Panorama Heiraten im Vierjahrestakt

Stefanie Müller als polnische Jagiellonen-Prinzessin Hedwig und Felix Feigel als Wittelsbacher-Herzog Georg der Reiche werden ab
Stefanie Müller als polnische Jagiellonen-Prinzessin Hedwig und Felix Feigel als Wittelsbacher-Herzog Georg der Reiche werden ab diesem Wochenende insgesamt viermal für die »Landshuter Hochzeit« heiraten.

«Landshut.» Es ist ein Festival im Olympia-Rhythmus. Alle vier Jahre stellt das niederbayerische Landshut mit riesigem Aufwand jene mittelalterliche Hochzeit nach, bei der im Jahr 1475 der Wittelsbacher-Herzog Georg der Reiche mit der polnischen Jagiellonen-Prinzessin Hedwig verbandelt wurden, „zum Nutz für Christenheit und Reich“, wie es damals hieß. Mit etwa 2500 Mitwirkenden gilt die „Landshuter Hochzeit“ heute als das größte und das „echteste“ Historienspektakel Europas. Von diesem Freitag an ist vier Wochen lang nicht nur eine ganze Stadt auf den Beinen; erwartet werden auch etwa 600.000 Zuschauer. Sie bekommen (jeweils am Sonntag) nicht nur vier Festzüge durch die historische Altstadt geboten, sondern auch Ritterspiele, Theater, historische Musik und nächtlichen Mummenschanz. Die Stadt Landshut, 70.000 Einwohner, boomende Industriestadt und längst Teil des Münchner Speckgürtels, war von etwa 1200 bis 1503 Sitz bayerischer Herzöge. Vom Handelsreichtum jener Zeit zeugen die gotischen Bürgerhäuser, die prunkvolle Residenz nach – damals – neuester italienischer Renaissance-Mode sowie die gotische Martins-Kirche mit dem höchsten Backsteinturm der Welt. Von Kriegsschäden und Nachkriegs-Bausünden verschont, präsentiert das Stadtzentrum ein für Deutschland selten geschlossenes Erscheinungsbild. Das Spiel Das Rathaus wurde um 1880 im romantisierenden, gefühlssatten Mittelalterstil mit Malereien ausstaffiert, die auf königlich-bayerische Anordnung die Festivitäten von 1475 zeigten. 20 Jahre später taten sich ein geschäftstüchtiger Gastwirt, ein Zwiebackproduzent und zwei Brauereibesitzer zusammen, um die Bilder in ein lebendes Spiel zu überführen. Sie sorgten für mittelalterliche Kostüme, rekonstruierten Hedwigs Brautwagen, engagierten Fanfarenbläser und Pauker. Rösser gab’s damals sowieso genug. Der erste Festzug startete am 15. August 1903. Teilnehmer: 248. Die Organisatoren Veranstaltet wird das Fest seit seinen Anfängen von einem gemeinnützigen Verein namens „Die Förderer“. Dass dieser Zulauf hat, spricht für Rückhalt und Vernetzung in der Bevölkerung. Aktuell werden 6500 Mitglieder gemeldet. Etwa 30 Ehrenamtliche betreuen, reparieren, reinigen die mehr als 2000 historischen Kostüme. Die Kosten des Festivals liegen dieses Jahr bei vier Millionen Euro. Dank Sponsoren und des Eintrittsgelds trägt der Verein das alles selbst. Das Hochzeitspaar Königstochter Hedwig heißt dieses Jahr Stefanie Müller; Felix Feigel gibt den Bräutigam Georg den Reichen. Beide wurden in die Landshuter Hochzeit hineingeboren: Ihre Eltern arbeiten seit Jahren am Festival mit; beide waren auch schon lange in Kindergruppen aktiv. Neben all den Proben in den vergangenen Monaten hat Felix Feigel (19) sein Abitur gemacht; Stephanie Müller (19) hat ihres schon 2015 abgelegt. Bei der Hochzeit hatte sie sich nur für die Rolle einer „tanzenden Edeldame“ beworben – jetzt trägt sie das bodenlange Goldgewand der Braut. Im Herbst will sie mit dem Studium beginnen. Der große Tross Dem Original-Fest nachempfunden – auch wenn’s keine Bilder davon gibt – ist der Tross des Brautpaars: Da ziehen Gaukler und Schwert-Virtuosen, Bischöfe und Mönche, Hofnarren und Falkner, Businen-, Zink- und Posaunenbläser, Zofen, Köche, Mundschenke, Lichter tragende Pagen, Kaiser Friedrich III. und Erzherzog Maximilian zu Pferd, Fahnenschwinger, Armbrustschützen, Marketenderinnen, Kurfürsten und Kurfürst-Witwen, Stadtpfeifer, Standartenträger und alles, was das Herz begehrt. Die Rekonstruktion folgt dem Grundsatz: „Wie es gewesen sein könnte.“ Das Personalwesen Mitmachen darf, wer in Stadt oder Kreis Landshut wohnt. Über die Teilnahme und die konkrete Verwendung entscheidet ein Besetzungsausschuss, in dem „Kammerfrauen“ oder „Edeldamen“ mitreden sowie die Leiter der „Spezialisten-Gruppen“, die über Jahre hinweg beständig trainieren. Wer über 1,90 Meter groß ist, hat schlechte Karten; schließlich müssen die Kostüme passen. Vorschrift für Weibspersonen ist „schulterblätterbedeckendes Haar“; bei den „Mannerleit“ müssen die Ohren bedeckt sein. Piercings, Tattoos, Bärte gehen nicht. Uhren, Brillen, Smartphones beim Umzug noch weniger. Die Pferde Bei der Hochzeit 1475 waren angeblich auch 8863 Pferde in der Stadt. Heute sind es gut 120. Aber wie damals so ziehen auch heute acht Tigerschecken den goldenen Brautwagen. Vor dem Zug inspiziert Tierarzt Peter Graßl die Rösser. Dabei prüft er auch, ob die Nerven der Tiere stabil genug sind für einen von Krach und Leuten umtosten Zug. „Ein einziges Tier, das verrückt spielt, kann alle anderen aufmischen“, sagt er. Spezialschuster arbeiten währenddessen Karbonschichten in die historischen Stiefel ein: Das schützt vor Huftritten genauso wie Stahlkappen. Ist aber leichter. Das Programm Die „LaHo“, wie sie modisch heißt, startet diesen Freitagabend und den ganzen Samstag mit Schaufechten, Lagerleben, Tanz- und Tavernentreiben; der erste große Umzug findet am Sonntag um 14 Uhr statt – und so wiederholt sich das an vier Wochenenden. Programm und Tickets gibt’s auf www.landshuter-hochzeit.de. Denn eines ist unhistorisch an diesem Historienfest: 1475 wurden die Bürger zehn Tage kostenlos bewirtet. Auch das Ende vom Lied wird lieber nicht nachgespielt: Weil die Traumehe keinen männlichen Erben hervorbrachte, kam es 1503 zum „Landshuter Erbfolgekrieg“, der bis 1505 weite Teile Bayerns und der Pfalz verwüstete.

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