straubing geboren wurde und in Regensburg aufwuchs, Bouquinistin. Beworben hatte sie sich dafür, weil nach der Corona-Pandemie Plätze frei waren. Die Bezeichnung leitet sich von „bouquin“ ab, einem umgangssprachlichen Ausdruck für Buch. Mit ihren charakteristischen dunkelgrünen Kisten gehören die 226 Straßenbuchhändler, die auch Antiquitäten, Gemälde und Souvenirs verkaufen, zum Bild der französischen Hauptstadt – die Tradition besteht seit mehr als 450 Jahren, ein Antrag um eine Aufnahme in die Weltkulturerbe-Liste der Unesco läuft.

Sie wolle allerdings nicht nur nettes Dekor sein, stellt Mönch-Hahn klar. „Mein Business ist der Verkauf von Büchern, früher in einem Laden, jetzt unter freiem Himmel und mit Blick auf die Seine.“ Sie muss die Stimme heben, um gegen die Autos, Roller und Polizeisirenen anzukommen. Ihr Standort, der ihr vom Rathaus zugeteilt wurde, befindet sich unweit des Musée d’Orsay. Auf der anderen Seite des Flusses sieht sie den Louvre.

Ihr Verhältnis zu Paris, das sei eine „Hassliebe“, sagt Mönch-Hahn. Einerseits der Stress oder die Tatsache, dass man aufgrund der heruntergekommenen Rohrleitungen „bei jeder Wohnung den Wasserschaden quasi mit anmietet“. Andererseits das Flair, die Kultur, die Offenheit einer Weltstadt. Einmal traf sie, als sie ihren Jack Russell Terrier „Rousseau“ ausführte, auf Catherine Deneuve, ebenfalls eine Hundebesitzerin, und plauderte mit der berühmten Schauspielerin.

Anders als viele andere Bouquinisten kommt Mönch-Hahn aus dem Buchhandel und leitete mehrere Geschäfte, zunächst in Deutschland. Seit 2005 lebt sie in Paris, wo sie von 2015 bis 2020 Inhaberin des letzten verbliebenen deutschen Buchladens war. Zu dessen Schließung entschied sie sich schweren Herzens aufgrund der „Gelbwesten“-Proteste und anhaltender Bahnstreiks, die ihr zweimal hintereinander das fürs Überleben so wichtige Weihnachtsgeschäft verhagelten.

Es folgte die Bewerbung als Bouquinistin für dieses Jahr, um Erfahrungen vor Olympia 2024 zu sammeln. Dann erwartet Paris Millionen Besucherinnen und Besucher. Die Eröffnungsfeier und einige der Wettkämpfe finden direkt auf der Seine statt. „Ich ging davon aus, dass mir dann alles leer gekauft wird“, sagt Mönch-Hahn. Inzwischen erscheint jedoch ungewiss, ob die Straßenbuchhändler während der Spiele bleiben dürfen.

Online-Petition läuft

Die Polizei will die Kisten abbauen lassen mit der Begründung, sie seien ein Sicherheitsrisiko. Um die Folgen für die Betroffenen abzufedern, bot ihnen das Rathaus die Übernahme der Kosten des Ab- und Aufbaus der Buchkisten an, auf Wunsch auch deren Renovierung. Mönch-Hahn zeigt sich allerdings skeptisch: „Weder ist klar, wie lange wir weichen sollen, ob mehrere Wochen oder gar Monate, noch ob die Kisten die Operation heil überstehen würden.“

Inzwischen läuft eine Online-Petition für den Verbleib der Straßenbuchhändler während der Spiele. Mehrere Intellektuelle haben zudem einen Aufruf veröffentlicht, während sich die renommierte Gelehrtenorganisation Académie française zumindest für finanzielle Entschädigungen aussprach. „Eine Ehre“, sagt Mönch-Hahn. Aber wer die Bouquinisten unterstützen wolle, könne auch Bücher kaufen. „Nur von warmen Worten lebt es sich nicht so gut.“ Ausgestanden ist der Streit noch nicht. Doch die Bouquinistin, gestählt von so manchem Pariser Wasserschaden, bleibt optimistisch.

Info

Iris Mönch-Hahns Buchstand ist meist von Donnerstag bis Sonntag – auch abhängig vom Wetter – geöffnet und befindet sich gegenüber der Adresse 17 Quai Voltaire.

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