Panorama RHEINPFALZ Plus Artikel Kiew: Meine Perle

Der Maidan, der Platz der Unabhängigkeit in Kiew – in friedlicheren Zeiten.
Der Maidan, der Platz der Unabhängigkeit in Kiew – in friedlicheren Zeiten.

Hauptstädte sind besondere Orte für eine Nation. Ein kleiner Streifzug durch Hauptstädte dieser Welt, angefangen mit Kiew.

In „Civilization“, einem der weltweit erfolgreichsten Computerspiele, nehmen Hauptstädte eine wichtige Funktion ein. Jede Kapitale hat einen Palast, Barbaren haben nie eine Hauptstadt. Wenn Feinde sie einnehmen, kann es passieren, dass ein Teil der bisherigen Zivilisation sich abspaltet und einen neuen Staat von Aufständischen bildet.

So weit die virtuelle Welt. Was derzeit in der Ukraine geschieht, ist leider kein Spiel, sondern blutiger Ernst. Und wieder schaut die Welt auf eine Hauptstadt. Kiew gilt als „Mutter aller russischen Städte“, die Kiewer Rus war im Mittelalter die Wiege der heutigen Staaten Russland, Ukraine und Belarus. Auf dem Maidan, dem Platz der Unabhängigkeit, spielt zu jeder vollen Stunde die Uhr am Haus der Gewerkschaften einen Walzer, in dem die Schönheit der ukrainischen Hauptstadt besungen wird.

Die Hauptstadt als Symbol

Vom Maidan aus ging Anfang 2014 die Botschaft der Ukrainer hinaus, dass sie fortan Teil der westlichen, demokratischen Welt sein möchten. Schon damals ging das nicht ohne Schüsse und Gewalt ab, auch heute liegt über dem Maidan schwarzer Rauch. Die goldenen Kuppeln der Klöster und Kirchen sind in Gefahr, zerbombt zu werden. Die Uferpromenaden am Dnepr sind verwaist, die schicken Nachtbars leer, die Kiewer drängen sich in Luftschutzkellern und schauen sich die Videobotschaften ihres Präsidenten an, der ganz unstaatsmännisch im olivgrünen Unterhemd in seinem Amtssitz ausharrt und seinen Leuten Mut zuspricht.

So ist die Hauptstadt der Ukraine zu einem Symbol geworden: für die Standhaftigkeit eines überfallenen Volkes und ebenso für die Absicht des Angreifers, durch die Eroberung der Hauptstadt dem Feind den Todesstoß zu versetzen. Würde Kiew von der russischen Armee besetzt, wäre das ein Zeichen für den Rest der Welt, dass die Ukraine nicht mehr lebensfähig ist, am Ende, ihrer administrativen Funktionen entkleidet, nur noch eine Provinz in Trümmern.

Erbe der Menschheit: Jerusalem und Paris

Manche Städte vermitteln das Gefühl, dass sie Erbe der Menschheit sind. Und weil die Menschheit nicht aufhört, sich zu streiten, sind diese Städte ein ewiger Zankapfel. Judith Poppe berichtet für uns aus Israel. Sie schreibt: Ein Streichholz in Jerusalem genügt, um ganze Kriege loszutreten. In Jerusalems verwinkelter Altstadt liegen zwei große Heiligtümer des Islam und des Judentums direkt nebeneinander: Die Al Aqsa Moschee stiftet den Palästinensern in Gaza, im Westjordanland und innerhalb von Israel eine gemeinsame palästinensische Identität und verbindet sie gleichzeitig mit Teilen der arabischen und islamischen Welt. Nur etwas unterhalb davon liegt die Klagemauer, ein Überrest des 70 nach Christus zerstörten Zweiten Tempels und eine der größten heiligen Stätten des Judentums. „Nächstes Jahr in Jerusalem“, wünschen sich Generationen über Generationen weltweit zum Pessachfest. Israel bezeichnet Jerusalem als seine Hauptstadt. Die internationale Staatengemeinschaft erkennt dies jedoch nicht an. Die Palästinenser wiederum hoffen auf Jerusalem als Hauptstadt eines zukünftigen Staates.

Eine ganz und gar unbestrittene Hauptstadt, die aber wie Jerusalem in die ganze Welt ausstrahlt, ist Paris. Birgit Holzer lebt dort als Korrespondentin. Sie schreibt: „Sie Arme müssen in Paris leben!“ Es ist ein Satz, den man öfter zu hören bekommt, wenn man in Frankreich unterwegs ist – von Menschen, die an schönen Ecken fernab der Hauptstadt zu Hause sind, in der Provence oder der Bretagne. Während alle Welt die „Stadt der Liebe“ feiert, haben viele Franzosen ein gespaltenes Verhältnis zur Hauptstadt, die als teuer und stressig gilt. Doch Paris bleibt das absolute Zentrum des Landes – wirtschaftlich, kulturell, politisch. Wer Karriere machen möchte, kommt kaum daran vorbei, hier sind die besten Eliteunis des Landes, die spektakulärsten Ausstellungen, rund ein Drittel des französischen Bruttoinlandsproduktes wird in der Hauptstadtregion erwirtschaftet. Auf einer Fläche, die achtmal kleiner als jene von Berlin ist, ballt sich das pralle Leben, mit allen Nachteilen und vor allem Vorzügen, die eine kosmopolitische Metropole hat. Wirklich zu bedauern ist daher eigentlich nicht, wer in Paris leben darf.

