Speyer Zwischenfall im Dom: 329 Gramm aus 30 Metern
„Sicherungselement wird zum Sicherheitsrisiko“, hat das Bistum seine Mitteilung über den Vorfall gegen 7.30 Uhr überschrieben. Domdekan Christoph Kohl hatte den Gottesdienst mit einer sehr überschaubaren Anzahl von Gläubigen gerade beendet, als der Eisenkeil nach unten stürzte. Der sechs mal sieben Zentimeter große und 329 Gramm schwere Eisenkeil, sichtbar angerostet, kam vor den Stufen zum Pfarraltar, einige Meter neben den Opferkerzenständern zum Liegen. „Verletzt wurde glücklicherweise niemand“, so das Bistum. Der betroffene Bereich ist abgesperrt, weitere Untersuchungen stehen an.
Nach einer ersten Einschätzung von Dombaumeisterin Hedwig Drabik hat sich der historische Keil wohl aus dem letzten romanischen Gurtbogen über dem Mittelschiff der Kathedrale gelöst. „In einem Bogen stützen sich die Steine idealerweise gegenseitig, wenn es jedoch, etwa bei Temperaturschwankungen oder Bauwerksbewegungen, zu Spannungen kommt, können Lücken entstehen.“ An dieser Stelle stehe das Gebäude bedingt durch die Baunaht zwischen dem romanischen sowie dem im Barock wiederaufgebauten Teil ohnehin unter einer besonderen Spannung. Keile wie der herabgestürzte seien wohl in der Barockzeit, also womöglich im 17. oder 18. Jahrhundert, eingesetzt worden. Sie sollten damals für zusätzliche Sicherheit sorgen, den sogenannten Kraftschluss wiederherstellen. „Sie sind daher auch normalerweise nicht sichtbar“, erläutert Drabik.
Dombaumeisterin vor Ort
Die Dombaumeisterin und Techniker waren am Dienstagmorgen gleich nach dem Zwischenfall zur Stelle. Ein Experte wurde demnach hinzugezogen, um den Gurtbogen und die daran anschließenden Pfeilerrücklagen sowie Säulenvorlagen direkt nach dem Zwischenfall mit einem Fernglas zu begutachten. Zusätzlich würden in jedem Fall Untersuchungen mit Hilfe eines Hubsteigers notwendig, der bereits angefordert wurde. Es gehe um eine Höhe von circa 30 Metern, erklärte Dom-Kulturmanagerin Friederike Walter auf Anfrage. Von einer Gefahr über den abgesperrten Sektor hinaus sei nicht auszugehen. Dennoch werde nun auch ermittelt, ob es weitere Fugen im Gewölbe gebe, die auf diese Weise verschlossen seien. Ein weiterer Gurtbogen im Stil des betroffenen befinde sich nur noch im ohnehin nicht öffentlich zugänglichen Bereich hinter dem Pfarraltar.
Drei Tage vor dem Zwischenfall hatte im Speyerer Dom das Lobpreistreffen „United Praise“ mit an die 1000 Besuchern und von Bässen untermalter Musik stattgefunden.
RHEINPFALZ-Kommentar von Patrick Seiler
Ursachen detailliert erforschen
Der Dom ist ein riesiges, uraltes Gebäude. Der Zwischenfall vom Dienstag zeigt, wie wichtig sein seriöser Bauunterhalt ist.
Die Angst, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fallen könnte, wird den heidnischen Kelten zugerechnet. Die Sache mit dem in Speyers größtem Sakralraum abgestürzten Eisenkeil war jedoch auch nicht ohne. Nicht auszudenken, wenn es im Umfeld einer größeren Veranstaltung passiert wäre. Die Verantwortlichen tun gut daran, die Ursachen detailliert zu erforschen. Wer sich bisher fragte, warum der Bauunterhalt der fast ein Jahrtausend alten Kathedrale regelmäßig hohe Summen verschlingt, hat jetzt eine weitere Antwort erhalten.