Meinung
Die Kita geht uns alle an
Als ich diese Woche nach Kommentarthemen suchte, musste mein fünfjähriges Kind im Wohnzimmer einem Tierpfleger in Hamburg beim Füttern der Tiere zusehen – in der Glotze, daheim. Es war nicht einmal 10 Uhr und mein Kind sollte eigentlich kopfüber am Klettergerüst hängen oder mit seinen Freunden Fußball spielen. Das ging aber nicht, denn der Kindergarten hatte zu. Die Erzieherinnen und Erzieher streikten. Mal wieder. Auch in der neuen Woche geht es weiter, vermutlich an gleich an zwei Tagen.
Mein Verständnis hielt sich zunächst in Grenzen. Zu oft ist gerade in der Pandemiezeit die Betreuung in der Kita ausgefallen. Doch das grundsätzliche Problem ist nicht, dass wir Eltern wieder jonglieren müssen – Termine verschieben, die Großeltern anrufen, den Fernseher anmachen. Das Problem ist: Erzieherinnen und Erzieher haben keine hinreichende Lobby. Ihre Arbeit ist vermeintlich weniger wert als zum Beispiel ein Industriejob.
Verlässliche Betreuung nötig
Ein Großteil der Gesellschaft denkt: Mein Kind geht ja nicht (mehr) in den Kindergarten, mich betrifft das nicht. Nur viereinhalb Prozent der Bevölkerung übrigens sind Kinder unter sechs. Aber die Auswirkungen fehlender Planstellen und schlechter Bezahlung strahlen in die ganze Gesellschaft aus. Nicht alle Eltern mit Kita-Kindern können im Homeoffice arbeiten. Eltern sind Supermarktkassierer, sie bereiten OPs vor, sie wechseln Katheter, sie fahren Busse, sie kümmern sich um die Oma und den Opa im Altenheim. Um das alles tun zu können, brauchen sie eine verlässliche Betreuung für ihre Kinder und keine Aufbewahrungsanstalt mit ausgebrannten Mitarbeitern.
Die zwei Jahre Pandemie haben die Erzieherinnen und Erzieher besonders geschlaucht. Ihr Streik ist berechtigt: Sie verdienen mehr Lohn, bessere Arbeitsbedingungen. Ohne diese Wertschätzung entscheiden sich künftig immer weniger Menschen für diesen Beruf. Die Lage würde sich verschärfen, Eltern das Leben noch schwerer gemacht werden. Fallen sie als Arbeitskräfte aus, betrifft das die ganze Gesellschaft – und nicht nur Eltern mit Kindergartenkindern.