Panorama Cool Britannia

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Die spinnen, die Briten, sagen nach dem Brexit viele. Aber, auch wenn sie uns verlassen wollen – tief in unserem Inneren lieben wir sie immer noch. Gründe dafür gibt es schließlich genug.

LebensartMy home is my castle

Es ist nicht die lustigste Szene im achten Asterix-Abenteuer, das den Gallier auf die Insel führt, und auch nicht die auffälligste. Aber sie beschreibt in wenigen Federstrichen britische Lebensart besser als ganze Regalreihen: In einem Reihenhäuschen sitzt der distinguierte Hausherr in Tweed-Hosen ungerührt im Schaukelstuhl, die Füße auf einem Kissen, die in Stein gemeißelte „Times“ auf den Knien, ein Feuer im Kamin, auf dem Tisch dampfen Tassen mit heißem Wasser. Sein Blick ist herablassend-missbilligend, der höchste Ausdruck einer Gefühlsaufwallung, die einem Gentleman gestattet ist. Asterix, Obelix und Vetter Teefax haben gerade auf der Suche nach einem Dieb die Haustür aufgebrochen (natürlich ist es die falsche, weil eine I ist gefallen herunter), Gattin Petula zürnt dementsprechend („Schockierend!“) – doch er sagt nur blasiert: „Diese Männer werden uns erklären ihre Handlungsweise. Was?“, bevor er sich nach einer kurzen, quasi nebenbei erfolgten Maßregelung der Eindringlinge wegen ungebührlicher Verletzung geheiligter Privatsphäre erneut seiner Lektüre zuwendet. Getreu dem Grundsatz: Behalte immer eine steife Oberlippe, egal, was kommen mag. Und über dem Kamin hängt ein Schild mit dem Schriftzug „home sweet home“. Treffend ist es, ist es nicht? (arts) Fussball Penalty kings Heute sind es auf den Tag 20 Jahre. 26. Juni 1996, EM-Halbfinale. Deutschland gegen England. Gegen den Gastgeber. Auf dem heiligen Rasen von Wembley. Kann man ja eigentlich nur verlieren. Die Erinnerung des damals Siebenjährigen, der länger aufbleiben durfte, ein Spielfilm. Ein Thriller. 3. Minute, Distanzschuss Paul Ince. Nationaltorwart Andreas Köpke bekommt gerade noch die Fäuste nach oben. Eckball Paul Gascoigne, die olle Skandalnudel, die zugleich ganz gut kicken konnte. Der Ball landet bei Alan Shearer, Kopfball, 1:0. Alles dahin? Stefan Kuntz erzielt wenig später den Ausgleich. Puh, einmal durchschnaufen. Das war’s mit den Toren, aber das Spiel ist spannend, ausgeglichen. Verlängerung. Pfosten England, Kuntz trifft erneut. Aber abgepfiffen. Stürmerfoul. Angeblich. Gascoigne rutscht an einer Hereingabe vorbei, das Tor war leer. Elfmeterschießen. Hehe, weil das die Engländer auch so gut können. Aber es dauert bis zum sechsten Schützen. Alle treffen sie, unglaublich. Dann Gareth Southgate. Er läuft an, schießt, Köpke hält. Andreas Möller. Ab in die Mitte, ab an die Eckfahne, ab ins Finale. 7. Juli 2016, Marseille, EM-Halbfinale. Auf ein Neues, England? (svw)  Monty Python The bright side of life And now for something completely different. Sechs Gentlemen – Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones und Michael Palin – waren als Komikertruppe Monty Python eine lacherspendende Oase in der Humorwüste Europa. Sie brachten uns schwermütigen Germanen bei, wie herrlich sinnfreie Blödelei sein kann und wie schwarz britischer Humor. Einige Beispiele gefällig? Der Kämpfer in schwarzer Rüstung in „Die Ritter der Kokosnuss“, der im Duell mit König Artus selbst dann nicht aufgibt, als der ihm alle Glieder abgeschlagen hat. Stattdessen ruft er aus: Der schwarze Ritter triumphiert immer! Erinnert das nicht an David Cameron, den Brexit-Ritter von der traurigen Gestalt? Oder dieser seine Beine in die Luft schleudernde Beamte vom „Ministry of silly walks“, dem Ministerium für alberne Gänge. Könnte er nicht den Amtsstuben von Whitehall entsprungen sein? Doch unübertroffen – zur Kreuzigung bitte links – „Das Leben des Brian“, dieser Film, der am Karfreitag nicht gezeigt werden darf und dessen Schlusslied in diesen Tagen den gekreuzigten Europäern zum Trost gereicht: Always Look on the Bright Side of Life. (gau) Zugfahren Destination anywhere In Großbritannien gibt es nicht eine, sondern 31 Zuggesellschaften. Deshalb liebe ich das Abenteuer, mich auf der