Saarbrücken Musikclub Garage vor dem Aus
Nach 15 Jahren sind am Wochenende die Saarbrücker Phantasie- und Mittelaltertage vermutlich in ihre letzte Runde gegangen. Und wenige Tage vor der 25. Auflage von „Rocco del Schlacko“ haben die Veranstalter Anfang Juli mitgeteilt, ihr jährlich im saarländischen Püttlingen stattfindendes Festival aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr fortzusetzen. Doch damit nicht genug: Nun hat auch der Betreiber der Saarbrücker Garage für 2028 das Aus des Musikclubs in der jetzigen Form angekündigt.
Sie waren alle hier: Doro, Bülent Ceylan, Fish, Glasperlenspiel, Gotthard, Magnum, Guildo Horn, Mario Basler, Heaven 17, Jimmy Kelly, Heather Nova, Monster Magnet, Pawel Popolski, Powerwolf, Skunk Anansie, The Death South, Sisters of Mercy und die Hooters. Viele Namen, doch sind sie nur ein kurzer Auszug aus der Liste all der Künstler, die in den vergangenen drei Jahrzehnten in der Saarbrücker Garage aufgetreten sind. Künstler, die Säle bis zu 1500 Besucher füllen – Säle beziehungsweise Musikclubs, die in dieser Größenordnung deutschlandweit zu einer aussterbenden Spezies gehören.
Vergleichbar ist die Garage im musikalischen Angebot und in ihrem Renommee bei Künstlern und Publikum mit Clubs wie dem Huxleys in München, dem LKA in Stuttgart, der Live Music Hall in Köln, der Batschkapp in Frankfurt oder auch dem Lautrer Kulturzentrum Kammgarn. Und die Besucher kommen aus dem gesamten Saarland, aus Lothringen, Luxemburg und der Pfalz in diesen Musentempel – ein sogenannter weicher Standortfaktor, auf den die saarländische Hauptstadt stolz sein könnte, was dort allerdings wohl nicht so gesehen wird, wie Heiko Renno glaubt, der mit seiner Firma Saar-Event die Garage betreibt.
Nicht mehr tragbar
Er betreibt sie noch. Denn Ende 2028 läuft der Mietvertrag über die alte Autowerkstatt aus – und eine Verlängerung kommt aus vielerlei Gründen für Renno nicht in Betracht. Dabei ist die Höhe der Miete nicht sein Thema – die ist so ausgehandelt. Angesichts der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sei die Garage inzwischen aber nicht mehr tragbar. Der Disco-Betrieb sei spätestens seit Corona eingebrochen von früher etwa 130 auf zuletzt 50 bis 60 Abende pro Jahr. Infolge der Pandemie habe sich das Ausgehverhalten der Menschen stark verändert. „Ich kann aber nicht von den Leuten leben, die viermal im Jahr fortgehen, sondern ich brauche die, die jedes Wochenende zu uns kommen“, sagt Renno.
Außer den Disco-Abenden veranstaltet Renno noch rund 150 Konzerte im Jahr. Die seien 2024 „ganz gut gewesen“, dieses Jahr aber „ist es wirklich schlecht“. Hinzu kommt, dass nach Corona die Kosten dafür enorm gestiegen sind: „Die Bands wollen Geld wie die Hölle und auch die Techniker, Helfer und die Security. Wenn ich ein 40-Euro-Ticket aufteilen würde, wer davon was bekommt, würde sich mancher die Augen reiben, wie wenig davon für uns als Veranstalter übrig bleibt. Normal hast Du eine Inflation von 1,5 oder zwei Prozent – das ist okay, das sind Peanuts. Aber wenn Du zwei Jahre neun Prozent Inflation hast und dann nochmal sechs Prozent, dann geht natürlich auch in unserer Branche alles in die Höhe“, hat Renno erfahren müssen. Und dass auch beim Publikum das Geld nicht mehr so locker sitzt, kann er nur zu gut verstehen, wenn er selbst am Supermarkt an der Kasse steht.
