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Mittwoch, 13. September 2017 Drucken

Kultur

Mut zu komplizierten Gefühlen

Festival des deutschen Films Ludwigshafen: Wettbewerbsfilm „Luft“ bezaubert – Heute Drehbuchpreis an Dominik Grafs Stammautor Markus Busch für „Am Abend aller Tage“

Von Susanne Schütz

Victoria Sordo und Friedrich Mücke in „Am Abend aller Tage“.

Victoria Sordo und Friedrich Mücke in „Am Abend aller Tage“. ( Foto: BR)

Verliebt: Louk (Lara Feith, links) und Manja (Paula Hüttisch) in „Luff“, Anatol Schusters Spielfilmdebüt, das teils in Völklingen entstand.

Verliebt: Louk (Lara Feith, links) und Manja (Paula Hüttisch) in „Luff“, Anatol Schusters Spielfilmdebüt, das teils in Völklingen entstand. ( Foto: WirFilm/Krubasik)

Völklingen kann romantisch, geheimnisvoll und wunderschön sein: Dieses Wunder zeigt Regisseur Anatol Schuster in seinem Studienabschlussfilm „Luft“. Seine Geschichte über eine junge Liebe, über Hingabe und Loslassen und den Umgang mit Depressionen verzaubert mit großen Kinobildern und hat gute Chancen, am Samstag den Filmkunstpreis des 13. Festivals des deutschen Films in Ludwigshafen zu gewinnen. Vorab geht heute der Drehbuchpreis an Markus Busch.

In „Luft“ ist die Welt der Menschen blaugelb, wie das Meer und sein Strand. Märchenhaft überhöht und von der Realität entrückt geht es zu in dieser verzauberten Version des Saarlands, in der die aus Kasachstan stammende Manja auf die so wild wirkende Louk trifft und sich im Nu in die kompromisslose Tierschützerin verliebt.

„Keine Lügen, kein Spuren, keine Angst“, ist das Motto der blonden Abiturientin. Manja ist eher die nachdenklich Brave, die wenig akzeptiert scheint, aber nun aufblüht, sich hineinwagt in die aufregende Welt der „Halle“. Hier – gedreht wurde in der Möllerhalle des Weltkulturerbes Völklinger Hütte – trifft sich die auch zu gefährlichen Mutproben neigende Clique von Louk, zu Rap-Battles („ich spür mein Leben erst, wenn ich’s in Versen verquassle“) und zum Vorbereiten von Graffiti- oder Tierbefreiungsaktionen. Manja aber hat noch einen festen Rückhalt, ihr von Mythen und viel Akkordeonmusik geprägtes warmes Zuhause, wo die Großmutter rät: „Die Pilze, die wir bei Mondlicht pflücken, heilen unsere Sorgen.“

Eine Parabel über die Last des Erwachsenwerdens erzählt Anatol Schuster, der zuletzt mit „Ein idealer Ort“ in Ludwigshafen war. Meisterhaft taucht er die zarte Verliebtheit Manjas in große romantische Bilder. Ebenso meisterhaft schält sich erst langsam das tiefere Drama des Films heraus, scheinbar unendliche Trauer und Todessehnsucht: Louk leidet unter dem unerklärlichen Suizid ihrer Mutter. Auch der melancholische Nachbar Manjas will sich aus der Welt stehlen. Und so muss Manja Stärke beweisen. Denn Schuster will vom Mut zum Weiterleben erzählen und betont genau darum die Schönheit des Moments und der Umgebung, ob es um schroffe Felsen geht oder um Seifenblasen in futuristischer Architektur.

„Luft“ spielt in einer Welt, die rational kaum begreifbar ist, in der Ahnungen und Emotionen übermächtig zu werden drohen: in der Welt der verunsicherten Jugend, die Erwachsenen oft verborgen ist. So könnte „Luft“ auch manchen Eltern die Augen für die scheinbar so rätselhafte Gedankenwelt von Teenagern öffnen, die auf der Suche sind nach ihrem Platz und sich auch mal elanvoll in Dummheiten stürzen, um die innere Einsamkeit zu überwinden und sich selbst zu spüren.

Neben „Western“ ist der von Paula Hüttisch (Manja) und Lara Feith (Louk) kraftvoll gespielte Debütlangfilm aussichtsreichster Kandidat für den Filmkunstpreis. Zuvor erhält heute Markus Busch den Drehbuchpreis des Festivals, vor allem für sein Skript zu Dominik Grafs TV-Film „Am Abend aller Tage“.

Diese Interpretation des „Fall Gurlitt“ basiert auf Henry James’ Roman „Die Aspern-Schriften“ und führt in die Psyche des Sammlers, hier Magnus Dutt genannt. Eingeflochten sind Aussagen Cornelius Gurlitts über seine Beziehung zur Kunstsammlung des Vaters: „Bilder gehören nur sich selbst, sie wollen ergründet und erkannt werden. Ich spreche mit ihnen, ich beschütze sie.“

Doch vor allem erzählen Markus Busch und Dominik Graf eine Liebesgeschichte, die trotz Hang zu Schwülstigkeit und Klischees funktioniert: Im Mittelpunkt steht der arrogante Kanzleimitarbeiter Philipp (Friedrich Mücke), für den Frauen nur Sexobjekte sind – bindungssuchende Partnerinnen findet er „klebrig“. Er soll ein verschollenes Gemälde eines fiktiven Expressionisten aufspüren, das beim kauzigen Sammler Dutt vermutet wird. Dazu umgarnt Philipp dessen Großnichte, eine laut ihrem Galeristen leicht verrückte Künstlerin (Victoria Sordo). Sie entpuppt sich als einsame Frau, die sich nach leichtem Zögern von dem smarten Philipp manipulieren und ausnutzen lässt. Sie sucht Nähe, versichert aber dem „Geldmenschen“, wie sich Philipp selbst nennt, es werde nicht klebrig. Um ihn dann doch anzubetteln, eine Weile zu bleiben. Die Machowelt des Bilderjägers bekommt dann aber doch noch einige Risse. Auch die Frage, wer Kunst warum besitzen können soll, wird bald uneindeutiger.

Ein typischer Graf-Film also, oder ein typischer Busch? Schließlich schreibt der Münsteraner regelmäßig für Dominik Graf, etwa bei „Der Felsen“ (2002), „Kalter Frühling“ (2003) oder „Das Gelübde“ (2007 Filmkunstpreis in Ludwigshafen). Und so ist der Preis auch eine Würdigung einer Zusammenarbeit, aus der sich eine ganz eigene Handschrift im deutschen Film ergeben hat, „Energie, komplizierte Gefühle, böse Action, herrliche (laut allen verfügbaren Drehbuchratgebern gänzlich nutzlose!) Szenen, labyrinthische Dramaturgien“ gehören für Dominik Graf zu einem guten Film, schrieb er 2016 in „Scenario 10. Film- und Drehbuch-Almanach“.

Termine

—„Luft“ läuft Freitag, 18 Uhr, Samstag, 23 Uhr, und Sonntag, 14 Uhr, auf der Parkinsel.

—Drehbuchpreisverleihung heute, 20 Uhr, im Anschluss läuft „Am Abend aller Tage“.

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