Insel der Eisenbahn anzuvertrauen, Hinweise auf Bahnhöfen wie „Wir sind stolz: Unsere Züge sind jetzt zu 78 Prozent pünktlich“, den Nachtzug nach Schottland, in dem beim Losfahren auf allen Sitzen ein Reserviert-Zettel liegt, die aber zum Großteil dann doch nicht beansprucht werden, den Nachtzug Richtung Wales, der unterwegs für Stunden liegenbleibt und in dem Schaffner gegen die Kälte heißen Tee servieren, den Zug nach London, der in Oxford unplanmäßig endet, was den Fahrgast dazu verleitet, eine dieser dicken, schwarzen Taxen zu nehmen, die es immer noch gibt, und den Bus, der den Touristen unbekümmert zu einem eigens als Badestrand ausgewiesenen Küstenabschnitt bringt – hinter dessen nächster Biegung ein wuchtiges Atomkraftwerk steht. (oy)  Royals God save the Queen Okay, wir haben Joachim Gauck – noch zumindest. Aber die Briten, die dürfen eine echte Königin ihr Staatsoberhaupt nennen. Eine mit Krönchen, Schloss (aus dem man nicht nach spätestens zehn Jahren wieder raus muss), Kutsche und Prinzen wie aus dem Märchenbuch (na ja, nicht alle). Dazu kommt, dass britische Monarchen ein viel längeres Haltbarkeitsdatum haben als deutsche Bundespräsidenten. Für Gauck sind seine 76 Jahre Grund genug, auf eine zweite Amtszeit zu verzichten. Da kann die Queen, die kürzlich monatelang ihren 90. Geburtstag zelebriert hat, nur müde lächeln. Aber mal im Ernst, wer in Deutschland würde Pipi-Prügel-Prinz Ernst August von Hannover nicht gegen den schmucken William eintauschen? Die deutschen Privatsender würde es jedenfalls freuen, dann müssten sie nicht mehr die Katzenberger-Hochzeit als Ereignis des Jahres im TV hochjubeln. Am besten stimmen beim morgigen Achtelfinale England gegen Island alle Deutschen mit ein: Gott schütze die Königin – und ihre märchenhafte Familie! (flä)  Musik You’re beautiful Hello … Wild Thing … Well, Well, Well ... Imagine ... Another Day in Paradise … Thinking Out Loud ... You’re Beautiful … Kiss ... Say Say Say … Babe … Do Ya Think I’m Sexy … Don’t You Want Me? … I Want To Know What Love Is … Sweet Dreams Are Made Of This … Let Me See … Communication Breakdown ... Is There Something I Should Know? … Where Are We Now? ... Crossroads ... More Than This ... Perfect Strangers ... Sympathy For The Devil ... Hedonism ... Creep ... Are You Trying To Be Lonely? … Should I Stay Or Should I Go? ... Do You Really Want To Hurt Me? … Don’t Let The Sun Go Down On Me ... Let It Be ... Don’t Look Back in Anger … Blinded By The Light … Little Lies ... Sledgehammer ... Freedom! … Anarchy in the UK … Dead Flowers ... Shock to the System ... Isolation ... Another One Bites The Dust … How Can You Mend a Broken Heart … Wake Me Up Before You Go-Go … How Soon Is Now? … Miss You … While My Guitar Gently Weeps ... Wish You Were Here … Boys Don’t Cry ... Don’t You Forget About Me … Enjoy the Silence ... Back To Black ... (bfi)  Top Gear Fasten your seat belt Für jemanden, der Autos allein nach ihrer Farbe unterscheidet, ist eine motorenheulende TV-Sendung in etwa so spannend wie die zwölfbillionste Nachkommastelle von Pi. Aber dann kam „Top Gear“ – die beste Autoshow der Welt, die selbst twingofahrende Mädels zu fachsimpelnden PS-Bräuten machte. Von 2002 bis 2015 betrieben Jeremy Clarkson, Richard Hammond und James May hinreißenden Auto-Wahnsinn. Bei ihren abstrusen Duellen wie der Fahrt zum Nordpol oder an den Rand eines aktiven Vulkans gab sich einer aufgeblasener als der andere. Da wurde ein Rolls Royce im Pool geparkt oder mit Lastern durch Mauern gebrettert. Das patriotische Briten-Trio hat alles durch den Kakao gezogen, was ihm vor die Füße kam: ob das Dritte Reich oder der Toyota Prius. Mit fünf Millionen Zuschauern im eigenen Land und weltweit 350 Millionen Fans avancierte das seit 1977 laufende „Top Gear“ zur erfolgreichsten Sendung der BBC. Wenn das kein Beweis ist, dass wir dem englischen Humor zu Füßen liegen. (höj)  Mr. Bean Forever love Ratlos schaute ich den kleinen braunen, gestickten Teddy an, den meine Mutter mir zum Geburtstag schenkte. Auf den weißen Augen war ein X aufgenäht. Er sah traurig aus. „Das ist ein britischer Bär, der ist nicht traurig, der ist so“, sagte sie. „Er gehört Mr. Bean. Das ist ein englischer Komiker, ein süßer Tollpatsch, der stumm ist, du musst mal wieder Fernsehen gucken.