Zweibrücken
Musical „Der kleine Lord“ in der Festhalle
Das Musical von Günter Edin und Gabriele Misch entstand nach dem Roman von Frances Hodgson Burnett und wurde 2008 in München uraufgeführt. Cedric Errol (Catherin de los Santos) ist ein fröhlicher Junge, der in bescheidenen Verhältnissen bei seiner Mutter Mrs. Errol (Angela Isabelle Eberlein) in Manhattan aufwächst. Dort ist er wegen seiner herzlichen Hilfsbereitschaft sehr beliebt, den Gemüsehändler Mr. Hobbs (Stepan Karelin) und den Schuhputzer Dick (Thorin Kuhn) zählt er zu seinen besten Freunden. Wo Cedric ist, herrscht immer gute Stimmung, das wird beim Blick in dem kleinen Obstladen schnell klar.
In diese Idylle, die durch ein plakatähnliches, doch sehr malerisches und stimmungsvolles Bühnenbild von Monika Maria Cleres lebendig wird, platzt mit Schirm, Charme und Melone der britische Rechtsanwalt Mr. Havisham (Thorin Kuhn): Der englische Lord Graf Dorincourt (Max Volkert Martens) hat ihn geschickt, um seinen Enkel Cedric, seinen letzten überlebenden Nachkommen und Erben nach England auf sein Schloss zu holen. Seiner Mutter, einer Amerikanerin, die sein verstorbener Sohn gegen seinen Willen geheiratet hatte, bietet er allerdings nur eine Unterkunft in einem nahe gelegenen Cottage an. Cedrics gutes Herz macht den Abschied von seinen Freunden in New York umso schwerer, denn mit den tausend Dollar, die der Anwalt als Geschenk für ihn vom englischen Großvater mitgebracht hat, zahlt er noch schnell die Schulden seiner Freunde.
Der Wirbelwind
In England fegt der strohblonde Wuschelkopf Cedric wie ein Wirbelwind durch das altehrwürdige Schloss und krempelt sogar den morosen alten Lord völlig um, der plötzlich menschenfreundliche Seiten an sich entdeckt. Denn die Erziehungsstunden, in denen er seinen Enkel nach seinen Vorstellungen formen will, verlaufen so ganz anders, als er es sich vorgestellt hat. Cedrics direkte Art und Menschenfreundlichkeit verblüffen den Lord nicht nur, sie bringen ihn dazu, Dinge zu tun, die er zuvor nie für möglich gehalten hätte. Sogar die Mutter Cedrics lädt er zu sich auf das Schloss ein, zu der Anwalt Havisham eine starke Zuneigung verspürt, die erwidert wird.
Aber nicht nur Cedric bringt frischen Wind in das alte Schloss, sondern auch Großtante Henriette (Judith Riehl), die Cedric unbedingt kennenlernen möchte und von ihm hingerissen ist. Und Güte kann sich sogar auszahlen. Das merkt der Lord, als Cedrics amerikanische Freunde, die er über Weihnachten zu Besuch eingeladen hat, die Hochstaplerin Polly (Quendoline Kok) entlarven, die Cedric sein Erbe streitig machen will.
Der steife Graf
Stefan Zimmermann konzentriert sich bei der Geschichte des Jungen mit dem sonnigen Gemüt auf eine psychologisch absolut stimmige Personenregie, die die Charaktere bis in kleinste Details ausleuchtet. Carolin de los Santos spielt die urwüchsig-spontane Herzlichkeit Cedrics mit gewinnendem Charme. In kurzen Hosen mit bloßen Knien wirbelt sie zu der schmissigen Musik mit jazzigen Akzenten über die Bühne, jede Gefühlsregung spiegelt sich in ihrer lebhaften Mimik und Haltung.
Einen krassen Kontrast dazu bildet der zunächst steif-unnahbare Graf Dorincourt, den Max Volkert Martens mit arrogantem Standesdünkel spielt, ähnlich Sir Alec Guinness in dem Filmklassiker von 1980; nur das Monokel fehlt. Mit umwerfender Situationskomik und ausgeprägtem Sinn für subtile Nuancen lässt er den mehr als einmal perplexen Lord lebendig werden, der nur zu oft von Cedric überrumpelt wird – was ihm allerdings mehr und mehr gefällt. Vortrefflich passte dazu die düstere Szenerie des alten Schlosses, die Monika Maria Cleres durch holzvertäfelte Wände andeutet.
Schwungvolle Tanzschritte
Auch die anderen Rollen sind durchweg stimmig besetzt und haben ein eigenes Profil. Judith Riehl spielt Tante Henriette immer weniger altjüngferlich, auch Thorin Kuhls verliebter Anwalt Havisham taut immer mehr auf. Selbst der Butler (Stepan Karelin) und das Stubenmädchen Rose (Quendoline Kok) verrichten ihre Jobs schließlich mit schwungvollen Tanzschritten in einer Choreographie von Bettina Fritsche, zu der ein kleines Kammerorchester mit Keyboard, Saxofon, Klarinette, Bass und Schlagzeug unter Leitung von Peter Wegele den guten Ton beisteuert.