Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Entdeckertag für begabte Kinder: Manchen hilft’s – manchen aber auch nicht

Jeden Mittwoch gibt es an der Breitwiesen-Grundschule in Ixheim einen Entdecker-Tag. Begabte Kinder werden in den verschiedenste
Jeden Mittwoch gibt es an der Breitwiesen-Grundschule in Ixheim einen Entdecker-Tag. Begabte Kinder werden in den verschiedensten Bereichen gefördert. So gibt es auch musische Angebote: Hier spielt Schulleiter Andreas Rumpf mit den Schülerinnen und Schülern Ukulele.

Jeden Mittwoch ist in der Breitwiesen-Grundschule Entdeckertag. Teilnehmen können Kinder, die von ihren Schulen oder Eltern als besonders begabt gemeldet worden sind – und wenn ein Eignungstest dies bestätigt hat. Eine solche Einstufung ist aber nicht für alle Betroffenen positiv.

„Es ist ein pädagogisches Angebot. Manchen hilft’s, manchen nicht. Mit Sicherheit sind nicht nur hochbegabte Kinder dabei“, sagt Andreas Rumpf, Leiter der Breitwiesen-Grundschule in Zweibrücken und verantwortlich für den Entdeckertag. Die Schule teste den Intelligenzquotienten (IQ) nicht, sie verschicke lediglich Einschätzungsbögen an Eltern und Schule, wenn ein Kind als begabt gemeldet wurde. Sind die Fragen beantwortet, werden die Kinder zu einer Sichtung eingeladen. Rumpf: „Sie dauert etwa 50 Minuten. Die Kinder müssen ein paar Aufgaben durchgehen und wir müssen sehen, ob das Angebot zu dem Kind passt.“

Sei es bislang so gewesen, dass Schulen und Eltern in ihren Augen begabte Kinder etwa zu gleichen Teilen für den Entdeckertag meldeten, beobachte er in jüngster Zeit, „dass immer mehr Impulse aus der Familie kommen“, berichtet Rumpf. Die Eltern seien „sehr daran interessiert, dass die Kinder gut gefördert werden und nehmen dafür jeden Weg in Kauf“, stellt er fest. Dies sei „einerseits okay, überspannt den Bogen andererseits aber auch“. Er persönlich findet es „sehr sympathisch, wenn Eltern entspannt da drangehen“.

30 bis 40 Meldungen pro Schuljahr

Im Schnitt werden laut Rumpf übers Schuljahr 30 bis 40 Kinder gemeldet, die dann zur Sichtung eingeladen werden. Manche Kinder müsse man zweimal sehen, wenn das Ergebnis nicht eindeutig sei. Komme die Schule zu dem Eindruck, das Kind sei nicht geeignet, werde die Absage immer begründet und den Eltern ein telefonisches Gespräch angeboten, betont der Schulleiter.

Eingeführt wurde der Entdeckertag – zunächst als Modellprojekt – an der Grundschule Mittelbach vor rund 20 Jahren auf Initiative der damaligen Schulleiterin Karolina Engel. Mittlerweile gibt es ihn an 16 Grundschulen im Land, er soll eine Alternative zum Überspringen einer Jahrgangsstufe darstellen. Denn Letzteres habe „denjenigen, die den Sprung wagen, mitunter im weiteren Verlauf ihrer Schullaufbahn nicht gutgetan“, befindet Rumpf.

Überspringen einer Klasse nur als letzte Option

Im besten Fall fühle sich das Kind in seiner Klasse wohl und gefordert, „dann brauchen wir Überspringen und Entdeckertag nicht“. Im zweitbesten Fall bleibe das Kind in der Regelklasse und besuche den Entdeckertag. Rumpf: „Für mich wäre das Überspringen einer Klasse die Maßnahme, die ich nur angehen würde, wenn die anderen Möglichkeiten nicht ausreichen.“

25 Kinder in zwei Gruppen besuchen derzeit den Entdeckertag an der Breitwiesen-Grundschule, wie Rumpf erzählt. Anfangs seien es fast nur Jungs gewesen. „Wir haben sehr viele schnell rechnende Jungs gemeldet bekommen, die waren mathematisch gut unterwegs, sprachlich normal. Die Jungs neigen eher zum Kaspern, die Mädchen sind schweigsamer begabt.“ Mittlerweile sei das Verhältnis der Geschlechter ausgewogen.

