Zweibrücken / Germersheim
5. November 1923: Separatisten rufen die „Autonome Pfalz“ aus
Die Franzosen besetzen seit Dezember 1918 die ganze Pfalz. Zwei gegensätzliche politische Bestrebungen spalten die Geister: Fordern die Einen ein Ende der Besatzung, sehen die Anderen ihre Zukunft in einem eigenständigen, an Frankreich angelehnten Staat. Im Lauf des Jahres 1923 spitzt sich dieser Konflikt zu und erreicht zum Jahresende einen Höhepunkt.
Mitte April 1923: Zwei junge Männer fahren gemeinsam mit dem Zug von Zweibrücken aus durch die Pfalz ins Rechtsrheinische. Als Gegner der Besatzungsmacht wurden sie von den Franzosen ausgewiesen. Einer davon, der 29-jährige frisch verheiratete Rechtsanwalt Dr. Edgar Julius Jung, ist seit 1922 Mitarbeiter seines Schwiegervaters, des Reichstagsabgeordneten Albert Zapf aus Waldfischbach (Deutsche Volkspartei, DVP). Bis zu diesem Zeitpunkt hat er als Referendar in dessen Zweibrücker Kanzlei gearbeitet. Von hier aus organisierte er seit 1922 „Abwehrzirkel“ gegen die französische Besatzungsmacht und nahm deshalb Kontakt zu den Führern der nationalen Verbände auf, um deren pfälzische Gefolgsleute für seine Kampforganisation zu gewinnen, darunter auch Adolf Hitler.
Zweibrücker und Leimersheimer an vorderster Front
Einen Monat vor der Ausweisung, im März 1923, organisierte Jung ein Treffen von Vertrauensleuten einzelner pfälzischer „Abwehrgruppen“. Dabei wurde der „Rheinisch-Pfälzische Kampfbund“ ins Leben gerufen. In der Pfalz zählt er etwa 30 lokale Stützpunkte mit bis zu 200 Mitgliedern. Die Jungsche Organisation verschmilzt im Laufe des passiven Widerstandes mit einer anderen Gruppe. Sie wurde in Kaiserslautern vom dortigen Direktor der Süddeutschen Discontobank aufgebaut: Rudolf Emmerling aus Leimersheim. Vermutlich wurde er von Reichswehrstellen beauftragt, einen militärischen Abwehrdienst zu organisieren. Direkte Verbindungen mit dem Reichswehrkommando VII in München legen dies nahe.
Der Kampfbund betreibt Propagandaarbeit und verübt immer wieder kleinere Sabotageakte. Im September 1923 überfällt er Teilnehmer einer Separatisten-Kundgebung. Daraufhin wird Emmerling von französischen Gendarmen verhaftet. Nach Jungs Ausweisung übernimmt Emmerling die Führung des Kampfbundes in der Pfalz. Gleich darauf, im April 1923, schickt er seine Frau und seine vier Kinder im April aus der Gefahrenzone nach Bayern.
Die Lage spitzt sich zu, als am 5. November 1923 in Kaiserslautern der Präsident der „Freien Bauernschaft“ und Separatistenführer Franz-Josef Heinz aus Orbis alias „Heinz-Orbis“ die „Autonome Pfalz“ ausruft. Mit gewerkschaftlichen Methoden sowie Lieferstreiks kämpfte seine Vereinigung in den Nachkriegsjahren insbesondere gegen staatliche Zwangsbewirtschaftung der Landwirtschaft und stand damit in scharfem Gegensatz zur Staats- und Kreisregierung. In der Pfalz entwickelte sich die überparteiliche, überkonfessionelle Freie Bauernschaft rasch zur größten bäuerlichen Vereinigung mit rund 15.000 Mitgliedern (Stand 1923).
Aufsehen erregte insbesondere ein „Milchstreik“ in den Bezirken Kaiserslautern, Pirmasens und Zweibrücken im Jahr 1921 wegen der staatlich verordneten zu niedrigen Preisfestsetzung landwirtschaftlicher Produkte. Der Vorsitzende der Freien Bauernschaft-Gruppe Pfalz, Rudolf Hamm aus Zweibrücken, kam deshalb Anfang 1921 in Untersuchungshaft. Vorwurf in dem vorm Landgericht geführten Strafverfahren: „Beamtennötigung und Aufreizung zum Ungehorsam“.
In staatspolitischer Hinsicht lehnte Hamm die separatistische Politik von Heinz-Orbis ab. Dennoch galt auch er als Gesinnungsgenosse des berüchtigten Separatistenführers ebenso wie sein Geschäftsführer Dr. Jakob Naffziger vom Stausteinerhof bei Pirmasens, bis 1921 in Zweibrücken und seither in Kaiserslautern wohnhaft.
