Speyer Zwischen Bilbao und Bogota: Speyer
Ja, noch sehr gut. Den Evangelisten in der Johannes-Passion habe ich zum ersten Mal 1981 in der Johanniskirche in Mainz gesungen. 1983 in München war dann mein erstes Konzert als Evangelist in der Matthäus-Passion. Gibt es für den Evangelisten-Sänger gravierende Unterschiede zwischen beiden Passionen? Der entscheidende Unterschied betrifft Umgang und Länge. Die Matthäus-Passion ist eben viel ausgedehnter. Doch ist die Partie dort besser verteilt und es gibt durch die vielen Ariosi und Arien mehr Zeit für den Sänger zur „Erholung“, so dass die Johannes-Passion eigentlich anstrengender ist. Haben Sie eine Präferenz, welche Passion Ihnen lieber ist? Nein, beides sind ganz großartige Werke. Ich kann der oft geäußerten Meinung, die Matthäus-Passion sei das bessere und bedeutendere Werk, nicht folgen. Hat sich Ihr Vortrag des Evangelisten in der Johannes-Passion im Laufe der Zeit verändert? Und, wenn ja, wie? Natürlich verändert sich der Vortrag einer Oratorienpartie nicht so extrem wie der einer Opernrolle. Veränderungen gibt es durch meine intensive Beschäftigung mit dem Lied. Meine Sicht auf die Dramatik der Partie hat sich verändert. Ich möchte den Menschen des 21. Jahrhunderts diese Musik näher bringen und sie packen. Sie haben diesen Part in vier verschiedenen Versionen auf CD aufgenommen. Hat der Dirigent wesentlichen Einfluss auf Ihre Gestaltung? Wenn ja, welchen? Es gab viele interessante Begegnungen für mich – und wenn ein Dirigent genaue Vorstellungen von dem Stück hat, dann inspiriert mich das natürlich auch. Was sind die Unterschiede für Sie zwischen Aufführungen mit historischen oder modernen Instrumenten? Die historische Aufführungspraxis hat einen ganz anderen Zugang zu der Alten Musik ermöglicht, allein hinsichtlich Phrasierung, Artikulation und dem Gebrauch des Vibrato. Wie anders klingt Bach heute, wie anders ist das Verhältnis zwischen den Instrumenten geworden. Früher haben Sinfonieorchester Bach wie Brahms oder Bruckner gespielt, heute ist auch das Bewusstsein bei den modernen Orchestern viel weiter. Und was bewirkt die alte Stimmung, bei Originalklangensembles zumeist 415 Hertz statt der bei modernen Instrumenten üblichen 440 (oder mehr) Hertz, also einen halben Ton tiefer? Die Stimmung hat schon eine Wirkung. Sie nimmt oft die Spannung aus der Stimme. Der Evangelisten-Part in Bachs Passionen ist gemessen an den Passionen seiner barocken Zeitgenossen extrem und hochexpressiv. Wie ist Ihre Haltung? Zugespitzt gefragt: Wahren Sie Distanz oder machen Sie sich die Leidenschaft der Musik zu eigen? Ich kann mich nicht zurückhalten beim Vortrag dieser Musik. Ich möchte sie so expressiv wie möglich gestalten. Natürlich nicht romantisierend. Sie dirigieren ja auch die großen Vokalwerke Bachs. Wie kamen Sie dazu? Anlass zum Dirigieren war für mich die Mitwirkung bei Aufführungen, bei denen die Dirigenten kein Konzept hatten. Das Dirigieren gibt mir größere Gestaltungsmöglichkeiten, erfordert aber auch eine andere Verantwortung. Ich mache es sehr gerne. 2012 habe ich zum ersten Mal die Johannes-Passion dirigiert, 2014 die Matthäus-Passion. Ich bin sehr stolz und glücklich, dass ich Ende dieses Jahres beim Weihnachtsoratorium von Bach die Ensembles des berühmten Bach-Interpreten Philippe Herreweghe leiten kann. Was sagen Sie zur zweiten Fassung der Johannes-Passion von 1725, die in Speyer musiziert wird? Die zweite Fassung verändert das Gesicht der Johannes-Passion. Es ist bei den ersten zehn Nummern ja auch ein in vielen Details anderes Stück, weil da ja meist die spätere Reinschriftfassung von Bach aufgeführt wird. Sie kommen zwischen Konzerten in Spanien und Kolumbien nach Speyer. Freuen Sie auf das Konzert in der Pfalz? Ich freue mich sehr auf das Konzert und die Arbeit mit geschätzten Kollegen. Domkapellmeister Markus Melchiori kenne ich schon lange – und mit Andreas Scholl hab ich auch schon gearbeitet. Ich bin ja nicht zum ersten Mal hier. Vor ein paar Jahren habe ich Schuberts „Winterreise“ im Kaisersaal des Doms gesungen. Karten Vorverkauf für das Konzert am Palmsonntag, 14. April, um 17 Uhr in der Speyerer Dreifaltigkeitskirche ist in der Dom-Info, Domplatz 1b, der Tourist-Information Speyer, Maximilianstraße 13, unter www.reservix.de und beim RHEINPFALZ-Ticket Service, Telefon 0631 3701-6618, E-Mail ticketservice@rheinpfalz.de.