Zweibrücken
Die Henkersmahlzeit vor dem Lockdown
Samstagabend, 20 Uhr, Zweibrücken. Vorletzter Abend vor dem gastronomischen Lockdown. Aus der Vertiefung hinter der Alexanderskirche sieht man hinauf zum schlauchartigen griechischen Lokal Odysseus, das an die Kirche angebaut wurde. Hinter jedem Fenster ein Tisch und durch das Gegenlicht erkennt man an jedem Tisch mindestens zwei Köpfe. Gut besucht ist das Odysseus am vorletzten Abend, bevor alle Zweibrücker Lokale für Gäste, die vor Ort essen wollen, einen Monat lang komplett schließen müssen.
Nur wenige Meter trennen die griechische Antike von der iberischen Halbinsel, zumindest kulinarisch. In der Bodega Dos Puentes eilen maskengesichtige Kellner von einem der vollbesetzten Tische zum nächsten. Auch hier gut besetzt. Nur die paar Außensitzplätze unter den drei ausgeschalteten Heizpilzen bleiben leer, während im Innern geschätzt 70 Gäste speisen, trinken, sich unterhalten.
Anders am anderen Ende der Fußgängerzone. In der Poststraße sind die vier Außentische des Paramount voll besetzt, und auch der Gastraum ist ausverkauft. Getrennt durch Plexiglasscheiben, auch hier Geschäftigkeit an den Tischen. Ein Paar, das gerade ankommt, hat zuvor bei Wirt Klaus Engesser telefonisch Sitzplätze nachgefragt. „Ihr könnt kommen, gleich wird was frei“, war die Antwort. Auch die vier Damen und der Herr am Fünfertisch im Außenbereich haben reserviert. Stammgäste seien sie, sagt eine Dame, und der Hahn im Korb sei „alter Schwede“, ein echter Schwede.
Jüngeren Datums ist der Barkeeper hinter der Theke; wegen ihm sind die Damen nach eigener Auskunft gekommen. Noch mal sprichwörtlich die Sau rauslassen vor dem Lockdown – das ist ihre Sache nicht, vielmehr gemütliches Beisammensitzen, erzählen, gemeinsam gut essen und eben den Barkeeper anschmachten. Das steht auf dem abendlichen Kneipenprogramm.
Neben der Eingangstür, im Innern des Paramount, lassen sich Richard Schmidt und Achim Rohr ihre, wie sie sagen „Henkersmahlzeit“, schmecken. Während aus dem Lautsprecher „Sawing The Seeds Of Love“ dudelt, macht Engesser seinem Unmut Luft. „Es trifft die Falschen. Ich habe in einen Luftreiniger investiert, wir haben Scheibenabtrennungen, Desinfektionsmittel und Außenplätze an der frischen Luft mit Wärmestrahlern.“
Einige Meter weiter, im Jonis am Hallplatz ist nahezu jeder Tisch besetzt. Nur zwei Gäste stehen in der klaren Vollmondnacht vor dem Lokal und unterhalten sich. Wiederum einige Meter weiter treffen sich ein paar junge Erwachsene vor dem Famous in der Poststraße, laut Schild eine Cocktailbar und Shisha-Lounge. Mit Maske geht es hinein, wobei der Eingang fast zugeparkt ist. In der gesamten Innenstadt, von Karls- und Wallstraße bis zur Von-Rosen-Straße stehen Autos, die vermutlich zum größten Teil Besuchern der Gastronomie gehören.