Polizei entwaffnet und Besatzungsmacht unterstellt
Gleich nachdem sich Heinz-Orbis zum Regierungspräsidenten der Autonomen Pfalz ernannt hat, marschieren in zahlreichen Kommunen Separatisten ein. Bevor Zweibrücken am 3. Dezember 1923 von Separatisten besetzt wird, erfolgt dies in Germersheim schon am 10. November 1923. Die bisherige Polizei wird entwaffnet und der Befehlsgewalt der Besatzungsmacht unterstellt. Die „Autonome Regierung“ stationiert auch einen Trupp Bewaffneter im damaligen Grenzort Leimersheim. Auftrag: Überwachung des Rheinübergangs.
Von den Bürgermeistern und Gemeinderäten werden Loyalitätserklärungen gefordert, notfalls erpresst. Der Gemeinderat von Leimersheim sieht sich nicht als dafür zuständig, die neue Regierung anzuerkennen, erklärt sich aber bereit, nichts gegen sie zu unternehmen und für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Wie viele andere auch gibt der Leimersheimer Bürgermeister Emil Emmerling, ältester Bruder des Bankiers Rudolf Emmerling, unter Druck und „dem Zwang der Verhältnisse“ eine Erklärung über die Zustimmung zur neuen Regierung ab. Deshalb wird er noch lange von nationalistischen Kräften des Separatismus beschuldigt. Im „Dritten Reich“ wird zeitweise seine Mühle stillgelegt, obwohl sich dadurch die Ernährungslage im Krieg verschlechtert.
Bereits zwei Tage vor dem Sieg der Nationalsozialisten bei den Reichstagswahlen im März 1933 wird in Zweibrücken auf den Bauernhof von Rudolf Hamm, 1923 Vorsitzender der „Freien Bauernschaft“, ein Brandanschlag verübt. Mangels Ortskenntnis wird der falsche Hof angezündet, jener des unpolitischen Nachbarn und Mennoniten Johann Fuchs.
Die Separatistenzeit von 1923 währte nicht lange. Am 9. Januar 1924 wird der Separatistenführer Heinz-Orbis im Hotel „Wittelsbacher Hof“ in Speyer von Edgar Julius Jung und mehreren Mitverschwörern erschossen. Sechs Wochen danach übernimmt die rechtmäßige Regierung in Speyer wieder ihre Amtsgeschäfte. Der einzige aktive Separatist in Leimersheim flieht nach Frankreich und geht in die Fremdenlegion.
Wie es danach weitergeht
1924 zieht Frankreich seine Unterstützung der Separatisten zurück und reduziert in den Folgejahren im Rahmen der deutsch-französischen Verständigung seine Besatzungstruppen erheblich. Ein erträgliches Nebeneinander zwischen der Bevölkerung und der fremden Armee wird möglich. Im Juni 1929 – ein Jahr vor dem Ende der Besetzung – beträgt die Stärke der Garnison in Zweibrücken noch 2414 Mann. Mit der Lösung der Reparationsfrage im so genannten Young-Plan wird der Weg zur Räumung der Pfalz frei. Die französischen Truppen ziehen am 30. Juni 1930 ab. Die erworbene Freiheit währt nur drei Jahre und endet mit Hitlers „Machtergreifung“ 1933.
Edgar Julius Jung, der mit seinem 20-köpfigen Kommando Heinz-Orbis ermordet hat, ereilt 1934 dasselbe Schicksal. Weil der „aggressive Nationalist“ sich nicht in die nationalsozialistische Partei einreihen will, wird er 1934 bei einer „Säuberungswelle“, der auch viele SA-Führer zum Opfer fallen, von Nationalsozialisten ermordet.
Rudolf Hamm veröffentlicht 1930 ein Büchlein, in dem er sich nicht nur von den separatistischen Aktivitäten von Heinz-Orbis distanziert, der noch im November 1923 von der Vorstandschaft der „Freien Bauernschaft“ abgesetzt worden sei. Hamm weist auch Parallelen zu Hitlers Putschversuch in München wenige Tage nach Ausrufung der „Autonomen Pfalz“ auf und spricht dabei von „Verbrechen Hitlers“; und dies drei Jahre vor dessen „Machtergreifung“. Der ihm geltende und fälschlicherweise den Nachbarhof treffende Brandanschlag erfolgt am 3.3.33, worauf eine Gedenktafel auf dem Beileisterhof hinweist. Zur selben Stunde beginnt in der Zweibrücker Festhalle eine Versammlung der NSDAP, bei der auch Nazi-Innenminister Wilhelm Frick vor rund 2500 Hörern sprechen wird. Mit anwesend: jede Menge SA-Leute, die später als „Bewacher“ des abgebrannten Hofes in Erscheinung treten.