Manche verlassen den Entdeckertag auch wieder

„Bei einigen Kindern sehe ich bei der Sichtung Anzeichen, dass bei einem IQ-Test vielleicht eine Hochbegabung rauskommen würde. Andere, die wir aufnehmen, sind vielleicht gut begabte Kinder, die gut kooperieren“, resümiert Rumpf. Und immer wieder gebe es welche, die den Entdeckertag auf eigenen Wunsch wieder verließen.

Für Kinder, „die in der Grundschulklasse viel Zeit mit Warten verbringen“, könne der Entdeckertag „durchaus sinnvoll sein“, sagt Rumpf. Häufig müssten sie „warten, bis Verhaltensauffälligkeiten und Sprachprobleme versorgt sind“. Andererseits müssten Kinder „auch lernen, mit Langeweile umzugehen“. Diese sei aber nicht immer mit Hochbegabung gleichzusetzen, warnt der Pädagoge. Einem Kind mit einem bestimmten IQ „dauerhaft zu suggerieren, man könne bestimmte Aufgaben nicht von ihm verlangen, weil sie langweilig sind, bereitet nicht gerade gut auf den Job vor“, ist Rumpf überzeugt. Auch im späteren Leben müsse man oftmals Dinge erledigen, die keinen Spaß machten.

Wenn einer anfängt, ziehen andere nach

„Viele Kinder wären glücklich in der Regelklasse, wenn das Nachbarkind nicht zur Sichtung gemeldet und angenommen worden wäre“, so Rumpfs weitere Beobachtung. Da würden Begehrlichkeiten geweckt: „Wenn ein Kind die Tür aufgemacht hat, kommen erfahrungsgemäß viele Meldungen aus dieser Schule.“ Diese verliefen regelrecht „in Wellen“.

Er arbeite sehr gerne mit den Kindern beim Entdeckertag, wisse aber nicht, „ob wir das Richtige machen, ob wir diese Exklusivität brauchen“. Kinder könnten auch im Klassenverband gefördert werden. Sei ein Kind schnell fertig, könne es Aufgaben aus einem eigens dafür angelegten Stehsammler bearbeiten. So handhabe er das in Absprache mit den Eltern und dem Kind. „Ich würde mir wünschen, auch mit anderen Kindern – mit Kindern, die Probleme haben –, einen ganzen Tag in der Woche arbeiten zu können“, sagt Rumpf.

Zur Sache: Was eine Mutter mit ihrem hochbegabten Kind erlebt

Schon früh habe sie gemerkt, dass ihr Kind anders sei, „seinen Altersgenossen voraus“, erzählt eine Mutter (Name der Redaktion bekannt) der RHEINPFALZ. Probleme habe es aber erst mit Schuleintritt gegeben. „Am dritten Tag nach der Einschulung hat sich mein Kind schon über Langeweile beschwert“, fasst die Mutter zusammen. Im Gespräch mit dem Klassenlehrer sei das Kind als „unauffällig“ beschrieben worden. Die Schule habe keine Anzeichen von Unterforderung gesehen.

Ihrem Kind jedoch sei es weiterhin schlecht gegangen, von Hausaufgabenverweigerung über häufige Bauch- und Kopfschmerzen bis hin zu ein bis zwei Fehltagen die Woche. Besuche beim Kinderarzt, bei der Schulpsychologin, dem Schulamt, dem Jugendamt folgten; ein Anwalt wurde eingeschaltet. Man habe sie beschuldigt, ihr Kind zu manipulieren, sagt die Mutter. Dabei habe sie keinen Zweifel an der Hochbegabung ihres Kindes; im Alter von fünf Jahren sei bei ihrem Kind bei einem Test ein Intelligenzquotient von 144 festgestellt worden, weit über dem Mittelmaß.

