Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Feuer in Notre-Dame: Darum trauert die ganze Welt

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Warum berührt es die ganze Welt, wenn Notre-Dame in Flammen steht? Weil Bauwerke wie diese Kirche der ganzen Menschheit gehören. Sie erheben uns und verankern uns in der Geschichte – auch wenn wir nicht an Gott glauben.

Was war nicht alles zu hören, als Notre-Dame an diesem Montagabend lichterloh brannte: Das Wahrzeichen von Paris sei diese Kathedrale, ein Touristenmagnet, der Millionen anzieht, ein Symbol für die Größe und reiche Geschichte Frankreichs, ein Zeugnis für das christliche Abendland. All das ist wahr, und doch erklärt es nicht ausreichend, warum auf der ganzen Welt Menschen innehielten, auf den Bildschirm starrten, ein Gebet murmelten oder das „Ave Maria“ anstimmten wie die meist jungen Leute, die am Ufer der Seine standen, fassungslos und entsetzt.

Notre-Dame gehört der ganzen Menschheit

Wir mögen, wenn wir nach Paris reisen, gerne einen Abstecher nach Disneyland unternehmen oder, wenn London auf dem Tourplan steht, mit dem London Eye über der Themse gondeln und über die Wachspuppen bei Madame Tussauds grinsen. Berührt, verzaubert sind wir aber von jahrtausendealten Artefakten im British Museum, vom Lächeln der Mona Lisa im Louvre und vom Spiel des Lichts in der großen Rosette von Notre-Dame. All das markiert den Unterschied zwischen Belanglosigkeit und Ewigkeit, zwischen dem Gott des Kommerzes und dem Gott, der eine mittelalterliche Gesellschaft in einem unaufgeklärten Zeitalter dazu gebracht hat, solche Kulturgüter zu schaffen. Notre-Dame ist unsere Dame. Sie gehört der ganzen Menschheit. Sie zählt zu den wenigen Bauwerken auf der ganzen Welt, die uns daran erinnern, dass das Leben aus mehr besteht als aus einem Haufen Geld, leckerem Essen, gestylten Häusern, adretter Kleidung und gutem Sex. Notre-Dame oder die Dome in Rom, Köln oder Speyer, die alte Inkastadt Machu Picchu, die Pyramiden in Ägypten oder die luftige Eleganz des Tadsch Mahal sind steinerner Beleg für unsere Fähigkeit, über unsere Grundbedürfnisse hinauszudenken.

Geprellt um ein kostbares Erbstück

Um dermaßen berührt zu werden, muss man in unserer säkularen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts gar nicht mal gläubig sein. Auch Atheisten und Agnostiker fühlen sich erhaben, wenn sie Bauwerke wie Notre-Dame betreten. Sie sehen sich zu einem Moment der Stille oder Einkehr verführt, selbst wenn der Reiseleiter drängelt. Bewohnern einer Welt des ichbezogenen Individualismus wird bewusst, dass es Ideen und Ideale gibt, die größer sind und schwerer wiegen als das egozentrische Streben nach Selbstverwirklichung. Wenn ein Bauwerk wie Notre-Dame ein Raub der Flammen wird, fühlen wir uns persönlich bestohlen. Geprellt um ein kostbares Erbstück, das wir lange nicht mehr aus der Schmuckschatulle geholt haben, das wir aber nie zum Pfandleiher gebracht hätten.

Montagnacht ist die Menschheit ärmer geworden

Deshalb haben es Menschen auf der ganzen Welt als Akt der Barbarei empfunden, als die Taliban die großen Buddhastatuen von Bamiyan in Afghanistan in die Luft sprengten und ihre Brüder im Ungeist, die IS-Terroristen, die Sumerer-Stadt Ninive im Zweistromland. Und bitte nicht vergessen: In Europa war das Wüten der Bilderstürmer nach der lutherischen Zeitenwende und der Französischen Revolution kein Deut besser. Solche Barbaren zerschneiden das Band, das uns mit früheren Generationen verbindet und entfremden uns von dem, an das unsere Vorfahren geglaubt, aus dem sie ihre schöpferische Kraft gezogen und das sie uns hinterlassen haben. Auch wenn es nach Erkenntnissen der Behörden keine Terroristen waren, die Notre-Dame verwüstet haben, sondern die Folge eines Baustellen-Unfalls: Montagnacht ist die Menschheit ärmer geworden. Für einen winzigen Moment immerhin war sie in Trauer und Nachdenklichkeit vereint. Es wäre schön, wenn das von der Brandnacht bliebe.

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