Zugunglück RHEINPFALZ Plus Artikel ICE-Katastrophe von Eschede: Nur die Lok bleibt unversehrt

Trümmerhaufen: Der ICE „Wilhelm Conrad Röntgen“ wurde nahezu vollständig zerstört.
Trümmerhaufen: Der ICE »Wilhelm Conrad Röntgen« wurde nahezu vollständig zerstört.

Es war das schwerste Zugunglück in der Geschichte der Bundesrepublik: Beim Unfall des ICE „Wilhelm Conrad Röntgen“ starben 101 Menschen, mehr als 100 wurden teils schwer verletzt. Auch 22 Jahre danach bewegt die Katastrophe noch viele Menschen.

Gerade einmal sieben Jahre verkehrten im Juni 1998 Hochgeschwindigkeitszüge in Deutschland. Als das Unglück am 3. Juni in der Nähe von Eschede in Niedersachsen geschah, war ICE „Wilhelm Conrad Röntgen“ mit Tempo 200 unterwegs. Der letzte Halt des Zuges aus München sollte Hamburg sein. Er gehört zur ersten ICE-Baureihe, die aus zwei Triebköpfen und 14 Mittelwagen bestand.

Ein gebrochener Radreifen, ein Metallring, der über dem Rad sitzt, verursachte die Katastrophe. Zu dem Bruch war es durch Materialermüdung gekommen. Es war der Reifen eines Rades der dritten Achse am ersten Wagen hinter der „Lokomotive“: Er hatte sich nach dem Bruch abgewickelt und durch den Wagenboden eines Abteils gebohrt, wo er zwischen zwei Sitzen stecken blieb.

Im Zickzack zusammengeschoben

Als der Zug anderthalb Minuten später über eine Weiche fuhr, die 200 Meter vor einer Straßenbrücke lag, zerstörte der im auch nach unten aus dem Wagenboden herausragende Radreifen die Weiche. Ein Teil davon schoss wiederum durch den Zugboden bis zur Decke – mit solcher Wucht, dass dadurch eine Wagenachse aus den Gleisen gehoben wurde. Der Wagen entgleiste, die folgenden schoben sich im Zickzack zusammen.

Einer der entgleisten Wagen stürzte eine Böschung hinab. Ein andere wurde gegen die Pfeiler jener Brücke in Weichennähe geschleudert, die einstürzte, zwei Bahnarbeiter unter sich begrub und mehrere Waggons zerdrückte. Schließlich fuhr noch der hintere Triebkopf auf den Trümmerberg auf.

Geldbuße für Bahn-Ingenieure

Unversehrt war bloß die vordere Lok. Vor Gericht sagte der Triebfahrzeugführer, der nur leicht verletzt wurde, später aus, dass er einen plötzlichen Ruck gespürt habe und nach dem Stillstand von einem technischen Defekt ausgegangen sei. 96 Tote wurden aus den Trümmern geborgen, fünf Menschen starben später im Krankenhaus.

Nach achtmonatiger Verhandlung, im Mai 2003, wurde das Gerichtsverfahren gegen drei Ingenieure der Bahn gegen Zahlung einer Geldbuße von 10.000 Euro eingestellt. Sie waren wegen fahrlässiger Körperverletzung aufgrund mangelhafter Radkontrollen angeklagt gewesen.

101 Tote – 101 Kirschbäume

Nur fünf Tage nach der Katastrophe, am 8. Juni 1998, setzte der Vorstand der Deutschen Bahn eine Kommission ein, die die Sicherheit auf der Schiene überprüfen sollte. Als Konsequenz wurde ein Jahr später ein neues Sicherheitskonzept vorgelegt. Eine der Maßnahmen: Bei künftigen Neubaustrecken sollte auf Weichen und Überleitungen vor Brücken und Tunneln verzichtet werden.

Am Unfallort wurde im Mai 2001 eine Gedenkstätte eröffnet. Neben den Gleisen wurden 101 Kirschbäume gepflanzt – ein Baum für jedes Todesopfer.

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Ort der Stille: An der Gedenkstätte bei Eschede wurden Kirschbäume für die 101 Opfer gepflanzt.
Ort der Stille: An der Gedenkstätte bei Eschede wurden Kirschbäume für die 101 Opfer gepflanzt.
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