Zustand immer schlimmer
Ein anderer Kostenfaktor resultiert aus dem Mietvertrag für das fast 100 Jahre alte Gebäude. Danach ist Saar-Event für dessen Zustand verantwortlich und der werde, so Renno, immer schlimmer. Allein 25.000 Euro habe er im vergangenen Jahr zur Erhaltung des Gebäudes ausgegeben. Und dann sei da noch die Nachbarschaft, deren Beschwerden sich in jüngster Zeit häufen.
Eigentlich, so Renno, habe er das ganze Thema noch gar nicht aufgreifen wollen, da sich für seinen Musikclub bis zum Ende des Mietvertrages 2028 nichts ändern werde. Aber durch das Aus für das Festival „Rocco del Schlacko“ und die Mittelaltertage sei jetzt gerade für die Politik „etwas Druck auf dem Kessel“. Und so fordert Renno von ihr ein grundsätzliches Umdenken: „Vielleicht besinnen sie sich mal drauf, nicht nur die sogenannte Hochkultur zu unterstützen, sondern auch mal für etwas anderes Geld auszugeben. Sonst ist da bald nichts mehr da.“
„Es geht, wenn man will.“
Als Beispiel nennt Renno das Saarländische Staatstheater für das die öffentliche Hand jährlich 32 bis 35 Millionen Euro ausgebe: „Die kriegen den kompletten Etat finanziert.“ Und Renno fragt sich, ob es tatsächlich 500 Beschäftigte erfordert, ein solches Theater zu betreiben. Sein Unternehmen beschäftigt gerade mal 15 Personen. „Die haben drei Direktoren, dann gibt es Leiter für alles mögliche, und jeder von denen hat eine Sekretärin. Das ist alles schon sehr gemütlich, was dort abgeht.“ Renno fordert daher von der Politik, die Kultur-Szene insgesamt auf finanziell bessere Beine zu stellen. Und dabei geht es nicht darum, „einmalige Dinger ohne Nachhaltigkeit rauszuhauen, weil es einem politisch gerade gut passt“.
Renno weiß, dass es sich hier um ein schwieriges Thema handelt. Es geht ihm in erster Linie darum, aufzurütteln, weil er weiß, wie in Frankreich, Luxemburg, Belgien oder Holland Kultur in Gänze gefördert wird. „Es geht, wenn man will.“ Dort werden Veranstaltungshallen gebaut und auch Betreiber von Musikclubs wie dem seinigen unterstützt. „Aber bei uns fließt das alles nur in die Hochkultur, in Theater, Opernhäuser, philharmonische Orchester oder Museen. Ich will denen gar nicht ihr Geld absprechen, man sollte nur auch andere kulturelle Bereiche berücksichtigen. Ein gewisses Gleichgewicht sollte herrschen. Bei der Förderung findet sich nichts, was mit Subkultur, Popmusik, Rockmusik oder Hip-Hop zu tun hat. Unterstützt wird nur, was den Touch der elitären Hochkultur hat.“
Auf der Suche nach neuer Location
Mit Saar-Event stehen Renno noch drei harte Jahre bevor, bis der Mietvertrag beendet ist. „Wir tun uns jetzt schon schwer, und wenn die Nachfrage weiter so schlecht bleibt und die Kosten weiter so steigen, dann werde ich die nächsten drei Jahre erst mal Geld verbrennen.“ Um einen Club dieser Art weiter betreiben zu können, müssten sich Parameter wie Miete, Nebenkosten und Instandhaltung stark, stark nach unten bewegen. Die Garage in ihrer jetzigen Form hat also für Renno keine Zukunft mehr.
Als Veranstalter ganz aufhören, kann sich der 54-Jährige aber auch nicht. „Ich will ja weitermachen, ich habe ja Lust darauf.“ Schlimm findet er es aber, wenn man etwas aus Spaß macht, dabei aber Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommt. „Da sollten doch wenigstens die Rahmenbedingungen so laufen, dass man stressfrei arbeiten kann.“ Renno wird also auf die Suche nach einem neuen Standort für einen Nachfolgeclub gehen. Der muss jedoch nicht unbedingt wie die Garage fußläufig erreichbar in der Innenstadt liegen. Zwei Kilometer weg bei guter Verkehrsanbindung kann sich Renno vorstellen. „Dort habe ich dann auch keine Lärm- und Parkprobleme mehr. Und wenn das Angebot stimmt, nehmen die Leute auch diesen Weg gerne in Kauf.“