Panorama
Bars in der Olympiastadt Tokio: Unter Freunden
Die Musikbar, in der man sonst Getränke aus aller Welt bei Platten aus aller Welt genießen konnte, öffnet jetzt nicht mehr. Jedenfalls nicht für normale Besucher. „Entschuldigung, wir haben geschlossen!“, heißt es von drinnen, sobald sich von außen die Kellertür öffnet. Durch den Spalt ist zu sehen, dass eine Gruppe um einen Tisch sitzt und, mit Getränken ausgestattet, ihren Abend gemeinsam gestaltet. „Speakeasy unter Freunden“, geben sie zu verstehen, ohne es zu sagen.
Im Tokioter Stadtteil Shibuya, einem der beliebtesten Ausgehviertel in der größten Metropole der Welt, gehören verschlossene Türen heute zum Standard. Inmitten der Pandemie verharrt die japanische Hauptstadt bis auf eine kurze Unterbrechung seit Frühjahr im Ausnahmezustand. Auch für die Olympischen Spiele wurde er bis Ende August noch einmal verlängert. Die Regierung erwirkt damit einen sanften Lockdown. Menschen werden zum Daheimbleiben aufgefordert, Restaurants und Bars sollen am Abend keinen Alkohol mehr ausschenken, Speisen nur noch zum Mitnehmen verkaufen und möglichst ganz schließen.
Kein Alkohol ab acht Uhr
Aus gesundheitspolitischen Gründen ist dagegen wenig zu sagen. Das ostasiatische Land, in dem heute die Olympischen Spiele zu Ende gehen, befindet sich mitten in einer neuen Infektionswelle. Vergangene Woche wurden täglich neue Infektionsrekorde aufgestellt, am Samstag waren es gut 10.000 Neuansteckungen. Zwar ist Japan mit insgesamt an die 750.000 Infektions- und etwas mehr als 15.000 Todesfällen im internationalen Vergleich noch milde von der Pandemie betroffen. Angesichts der alternden Bevölkerung und eines Mangels an Intensivbetten arbeiten die Krankenhäuser allerdings schon lange an der Kapazitätsgrenze.
Ein Kollaps des Tokioter Gesundheitssystems wird befürchtet – auch wegen der Olympischen Spiele, die wie geplant über die Bühne gingen, obwohl sie nach Einschätzung unabhängiger Gesundheitsexperten die Menschen zu unvorsichtigem Verhalten provozierten. Inzwischen gilt der Ausnahmezustand neben Tokio zudem für die angrenzenden Präfekturen Saitama, Chiba und Kanagawa sowie für die weiter westlich gelegene Metropole Osaka. Auch dort sollen Bars nun ab acht Uhr abends keinen Alkohol mehr ausschenken.
„Wir ignorieren die Regierung“
Aber zumindest in Shibuya muss man nicht weit laufen, um doch zu seinem Drink zu kommen. Auf einem Hügel mit lauter Stundenhotels leuchtet um neun Uhr abends noch Licht, von drinnen schlagen Hip-Hop-Bässe auf die Straße. „Was darf’s sein?“, fragt ein junger Kellner. Auf 20 Quadratmetern tummeln sich an der Bar und an den Tischen hier viele Menschen. Die Tür ist offen, trotzdem lässt der Rauchgeruch sich nicht weglüften. „Wir ignorieren die Aufforderungen der Regierung“, sagt der Kellner und sieht wie ein stolzer Rebell aus. „Viele machen das hier so.“
Er stellt ein frisch gezapftes Bier auf den Tresen, nickt zum Beat, den der DJ durch die kleine Bar jagt. 40.000 Yen (rund 300 Euro) würden sie von der Regierung pro Tag erhalten, damit das, was hier geschieht, vermieden würde. Menschen, die in der U-Bahn, unter freiem Himmel und sogar beim Joggen diszipliniert ihre Masken tragen, vergessen in Bars wie dieser die Abstandsregeln, liegen sich lachend in den Armen. „Das Ding ist, dass wir das Vierfache von der Entschädigung verdienen, wenn wir normal öffnen.“ Ob man öffnet oder nicht, bleibt in Japans Ausnahmezustand die freie Entscheidung der Gastronomen. Rechtliche Beschränkungen machen es schwierig, solche Regeln wirklich verbindlich durchzusetzen. Dabei gibt es sehr wohl viele Lokale, die kooperieren. Nur hat dies, auch weil die Unterstützungszahlungen oft verspätet eintreffen, zu einem Barsterben geführt. Andere Gastronomen haben wegen der verspäteten Zahlungen jedoch gleich aufgegeben.
Da ist die Whiskybar in Yotsuya, in der die ganze Nacht Kompositionen von Chopin liefen und gebündeltes Licht auf die kleinen Gläser mit Scotch und japanischen Blends schien. Oder der Blueskeller in Shibuya, der regelmäßig von Jamsessions bis zu Burlesqueshows alles Mögliche veranstalte, was den Gästen gefiel. Auch eine Gruselkneipe, die sich um die Yuurei dreht, laut japanischem Volksglauben auf der Erde zurückbleibende Geister, ist verschwunden. Andere Etablissements hatten den gesamten Juli nicht geöffnet, und die Stammkunden warten auf ein Zeichen, wann und ob das Geschäft zurückkehrt. Zum Beispiel die Bar im Geschäftsviertel Shinjuku, wo Besucher auf alten Fernsehern jedes mögliche Videospiel spielen konnten. Oder eine enge Karaokebar im westlichen Kichijoji, an deren Wände diverse Erotikplakate aus der Nachkriegszeit hängen.
Betrink dich, alles gut
Verliert die einzigartige Barszene in Tokio durch Corona und Olympia ihre Vielfalt? Für Japans Hauptstadt wäre es eine Tragödie. Denn hier sind die Arbeitstage lang, werden oft noch ausgedehnt durch vom Chef indirekt angeordnete Trinkgelage nach Feierabend. Ob es die Ess- und Rauchlokale Izakaya sind, die vielen nach irgendwelchen Mottos durchdesignten Kneipen oder die beruhigenden Whiskybars: Die wenige Freizeit, die den Erwerbstätigen von Tokio bleibt, verbringen sie oft mit Alkohol in irgendwelchen Etablissements. Doch wie lange noch?
Nicht nur in Shibuya ist von solchen Sorgen zu hören. Aber noch ist es nicht so weit gekommen. „Ein Tokio ohne seine Bars ist kein Tokio mehr“, lallt ein betrunkener Typ, der mit Bier in der Hand in der Eingangstür einer ebenerdigen Kneipe lehnt. Drinnen ist es zu voll, um auch nur einen Platz zum Stehen zu finden.
Auf zwei Flachbildschirmen an der Wand läuft ein Spiel des olympischen Volleyballturniers. Die Gäste, die zusammen viel lauter sind als die Stimme des Livekommentars, schauen ab und zu auf den Spielstand. Aber eigentlich sind sie mit sich und ihren Getränken beschäftigt. „Warum sollen wir schließen, wenn die Olympischen stattfinden dürfen? Wir lassen uns von denen doch nicht unser Leben nehmen“, sagt einer im Geschäft. Draußen an der Tür steht auf einer Tafel geschrieben: „Get drunk, get laid, get arrested. It’s all good“ – betrink dich, stürz ab, lass dich festnehmen, alles gut.