“ Mit Briten (abgesehen von Alfred Hitchcock) hatte ich als frankophiler Mensch eigentlich nichts am Hut. Und mit über 40 war ich für Teddys eigentlich auch zu alt. Aber Mr. Bean eroberte mein Herz im Sturm. Besonders als er mit der Bettflasche auf der Parkbank saß. Darin war das heiße Teewasser für die Mittagspause. Unter den urkomischsten Verrenkungen fördert er den Teebeutel zutage und öffnet die Bettflasche, um den Beutel reinzutunken. Die Milch, die ja warm sein soll, hat er in einer Babyflasche dabei. Einfach genial, dieser Selbstversorger, wie er da sitzt, trinkt und dazu noch versucht, das zum Lunch ausgebreitete Sandwich auf den Knien zu balancieren! Einen so schrulligen Engländer muss man einfach lieben. Für immer! (adi)  Scones Save my day Plunder, Nussschnecke, Streuseltaler – was in deutschen Konditoreien unter einer Tonnenlast von Zuckerguss in der Auslage vor sich hin rottet, ist dazu angetan, unsere Gesundheit zu ruinieren. Die übersüßen Naschklumpen sorgen nach ihrem Verzehr für dauerhafte Appetitlosigkeit, werden aber noch in den Schatten gestellt von schrillbunten Cupcakes, Cake Pops oder Cheesy-Schoko-Peanut-Muffins, jene chemisch gedopten Zombies aus der US-amerikanischen Gruselbäckerei. Was führt dagegen der Brite zum Munde, wenn seine salzigen Tränen über den Brexit in den Earl Grey tropfen? Scones! Das weiche, krustenlose Gebäck, das erst durch das Einarbeiten kalter Butter in den Teig seine einmalig fluffige Konsistenz erhält. Scones werden noch ofenwarm mit Butter und (Erdbeer)-Konfitüre verzehrt. In Devon und Cornwall darf auch ein bisschen Clotted Cream dabei sein, ein Mascarpone-ähnlicher Streichrahm. Der Tag ist gerettet. (wif)  Wetter Here comes the sun Die weißen Klippen von Dover im Morgendunst, feine Wassertröpfchen in der Luft: Vor nahezu 40 Jahren das Erste, was ich von den britischen Inseln zu Gesicht bekomme. Radtour durch Wales im Frühlingssonnenschein mit rotverbrannten Nasen. Winddurchtoste Strandspaziergänge entlang der Kulisse ehemals mondäner Seebäder, räuberische Möwen inklusive. Schroffe Klippen, sagenhafte Orte im Norden Cornwalls und eine fast unnatürlich ruhige See, in der sich der makellos blaue Sommerhimmel spiegelt. Liverpool, die Arbeiterstadt an der Westküste, die sich zur quirligen Kulturmetropole gemausert hat und in der ein eisiger Atlantikwind jedes Kleidungsstück gnadenlos durchdringt. Dartmoor im Dauerregen, Kühe bis zum Bauch im Modder: Land unter in Südengland. Und London, diese faszinierende, bunte Metropole bei fast jedem Wetter, nur noch nie im legendären Nebel. Vier Jahrzehnte sind mir die britischen Inseln bei jeder Wetterlage ans Herz gewachsen. (büt)  Insulaner Goodness gracious me! Alles spricht gegen sie. Sie stopfen entsetzlichen Fraß (mit Pfefferminzsoße) in sich hinein. Sie fahren auf der falschen Seite der Straße. Sie haben viel zu große Ohren. Sie huldigen einer skurrilen alten Frau, deren postseniler Mann zwei Schritte hinter ihr trottelt, der aber immerhin verhaltensoriginell ist. Sie erklären uns auf Mallorca schon im Morgengrauen den Handtuchkrieg. Sie lassen ihre fett-feisten Kinder mit abscheulichen Kreaturen spielen, die sie „Hunde“ nennen. Sie saunieren in viktorianischer Badekleidung. Sie lieben Komasaufen. Sie kämmen den Rasen und finden das sinnvoll. Sie haben Männer, die den Zahnarzt meiden wie der Teufel das Weihwasser und deren weiße, dünne, haarige Beine signalisieren: „No sex please, I’m British!“. Sie haben Frauen, deren Gesichter einem Rosskopf ähneln und deren Stampfer alle Leggins strapazieren. Sie lieben Boris Johnson, der schräg drauf ist und Fische küsst statt Pferde ... äh, … wiehernde Frauen. Sie montieren Räder an einen Blechhaufen und nennen ihn Auto. Und vor allem: Sie können (meistens) keine Elfmeter schießen. Trotz allem und deshalb: Man muss sie einfach lieben, die Briten … (rod)

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