Besonders im mathematischen Bereich habe sich ihr Kind hervorgetan, sagt die Mutter: „Da war es dem Kind besonders langweilig.“ Dass das Kind schließlich „nach harten Kämpfen“ in Mathematik die zweite Klasse besuchen durfte und für die anderen Fächer in der ersten verblieb, habe „die Situation entschärft“. Doch das Kind habe komplett in die zweite Klasse wechseln wollen. Da dies an der bisherigen Schule zunächst nicht gelungen sei, habe sie versucht, das Kind an einer anderen Grundschule anzumelden. Dies habe sich als schwierig erwiesen. Schließlich habe sie sich an die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) gewandt. Die ADD habe ihr geraten, einen Klassensprung offiziell zu beantragen. Das habe sie getan, diesem Antrag hat die Schule ihres Kindes stattgegeben. „Wir sind sehr erleichtert und glücklich und hoffen nun auf eine weniger turbulente Zeit.“

„Mein Kind ist keine Ausnahme“, betont die Mutter. Sie habe sich einer Selbsthilfegruppe angeschlossen und wisse, „dass wir nicht die Einzigen sind mit solchen Problemen“. Leider würden viele den Kampf aufgeben, um den Schaden für ihre Kinder zu begrenzen. Sie halte das nicht für eine Option. Doch sie habe die Erfahrung machen müssen, „dass sämtliche Vorschläge, wie man mein Kind besser fördern könnte, zunächst ignoriert wurden“, resümiert die Mutter. Beim Test zum Entdeckertag sei das Kind auch gewesen; das Ergebnis stehe noch aus. Kinder, die eine Klasse überspringen, würden ihres Wissens nach aber nicht für den Entdeckertag genommen, ergänzt die Mutter.

Dazu sagt Andreas Rumpf, Leiter der Breitwiesen-Grundschule und verantwortlich für den Entdeckertag: „Mit dem Überspringen einer kompletten Jahrgangsstufe sollte das Kind eigentlich ausgelastet sein, denn es wird einiges an Lernstoff nachholen müssen.“ Er frage sich, ob dies dann mit einer Vier-Tage-Woche beim Besuch des Entdeckertages – plus Integration in einen neuen Klassenverband – möglich sei. Wenn die Schule ein Überspringen anbiete, ziehe er das Angebot des Entdeckertags zurück, bis klar sei, ob das Kind diesen nach dem Überspringen überhaupt noch brauche, erklärt Rumpf. Ein ausdrückliches Verbot sei das nicht.

Stichwort: Entdeckertag

Der Entdeckertag findet jeden Mittwoch von 8.15 bis 15.30 Uhr in der Breitwiesen-Grundschule Zweibrücken statt. Rund 25 Kinder aus den Städten Zweibrücken und Pirmasens, aus dem Landkreis Südwestpfalz sowie Teilen des Landkreises Kusel nehmen daran teil. Zweimal im Jahr werden Kinder gesichtet und ausgewählt. Sie steigen meist zu Schuljahresbeginn beim Entdeckertag ein; die Förderung erstreckt sich über die gesamte Grundschulzeit.

Gearbeitet wird in zwei Gruppen: Die Einsteigergruppe beginnt am Morgen mit Knobel-Aufgaben, die Größeren beschäftigen sich in Kooperation mit dem Helmholtz-Gymnasium, das dafür Lehrkräfte entsendet, mit Fragen etwa aus dem Bereich der Naturwissenschaften oder der Philosophie. Im mittleren Block, der Kern- oder Forscherzeit, widmen sich die Kinder mit Unterstützung eigenen Interessensgebieten und bereiten Präsentationen vor. Es folgt eine Stunde Sport- und Spielzeit für beide Gruppen zusammen. Nach der Mittagspause gibt es drei Angebote aus dem musischen Bereich – etwa Kunst, Ukulele lernen, textil gestalten oder digital fotografieren. Die Lehrkräfte kommen aus der Breitwiesen-Grundschule.

Stichwort: Hochbegabung

Menschen, die in einem Intelligenztest einen Intelligenzquotienten (IQ) von 130 und höher erreichen, gelten als hochbegabt. Das sind etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung. Eine besondere Begabung bedeutet jedoch nicht, dass automatisch außergewöhnliche Leistungen erbracht werden. Eine Hochbegabung ist weder eine Garantie für schulischen noch für beruflichen Erfolg. Ob sich eine Hochbegabung auch in außergewöhnlichen Leistungen zeigt, ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Dazu gehören zum einen die Persönlichkeitsmerkmale der begabten Person wie etwa Motivation, Ausdauer oder Temperament, aber auch die Förderung in Elternhaus und Schule. Für intellektuelle Höchstleistungen braucht es jedoch nicht nur eine grundlegende Begabung, es muss auch trainiert und geübt werden.

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