Herzkammer der Nation: Washington

Washington, DC, ist nur nach deutschen Maßstäben eine Großstadt, weiß der Redaktionsleiter dieser Zeitung, Ilja Tüchter, ein früherer Bewohner der US-Kapitale. Mit 700.000 Einwohnern ist sie ein Zwerg im Vergleich zu New York City, das von 1785 bis 1801 die Hauptstadt war. Skyscraper-Schluchten? Gibt es nicht. Lange durfte kein Gebäude höher als die Herzkammer der Nation sein: das schneeweiße Kapitolsgebäude.

Dafür wuchsen Bürotürme jenseits des Potomac in Virginia. Die U-Bahn spannt ein breites Netz, Autostaus gibt es dennoch, vor allem auf dem Autobahngürtel. „Inside the Beltway“ ist ein geflügeltes Wort – für die Abgehobenheit der politischen Kaste in DC. Die Stadt mit viel Grün, ihrer Museumsmeile und imposanten Marmor-Denkmälern liegt an der Grenze zum alten Süden. Sie und ihr Speckgürtel leben vom Staatsapparat. Die Metropolregion DC boomt.

Hauptstädte aus der Retorte: Brasília und Canberra

Eine andere Hauptstadt auf dem amerikanischen Kontinent, die im Jahr 1960 aus der Retorte geboren wurde, ist Brasília. Unser Korrespondent Philipp Lichterbeck schreibt uns dazu: Kommt man zum ersten Mal nach Brasília, die auf einer heißen Hochebene gelegene Hauptstadt Brasiliens im Landesinneren, ist man zunächst fasziniert vom weitgespannten Himmel und der symbolträchtigen Architektur Oscar Niemeyers. Seine weiß getünchten unkonventionellen Betonbauten prägen das Regierungsviertel. Doch je länger man sich in der Stadt mit ihren mittlerweile vier Millionen Einwohnern und großen Armenvierteln an der Peripherie aufhält, umso mehr erscheint einem alles fehl konzipiert: zu weit, zu groß, zu sehr aufs Auto ausgerichtet, zu wenig menschlich. Das Verhältnis der Brasilianer zu ihrer Hauptstadt ist distanziert. Es hat einerseits mit ihrer Abgelegenheit und Unwirtlichkeit, andererseits mit den Privilegien der Politiker und Tausenden Funktionäre zu tun. Sie arbeiten üblicherweise von Dienstag bis Donnerstag und verbringen den Rest der Zeit in ihren Heimatorten. Ihre Flüge, Unterkünfte, Autos, Verpflegung trägt der Steuerzahler. Dies sowie die häufigen Korruptionsfälle haben dazu geführt, dass nicht wenige Brasilianer meinen, dass die Stadt einmal ausgeräuchert werden sollte, zumindest das Regierungsviertel.

Den Schlussakkord überlassen wir Barbara Barkhausen, unserer Korrespondentin im friedlichen Australien. Sie schreibt: Australier empfinden deutlich weniger „Liebe“ für ihre Hauptstadt als andere Nationalitäten. Canberra gilt bei den „Aussies“ als gut situiert, bürgerlich, ordentlich und ziemlich langweilig. Canberra hat allein deswegen schon wenig „Charakter“, da die noch junge Hauptstadt – Grundsteinlegung war 1913 – quasi auf dem Reißbrett entstanden ist und damit nicht natürlich gewachsen ist wie viele europäische Hauptstädte. Die Australier konnten sich damals weder auf Melbourne noch auf Sydney als Hauptstadt einigen. Der amerikanische Architekt Walter Burley Griffin plante Canberra als Gartenstadt – mit vielen Parks, Museen und Boulevards, etwas, das bis heute erhalten geblieben ist. Doch so schön die Parks und Museen sind, so weit sind leider auch die Entfernungen zwischen ihnen. Die großzügige Planung der Stadt macht es schwer, sie zu Fuß zu erkunden und damit ein „Feel“ für sie zu bekommen – etwas, das viele Australier dazu veranlasst, bei Urlaubsfahrten lieber einen Bogen um ihre Hauptstadt zu machen.

Jerusalem: Ein israelischer Soldat in der Altstadt vor der Kulisse mit Felsendom.
Jerusalem: Ein israelischer Soldat in der Altstadt vor der Kulisse mit Felsendom.
Paris: Abendstimmung in einer Gasse des Quartier Latin.
Paris: Abendstimmung in einer Gasse des Quartier Latin.
Washington: Das mächtige Kapitol steht am Ende der Pennsylvania Avenue.
Washington: Das mächtige Kapitol steht am Ende der Pennsylvania Avenue.
Brasília: Das futuristische Kongressgebäude, erdacht von Oscar Niemeyer.
Brasília: Das futuristische Kongressgebäude, erdacht von Oscar Niemeyer.
Canberra: Australiens Hauptstadt ist eine grüne Stadt mit Parks und Boulevards.
Canberra: Australiens Hauptstadt ist eine grüne Stadt mit Parks und Boulevards.
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