Zweibrücken „Im deutschen Gymnasium geht es sehr um Leistung“

Zum Kaffee gibt es Tikwenik, einen leckeren Strudel mit einer Füllung aus Kürbis und Walnüssen. Gebacken hat ihn Adlen Adil, die 18-jährige Austauschschülerin, die seit August bei Familie Noack im Stadtteil Rimschweiler lebt. „Ich koche und backe eben sehr gern für meine Gastfamilie“, bekennt die junge Bulgarin und lächelt etwas verlegen. „Wir lernen durch sie eine völlig neue Küche kennen“, entgegnet Christa Noack, die Frau des Hauses und Mutter von zwei Kindern.
Allzu häufig hat der Gast aus dem Südosten Europas jedoch keine Zeit, sich an den Herd zu stellen. „Ich gehe in die elfte Klasse auf dem Helmholtz-Gymnasium“, sagt Adlen, „und das war für mich eine große Herausforderung“. Nicht allein wegen der deutschen Sprache, die hatte sie in Bulgarien bereits drei Jahre lang gelernt: „Bei uns gibt es noch feste Klassen, die über ein ganzes Jahr zusammenbleiben. An das deutsche Schulsystem mit vielen verschiedenen Kursen und ständig wechselnden Mitschülern musste ich mich erst gewöhnen.“ Das bestätigt Solène Mondoux, die an diesem Nachmittag ebenfalls an der Kaffeetafel in Rimschweiler sitzt. Sie hatte keinen ganz so weiten Weg zu ihrer Gastfamilie, den Gentes: „Ich komme aus der Nähe von Fribourg in der französischsprachigen Schweiz“, sagt die 18-Jährige, die ein perfektes Deutsch mit leichtem Akzent spricht. „Wir leben direkt an der Sprachgrenze, deshalb ist das für mich kein Problem.“ Mit der Schule ist das schon anders: „Die Unterschiede sind sehr groß. Im deutschen Gymnasium geht es sehr um Leistung und weniger um die Gemeinsamkeit.“ Und dann ist da der wunderbare Westpfälzer Dialekt: „Ich habe mich in den ersten Wochen gefragt, welches Deutsch ich eigentlich zu Hause gelernt habe“, bekennt Adlen Adil. „Aber bald haben die Mitschüler gemerkt, dass sie mit mir Hochdeutsch sprechen müssen.“ Die Gastfamilie hat sich darauf auch eingestellt: „Wir sind sowieso mehrsprachig, weil wir aus Baden-Württemberg stammen“, sagt Christina Noack und lacht. Die kulturellen und sozialen Unterschiede zwischen ihrer Heimat und dem Gastland trafen Adlen und Solène nicht ganz unvorbereitet: Zu Beginn ihres Austauschjahres trafen sie sich mit anderen zu einem einwöchigen Seminar in Hamburg, dem Sitz des gemeinnützigen Vereins „Youth for Understanding“ . Schon seit fast vier Jahrzehnten organisiert das deutsche Komitee dieser internationalen Organisation den Austausch junger Leute aus aller Welt und wird unter anderem von der Bundesregierung unterstützt. „Zwischendurch und am Ende des Jahres gibt es solche Seminare“, berichten die Gastschülerinnen, „und jeder hat bei Problemen einen persönlichen Ansprechpartner.“ Dennoch trifft es sich gut, dass die Familien Noack und Gentes in Rimschweiler praktisch Tür an Tür wohnen – und auch sonst einen gut nachbarschaftlichen Umgang pflegen. „Die beiden Mädchen unterstützen sich gegenseitig, wenn das Heimweh übermächtig wird“, erzählt Gastmutter Christine Gentes, die selbst drei Kinder hat und berufstätig ist. „Unser eigener Nachwuchs führt die Gäste sehr gern in ihre Jugendcliquen von Rimschweiler ein.“ Gemeinsame Familienurlaube gibt es ebenso wie Ausflüge in die nähere Umgebung. Vor allem die Kerb im September sei für die jungen Frauen „ein Erlebnis gewesen, von dem sie bis heute voller Bewunderung erzählen. Sie hätten wohl nicht gedacht, dass Deutsche so ausgelassen feiern können.“ Was bleibt, wenn die Gastschüler und ihre „Eltern auf Zeit“ am Ende des Schuljahrs auseinandergehen? Für Michael Noack, der als Exportmanager viel in der Welt unterwegs ist, eine verblüffende Erkenntnis: „Eigentlich sind sich die jungen Menschen auf der ganzen Welt sehr ähnlich, sie wissen das nur nicht voneinander. Es ist gut, wenn sie es erfahren.“ Adlen Adil fügt eher leise hinzu: „Ich gehe dann zurück in meine Heimat – und lasse eine zweite Heimat hier.“ Dann zeigt sie verschmitzt auf den Teller: Ihr köstlicher Tikwenik ist inzwischen fast völlig weggeputzt. (mibo)